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Merken   Drucken   17.08.2005, 18:11 Schriftgröße: AAA

Vogelgrippe ante portas  

Die Vogelgrippe wandert westwärts, nach Europa. Vermutlich waren es Zugvögel, die das gefährliche Virus aus dem fernen China nach Russland einschleppten. Fieberhaft wird an einem Impfstoff geforscht. von Wiebke Rögener
Wie aus der Vogelgrippe eine Pandemie werden kann   Wie aus der Vogelgrippe eine Pandemie werden kann
Die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) bestätigte jetzt, dass es sich bei dem in Erreger in Sibirien tatsächlich um das H5N1-Virus handelt, das in Asien seit anderthalb Jahren grassiert und bereits 60 Menschen und Millionen von Vögel tötete.
"Meldungen, der Erreger sei auch weiter westlich, im Ural, gefunden worden, sind bisher aber nicht vom OIE bestätigt", sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut in Berlin. Dennoch entschied am Mittwoch das Bundesinnenministerium, Menschen wie Nutztieren die Einreise nach Deutschland zu verweigern, falls ein Verdacht auf Vogelgrippe bestehe. Zudem untersagte die EU vorsorglich den Import von Geflügel aus Russland und Kasachstan. Und in den Niederlanden wurde Hühnern der Freilauf gestrichen, um eine Ansteckung bei wilden Vögeln zu verhindern.
Infizierte Vögel im Koffer versteckt
Sollte das Virus H5N1 jedoch schon bis zum Ural gelangt sein, könnte es bald auch nach Mitteleuropa einfliegen: Beringungsexperimente zeigen, dass Zugvögel diese Strecke zurücklegen können. Noch einfacher hatten es zwei infizierte Vögel aus Russland, sie wurden vor zwei Wochen per Flugzeug nach Brüssel gebracht, vom Zoll im Koffer entdeckt und beschlagnahmt.
"Trotz solcher Vorkommnisse besteht kein Grund zur Panik", betont Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. Zwar können Menschen, die engen Kontakt mit Geflügel haben, sich mit H5N1 anstecken. Doch das kommt eher selten vor: Bisher starben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation etwa 60 Menschen an der Viruserkrankung. Gefährlich wird es, wenn sich das Vogelvirus so verwandelt, dass es auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, was früher oder später zu erwarten ist. Eine weltweite Pandemie, die Millionen Todesopfer fordern könnte, ist dann nicht auszuschließen.
Fieberhaft wird daher an einem Impfstoff geforscht, und Erfolgsmeldungen verbreiten sich derzeit mindestens so schnell wie das Virus - doch auch sie bestätigen sich nicht immer. "Wir haben einen Impfstoff", sagte Anthony Fauci, Leiter des US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases, der "New York Times".
Allenfalls ein Prototyp
In einem ersten klinischen Versuch waren Freiwillige mit einem abgewandelten Vogelgrippe-Virus geimpft worden. 113 von 452 Testpersonen bildeten daraufhin Antikörper gegen den Erreger. "Doch einen einsetzbaren Impfstoff hat man damit noch lange nicht", sagt Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Denn noch ist nicht nachgewiesen, ob die Impfung Menschen tatsächlich vor dem echten H5N1-Virus schützen kann.
Vor allem aber ist der neue Impfstoff allenfalls ein Prototyp. "Den Pandemie-Erreger gibt es ja noch nicht, und keiner weiß, wie er aussehen wird. Erst wenn ein von Menschen übertragbares Virus auftritt, kann ein Impfstoff entwickelt werden", sagt Stöcker. Dafür allerdings sind die Vorarbeiten der US-Forscher durchaus nützlich. Denn sie haben es geschafft, die H5N1-Variante in Hühnereiern zu züchten und so für die Impfstoffentwicklung zu kultivieren. "Damit sind diese Versuche ein wichtiger Baustein - aber sicher nicht der Durchbruch", sagt Stöcker. Noch in diesem Jahr will das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline einen Vogelgrippe-Impfstoff für Menschen testen. Auch er wird in Hühnerembryonen herangezogen.
Wünschenswerter wäre es, ganz ohne Hühnereier auszukommen. Denn darin lassen sich nur begrenzte Mengen Impfstoff herstellen. Deshalb dauert die Produktion relativ lange. Schneller ginge es in Zellkulturen. "Daran arbeiten viele Firmen", sagt Susanne Stöcker. "Wenn die Pandemie noch ein Weilchen auf sich warten lässt, steigen die Chancen, dass diese neue Methode dann auch funktioniert."
Vorbeugender Geflügelimpfstoff nicht zulässig
Auch Geflügelzüchter haben großes Interesse daran, ihre Bestände vor dem Virus zu schützen. Eine vorbeugende Impfung fürs Federvieh ist bisher allerdings nicht zulässig. Denn dann ließe sich nicht mehr unterscheiden, ob ein Huhn geimpft oder infiziert ist.
Ein neuer Geflügelimpfstoff, den Wissenschaftler des Friedrich-Löffler-Instituts auf der Insel Riems entwickelten, überwindet nun dieses Hindernis. Die Forscher um den Virologen Thomas Mettenleiter bauten ein Stück Erbinformation des Geflügelpest-Erregers in ein Herpes-Virus ein und impften Hühner mit diesem Kombipack. Das Ergebnis: Die Tiere entwickeln eine Immunantwort, die vor Herpes und vor der Vogelgrippe schützt und sich von einer natürlichen Infektion deutlich unterscheidet. Marktreif ist auch dieser Impfstoff noch nicht. Denn für den Schutz der billigen Broiler will kein Hühnerzüchter viel Geld ausgeben. "Impfstoffe für Geflügel müssen kostengünstig herzustellen sein", sagt Mettenleiter, "daran arbeiten wir noch."
  • Aus der FTD vom 18.08.2005
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