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  FTD-Serie: 101 Köpfe der deutschen Forschung

Wer steckt hinter wegweisenden Entwicklungen und Techniken der Zukunft? Wer bringt den Forschungsstandort Deutschland maßgeblich voran? Wir stellen die führenden Akteure in Wissenschaft und Forschung vor.

Merken   Drucken   20.03.2005, 18:12 Schriftgröße: AAA

Walter Birchmeier: Perfektionist mit Bedacht

Walter Birchmeier gehört zu den führenden Krebsforschern Deutschlands. Er untersucht, warum Krebszellen Metastasen bilden. von Uta Deffke
Walter Birchmeier, Leiter des Max-Delbrück-Centrums für ...   Walter Birchmeier, Leiter des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC)
Auf dem großen runden Tisch in seinem Büro liegen zwei Stapel Papier: "Das", sagt Walter Birchmeier, und deutet auf den Berg Aktenordner, "ist der Grund dafür, dass mein Wecker jetzt manchmal schon um vier statt um sechs klingelt." Über den bürokratischen Aufgaben des neuen Amtes will der Molekularbiologe auf gar keinen Fall seine Forschungsarbeit vernachlässigen. Also muss der Schlaf dran glauben.
Seit knapp einem Jahr ist Walter Birchmeier Leiter des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch, ganz im Nordosten der Hauptstadt. Vorübergehend, wie er betont, ist er vom Stellvertreter zum Leiter geworden. Bis ein Nachfolger für den plötzlich zur Charité gewechselten Detlev Ganten gefunden ist. So verwundert es nicht, dass Birchmeier viel lieber und immer wieder auf den zweiten Papierstapel zu sprechen kommt: ein paar ausgewählte Veröffentlichungen - Meilensteine seiner wissenschaftlichen Arbeit, die hier auf wenigen Seiten zusammengefasst ist.
Konkurrenz im Labor
Birchmeiers Thema ist der Krebs auf zellulärer Ebene. Er möchte verstehen, wieso manche Krebszellen zu wandern beginnen und Metastasen bilden. Wesentliche Mechanismen dieser Prozesse haben er und seine Mitarbeiter schon aufklären können. Trotz seiner Erfolge sagt der 61-Jährige mit kritischem Blick auf seine Papiere: "Im Grunde war ich ein Spätstarter." Die erste herausragende Publikation habe er erst mit 40 Jahren veröffentlicht.
Der gebürtige Schweizer erzählt gerne, aber er spricht langsam und bedächtig, nimmt sich Zeit zum Nachdenken und zum Zweifeln. "Wenn er einen Vortrag hält, passiert es schon mal, dass die letzten drei Minuten eingeläutet werden und er gerade die Einleitung beendet hat", berichtet sein langjähriger Weggefährte Jürgen Behrens von der Uni Erlangen. Doch seine Bedächtigkeit gehe mit dem Wunsch einher, alles besonders gut zu machen. "Er liebt den Wettbewerb", sagt Behrens und erinnert sich an Konkurrenz im Labor um die besten Experimente. Und als Chef sei Birchmeier ein "Pusher": "Er versucht immer, das Bestmögliche herauszuholen. Lieber noch etwas weiter forschen, etwas mehr ins Detail gehen. Was dann herauskommt, das hat wirklich Substanz."
Als leidenschaftlichen Politiker sehen ihn die wenigsten
Bevor Birchmeier zum Vollblutwissenschaftler wurde, hatte er als Grundschullehrer und Kirchenmusiker sein Geld verdient. Die Liebe zur Musik ist geblieben, selbst spielen tut er nicht mehr: "Es ist unbefriedigend, etwas schlecht zu machen." Stattdessen genießt er das Kulturleben Berlins, besucht Konzerte und Opern. Berlin war schon immer Birchmeiers Traum. Seit 1993 ist er jetzt Professor am MDC. Sein Weg dorthin führte ihn über Stationen in den USA, Tübingen und Essen. "Das ist ganz typisch für einen Schweizer mit Oppositionsgeist", sagt Peter Herrlich, Krebsforscher aus Jena. "Wer da eckig ist, muss in die Ferne gehen, wenn er etwas werden will."
Birchmeiers direkte Art wird von Forscher-Kollegen geschätzt, doch ob sie ihn auch durch sein neues Amt trägt? Als leidenschaftlichen Politiker sehen ihn die wenigsten. Auch er selbst fühlt sich wohler in der Forscherrolle. Trotzdem will und muss Birchmeier für das MDC einiges bewegen. Die Vernetzung von klinischer und Grundlagenforschung müsse vorangetrieben werden, damit Forschungsergebnisse schneller den Patienten erreichen. "Man müsst’ viel mehr machen", sagt Birchmeier nachdenklich, und es ist zu spüren, dass er auch dieses Amt-auf-Zeit möglichst gut ausfüllen will.
Persönliche Fragen
Ihr erstes Experiment? Mein erstes richtiges Experiment habe ich wohl während der Diplomarbeit gemacht.
Wann haben Sie Ihre besten Einfälle? Am Wochenende. Der Montag war immer schrecklich für die Mitarbeiter.
Welche Forschung halten Sie für verzichtbar? Militärische Forschung.
  • FTD, 20.03.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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