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Merken   Drucken   24.06.2006, 09:15 Schriftgröße: AAA

Weekend: Legierungswechsel  

Karbon mag leicht sein, ist aber überempfindlich. Fahrradfahrer mit Sinn für Eleganz und Tradition fahren wieder auf Stahlrädern. von Torsten Geiling
Das Papalagi Touring ist ein Klassiker   Das Papalagi Touring ist ein Klassiker
Karbon ist eine Diva. Sie ist in der Glamourwelt des gut kapitalisierten Spitzensports zu Hause. Dem rauen Alltag deutscher Gebrauchsfahrräder ist sie nicht gewachsen. Karbon reagiert empfindlich und kann sehr nachtragend sein. Kaum falsch angefasst, kaum einmal aus halber Höhe und ohne Vitesse hingefallen, schon durchziehen winzige Haarrisse das teure Material. Die sind zunächst unsichtbar, haben aber umso gravierendere Folgen. Wie unlängst auch der Radprofi George Hincapie beim Klassiker Paris-Roubaix schmerzhaft zu spüren bekam: Sein Karbonlenker brach plötzlich und in voller Fahrt ab.
"Mit Stahl passiert so etwas nicht. Das Material ist viel zu gutmütig", sagt Gunnar Fehlau vom Pressedienst-Fahrrad. "Sollte Stahl einmal überfordert sein, so bricht er nicht abrupt. Sie haben dann immer noch genug Zeit, um rechtzeitig absteigen zu können." Das ist aber nur einer von vielen Gründen, warum der Stahl in der Radszene sein Comeback feiert, obwohl er von Aluminium und Karbon in den letzten Jahren fast in die Bedeutungslosigkeit gedrängt worden war. Stahlrahmen waren kaum noch im Angebot zu finden.
Das Material sei zu weich, zu teuer - und vor allem zu schwer, lautete der kritische Dreiklang der Stahlverächter. Alles Legenden! Schon das Rad, mit dem Eddy Merckx 1972 den Stundenweltrekord aufstellte, hatte einen gemufften Stahlrahmen und wog gerade einmal 5,75 Kilogramm.
"Es ist sicherlich der Geist dieser vergangenen Zeiten", sagt Gunnar Fehlau, der den Trend mit der Liebe zu mechanischen Uhren vergleicht. "Auch die können eine ungemeine Faszination versprühen." Heinz Helfgen, Rudi Altig oder auch Don Camillo: alle wurden sie auf Rädern mit Stahlrahmen berühmt, die von Schmieden über lodernden, offenen Feuern zusammengefügt wurden. "Fahrradkauf und Materialwahl sind eben auch eine emotionale Angelegenheit."
Doch es sind längst nicht mehr nur die Traditionalisten, die ihre gestählten Leiber am liebsten auf ebensolche Räder setzen. "Auch bei jungen Leuten ist das Material wieder gefragt", sagt Butch Gaudy, eine Ikone der europäischen Mountainbikeszene und Inhaber der Schweizer Firma MTB Cycletech. "Ich kenne viele, die sich bei Auktionen von alten Rennrädern Stahlrahmen suchen und sich daraus individuell ihr Rad neu aufbauen."
Eleganter Stahl
Butch Gaudy kann das gut verstehen. "Stahl ist elegant und versprüht einen besonderen Charme", sagt er. Im Vergleich zur filigranen Linienführung der Stahlrahmen von Edelschmieden wie Grandis oder De Rosa wirkt Aluminium mit seinen dicken Rohren und flächigen Profilen plump und unelegant, "und ob Karbon außer im Profisport eine große Zukunft haben wird" - Gaudy hat da seine Zweifel. Es habe zwar den Radsport neu erfunden, da die Gesetze des stabilen dreieckigen Rahmens für die Faser nicht mehr gelten würden, "aber die Anfälligkeit des Materials und seine Wartungsunfreundlichkeit sind doch ein großer Nachteil".
Seit 1985 baut der 55-jährige promovierte Wirtschaftsinformatiker das Papalagi Reiserad - ununterbrochen in Stahl. 2005 wurde der zuverlässige Kilometerfresser und Lastesel vollkommen überarbeitet. Herzstück ist nach wie vor ein Rohrsatz aus Stahl, den Gaudy zusammen mit dem Rahmenbauer Reynolds entworfen hat. "Im Tourenbereich gibt es nichts Besseres als Stahl." Wer auf Steifigkeit und Festigkeit setzt, komme an Alu nicht vorbei. Das fährt sich aber wie Karbon äußerst hart und belastet die Wirbelsäule, weswegen man meist eine Federung brauche, und das bedeutet zusätzliches Gewicht.
"Stahl fährt sich auf Grund seiner elastischen Eigenschaften komfortabel und sportlich zugleich", sagt Fehlau. "Außerdem kann es auf Reisen bei Defekt einfach in Eigenregie repariert werden. Denn einen Schmied findet man selbst in den abgelegensten Zonen dieser Welt."
Damit der Stahl aber auch bei den Rennrädern aus der Nische wieder vermehrt auf die Straßen zurückkehrt, arbeitet beispielsweise Reynolds an einem neuen Rohrsatz, der den Namen "953" trägt. Er soll noch härter, langlebiger und leichter sein. Die Radszene erwartet das Modell mit leuchtenden Augen und großer Spannung. Der Diva wird das sicherlich nicht gefallen.

Kilometerfresser Das Papalagi Touring (Bild) ist ein Klassiker, von MTB Cycletech, 12,9 Kilogramm, 2099 Euro, www.velo.com
Speed Metal Der Rennradrahmen "Corum" von De Rosa ist aus Stahl, hält ewig, ca. 1600 Euro, www.derosanews.com
  • FTD.de, 24.06.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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