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Merken   Drucken   07.06.2011, 18:24 Schriftgröße: AAA

Antisemitismus: "Jud Süß" starb durch Justizmord

Das Leben von Joseph Süß Oppenheimer wurde vertextet und verfilmt. Die Nazis missbrauchten die Biografie zu antijüdischer Propaganda. Bisher lagen wesentliche Details zu den Hintergründen seines Schicksals im Dunkeln. Bis ein wichtiges Dokument auftauchte. von Julia Giertz
Am 4. Februar 1738 strömten tausende Stuttgarter Bürger auf den Pragsattel, um einem brutalen Spektakel beizuwohnen: An diesem Tag wurde der jüdische Finanzrat Joseph Süß Oppenheimer am Galgen hingerichtet. Seine in einem Käfig baumelnde Leiche wurde noch sechs Jahre lang zur Schau gestellt, um eine ehrbare Bestattung zu verhindern. Die Vollstreckung war das Ende einer ganzen Reihe antijüdisch geprägter Gerichtsprozesse. Ein vom Landesarchiv Baden-Württemberg jüngst erworbenes Schriftstück bestätigt diesen Eindruck.
Historische Dokumente im Archiv   Historische Dokumente im Archiv
Oppenheimer hatte vor der Anklage einen Beraterposten beim württembergischen Herzog Karl Alexander inne. Seine von einem Tübinger Juristen verfasste und dem Gericht vorgelegte Verteidigungsschrift wurde nun veröffentlicht. Besondere Brisanz erhält das Dokument dadurch, dass es keine Randvermerke oder Bearbeitungsspuren der Richter enthält. "Dies bestätigt, dass sich das Gericht gar nicht juristisch mit dem Vorgang beschäftigt hat", erläuterte Robert Kretzschmar, der Präsident des Landesarchivs, am Dienstag in Stuttgart.
Kretzschmar vermutet, dass die Richter die Verteidigungsschrift bewusst aus den Unterlagen herausgenommen haben könnten - aus Angst, dass doch noch Argumente zugunsten des Angeklagten gefunden würden. Weiterhin wurde Oppenheimer ein eigener Anwalt ebenso verweigert wie eine Berufung. Zudem ermutigte das Gericht das Volk, den Angeklagten bei Gericht zu denunzieren. Genau 607 Menschen folgten diesem Appell, auch weil sie dem Juden Einfluss und herausgehobene Stellung neideten. Kretzschmar schlussfolgert: "Es war wirklich ein Justizmord."
Die Anklage stand auf wackligen Füßen. Erst wurden dem Mittdreißiger, der wohl einen freizügigen Lebensstil führte, unberechtigte Einnahmen und Sexualdelikte vorgeworfen. "Da eierten die fürchterlich herum", sagte Kretzschmar. Später einigte sich das Gericht darauf, Oppenheimer wegen "an Herren und Leuten verübter verdammlicher Misshandlung" zum Tode zu verurteilen. "Es ging nicht darum, Recht zu sprechen, sondern mit der Politik Karl Alexanders und seines Beraters abzurechnen", folgert der Archiv-Leiter.
Allerdings gibt es bei der Beurteilung des Falles kein klassisches Schwarz-Weiß Bild. Karl Alexander war ein absolutistischer Herrscher mit einem Faible für Juwelen, der den Haushalt auf Kosten von höherer Beamtenschaft und Bürgertum sanieren wollte. Die in ihren Privilegien und Rechten beschnittene Oberschicht nahm dem Herzog neben dem Eintreiben von Steuern auch übel, dass er als landfremder Katholik im protestantischen Württemberg an die Macht gekommen war.
Die Nazis hatten den Propagandafilm "Jud Süß" in ...   Die Nazis hatten den Propagandafilm "Jud Süß" in Auftrag gegeben
Oppenheimer hatte schon Monate vor seiner Festnahme bemerkt, dass sich die Stimmung gegen ihn wendete. Er bat um seine Entlassung - allerdings vergeblich. Nachdem der Finanzexperte durch den Tod des Herzogs auch noch seinen Schutzpatron verloren hatte, konnte er dem Gefängnis nicht mehr entkommen.
Seine Geschichte hat Kulturschaffende immer wieder inspiriert. Der für seine Märchen bekannte Dichter Wilhelm Hauff (1802-1827) verarbeitete den Stoff zu der Novelle "Jud Süß". Der jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger schuf in den 1920er Jahren einen gleichnamigen Roman, in dem er sich anhand der historischen Ereignisse mit dem Antisemitismus der Weimarer Zeit auseinandersetzt. Ein Schatten auf den Bestseller warf der antisemitische Hetzfilm "Jud Süß" der Nazis. Dabei ist bis heute nicht klar, ob Feuchtwangers Buch wirklich die Vorlage für den faschistischen Streifen lieferte.
Das von Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels persönlich betreute Machwerk ist der Öffentlichkeit nicht frei zugänglich, sondern kann nur mit einer Einführung gezeigt werden. Archiv-Leiter Ketzschmar heißt das gut: "Der Film ist recht subtil und kann im antisemitischen Sinne missverstanden werden. Es schadet nichts, wenn Erläuterungen dazu gegeben werden."
  • dpa, 07.06.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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