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Merken   Drucken   02.10.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

50 Jahre Schrittmacher: Hilfe fürs Herz

Vor 50 Jahren implantierte der Chirurg Heinz-Joachim Sykosch den ersten Herzschrittmacher in Deutschland. Aktuell leben bundesweit eine Million Menschen mit der bahnbrechenden Technik in der Brust. Der mutige Mediziner aber wurde damals erst mal entlassen.
© Bild: 2011 DPA/Bildfunk/Rolf Vennenbernd
Vor 50 Jahren implantierte der Chirurg Heinz-Joachim Sykosch den ersten Herzschrittmacher in Deutschland. Aktuell leben bundesweit eine Million Menschen mit der bahnbrechenden Technik in der Brust. Der mutige Mediziner aber wurde damals erst mal entlassen. von Yuriko Wahl-Immel
Am 6. Oktober 1961 setzt sich der junge Chirurg Heinz-Joachim Sykosch über den Willen seines Chefs hinweg - und wird damit Medizingeschichte schreiben. Er implantiert in Düsseldorf einem 19-jährigen Unfallopfer einen Herzschrittmacher. Ein ungeheueres Wagnis, das vor ihm niemand zuvor in Deutschland riskiert hat.
Der Patient überlebt, steht schon kurz nach der OP auf. "Und ich wurde gefeuert", erzählt der heute 86-jährige Pionier. Aber der geglückte Eingriff macht Furore, Sykosch wird schnell wieder eingestellt. Bis zu seinem Ruhestand 1990 setzt er mehr als 8000 Schrittmacher ein. Ein rasanter technischer und medizinischer Fortschritt kommt in Gang, von dem bundesweit mehr als eine Million Menschen profitieren.
Erster Schrittmacher wog 240 Gramm
"Mein Chef hatte gesagt, ich soll den Mann in Frieden sterben lassen", erinnert sich Sykosch. "Aber ich hatte von der Entwicklung eines erstmals vollständig implantierbaren Schrittmachers in den USA gehört. Das Gerät habe ich bekommen, und es hat funktioniert. Dieser erste Schrittmacher, den ich danach noch einige hundertmal implantiert habe, wog 240 Gramm, und die Batterien hielten etwa zwei Jahre lang." Heute sind die Minis Federgewichte mit dem Durchmesser eines größeren Mantelknopfes und halten acht bis zehn Jahre.
Der junge Assistenzarzt findet keine Ruhe. "Es hat mich gestört, dass der Schrittmacher permanent geschlagen hat, auch wenn der Patient selber zwischendurch einen ordentlichen Puls hatte", sagt Sykosch. Gemeinsam mit Tüftlern entwickelt er ab 1963 den "R-Wellen-Simulator" - ein Gerät, das dem Herzen nur Impulse gibt bei wirklichem Bedarf. Der Vorläufer des "Demand"-Schrittmachers, der bis heute verwendet wird, der Strom spart und deshalb länger hält.
Das Patent schnappt sich damals allerdings ein Amerikaner. Daran hatte der Düsseldorfer Enthusiast gar nicht gedacht. Auch das bis heute übliche Einbetten der Batterien in eine Metallkapsel hat Sykosch mit auf den Weg gebracht und erprobt.
Derzeit tragen rund eine Million Menschen in Deutschland und fünf Millionen weltweit einen Herzschrittmacher, sagt Experte Professor Berndt Lüderitz von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Meistens wird das Gerät zur Stimulation eines krankhaft langsamen Pulses eingesetzt. "Es sind eindeutig ältere Menschen über 50, 60 Jahre, die von den Schrittmachern profitieren. Da die Lebenserwartung weiter steigt, werden auch immer mehr Kranke wegen eines Herzschrittmachers in die Kliniken kommen." Schon in rund 1000 Krankenhäusern werde die OP inzwischen durchgeführt, manchmal ambulant. Seltener sind Kinder mit angeborenem Herzfehler darunter. Sykosch hat neun Kinder operiert, das jüngste war neun Monate alt: "Die Patientin lebt noch heute gut damit."
Stockholmer Schrittmacher hielt nur drei Stunden
"Dass komplette Systeme unter die Haut gelegt wurden, die keine Verbindung von außen brauchten, war wirklich neu", sagt Lüderitz. "1958 war die weltweit erste Implantation in Stockholm durchgeführt worden. 1961 folgte die erste in Deutschland von Sykosch, im Zusammenwirken mit dem Kardiologen Sven Effert. Das war ein ganz großer Durchbruch, denn die Menschen waren vorher nicht zu retten, gegen einen zu niedrigen Herzschlag war kein Kraut gewachsen."
Der Stockholmer Schrittmacher hielt aber nur drei Stunden durch. Auch im Düsseldorfer Fall kam es später zu Komplikationen. Die beiden Elektroden in Rippenbogenhöhe brachen. Sykosch ließ sich von einem Juwelier das Feinschweißen beibringen. "Es ist mir dann tatsächlich geglückt, in einer weiteren OP die zwei Enden zusammenzuschweißen." Sein Patient wurde 45 Jahre alt - er starb an einem Nierenleiden.
  • dpa, 02.10.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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