Wasserkreislauf für Berlin
Auf Kristallkugeln und Kaffeesatz geben die Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Geographie und Geographische Fernerkundung der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität nichts. Sie stützen ihren Blick in die Zukunft auf ein anderes Hilfsmittel: einen schrankgroßen Linux-Computer mit 56 Prozessoren und eigener Klimaanlage.
Die Wissenschaftler entwickeln neue Techniken, um die Zukunft des weltweiten Wasserhaushalts besser voraussagen zu können. Ihre Arbeit ist Teil des Programms "Globaler Wandel des Wasserkreislaufs" (GLOWA) des Bundesforschungsministeriums. Für fünf verschiedene Flussgebiete entwickeln die Forscher Prognose-Modelle: in Westafrika und dem Nahen Osten, aber auch an Elbe und Donau. In dieser Woche treffen sich 250 Wissenschaftler zu einer GLOWA-Statuskonferenz in Köln.
Verschiedene Modelle aus unterschiedlichen Bereichen
Um abzuschätzen, wie sich die Wasserverfügbarkeit im Bereich der Oberen Donau in den nächsten 100 Jahren verändern wird, laufen im System "DANUBIA" verschiedene Modelle aus so unterschiedlichen Bereichen wie Wasserwirtschaft, Meteorologie und Tourismusforschung zusammen. "Natürlich sind auch Computermodelle unsicher, je weiter sie in die Zukunft blicken - wie ein Wetterbericht", erläutert Ulrich Strasser, Koordinator des Donau-Projekts. "Doch in DANUBIA wird eine ganze Familie von Modellen zusammengefügt, die naturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Daten miteinander verbindet und daraus Szenarien entwirft."
Deutschland gehört zwar, was die Menge an verfügbarem Wasser angeht, zu den Schlaraffenländern der Welt. Wenn aber die Annahmen von Klimaforschern zutreffen, dass die Temperaturen in den nächsten Jahrzehnten um 1,5 bis 4 Grad Celsius ansteigen, könnte auch hier das Wasser mancherorts knapp werden.
So ist der Pegelstand der Donau in trockenen Sommermonaten nur deshalb hoch, weil der Fluss vom Schmelzwasser der Alpengletscher gespeist wird. Die Modelle zeigen, dass durch einen Temperaturanstieg die Gletscher völlig verschwinden würden, womit der Wassernachschub für die Donau im Sommer versiegen und der Pegel stark abgesenkt würde. Die Wassermengen sind im Bereich der Oberen Donau nicht nur zur Versorgung der 8,2 Millionen Menschen nötig. Sie verdünnen auch Abwässer, die eingeleitet werden, und dienen der Kühlung von Kraftwerken. Geringere Wassermengen bedeuten, dass sich die Schadstoffkonzentration erhöht und erhitztes Kühlwasser den Fluss stärker erwärmt - die Kraftwerke müssten zeitweilig abgeschaltet werden. "Mit diesen Szenarien können wir die Richtung vorgeben für ein nachhaltiges Wassermanagement", meint Ulrich Strasser.
Modelle nutzbar machen
Sozialwissenschaftliche und ökonomische Parameter in ein naturwissenschaftliches Modellsystem zu integrieren ist ungewöhnlich. "Zu Beginn wurden wir von französischen und englischen Kollegen belächelt", sagt Michael Christoph vom Institut für Geophysik und Meteorologie der Universität Köln. Der Wissenschaftler leitet die Untersuchungen des größten GLOWA-Projekts "Impetus" in Marokko und im westafrikanischen Benin. Doch gerade in dieser Klimazone hat das Verhalten der Bevölkerung einen besonders starken Einfluss auf den Wasserkreislauf. "Wir sind gerade dabei, die Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Erhebungen zu quantifizieren und in unsere Prognosemodelle einzubauen. Sonst regnet es nämlich aus den falschen Gründen", sagt Michael Christoph. Das Ziel: die Modellsysteme so aufzubauen, dass sie später von Politikern, Bürgermeistern und Beamten genutzt werden können, um die Folgen ihrer Entscheidungen besser abzuschätzen.
Auch Berlin könnte ernsthafte Wasserprobleme in einigen Jahrzehnten bekommen. Denn durch den Braunkohletagebau in der Lausitz wurden im vergangenen Jahrhundert große Mengen Grundwasser in die Spree gepumpt. Doch die Braunkohleförderung geht zurück, und vorhandenes Wasser wird genutzt, die Tagebau-Löcher zu fluten. "Schon jetzt ist in manchen trockenen Sommern zu beobachten, dass die Spree rückwärts fließt, weil der Zufluss so gering ist", erläutert Frank Wechsung vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Szenarien der Klimaforscher zeigen, dass Berlin in 30 Jahren in trockenen Sommern wahrscheinlich gar keinen Zulauf mehr haben wird. Auch das Elbgebiet würde das zu spüren bekommen.
Wasserfluss
Lausitzer Revier Die ehemaligen Braunkohletagebau-Löcher werden heute geflutet und entziehen der Spree Wasser.Folgen Weniger Spreewasser spürt auch das Elbgebiet. Es versorgt 80 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung. Weitere Klimaveränderungen könnten einen Mangel noch weiter verschlimmern.