FTD.de » Wissen » Leben » Weg mit dem Wirtschaftnobelpreis

Merken   Drucken   10.10.2011, 12:03 Schriftgröße: AAA

Fragwürdige Auszeichnung: Weg mit dem Wirtschaftnobelpreis

Kommentar Die Nobelpreisträger für Wirtschaft sind raus. Hoffentlich zum letzten Mal. Das Problem der Auszeichnung liegt in einer merkwürdigen Fehldeutung. von Axel Reimann
Selbst in unseren krisengeschüttelten Zeiten kommt so etwas nicht so häufig vor: Da treffen sich vergangene Woche im Kanzleramt die Chefin des Internationalen Währungsfonds, der Präsident der Europäischen Zentralbank, der Präsident der Weltbank und der Generalsekretär der OECD mit Angela Merkel und diskutieren über die Zukunft des internationalen Währungssystems. Sie wollen den G20-Gipfel in Cannes vorbereiten, auf dem über dringend notwendige Reformen gesprochen werden soll. Mit dabei auch die Finanzminister aus Deutschland, Frankreich und Mexiko.
Das wäre allein schon dramatisch genug. Aber da sitzt dann auch noch dieser ältere Herr, von keiner Organisation entsandt, von keiner Volksvertretung legitimiert, ein "Distinguished Professor-at-Large", frei übersetzt: ein ziemlich bedeutender Gelehrter. Und der darf auch sagen, wohin die Reise mit der Weltwirtschaft seiner Meinung nach gehen soll.
Die Bundeskanzlerin stellt ihn in der Bundespressekonferenz später als den "Nobelpreisträger Mundell" vor. Das muss reichen. Ein Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften. Jemand, der wirklich Ahnung hat. Nicht nur einer von diesen unzähligen Experten, die im Hintergrund Politiker und Medien mit Wissen und Argumenten füttern. Und die sich oft gegenseitig widersprechen. Nein, wenn Robert Mundell mitdiskutiert, der Vater der Theorie der optimalen Währungsräume, dann hat das ein anderes Gewicht. Einen Nobelpreis bekommt schließlich nur, wer wirklich Durchblick hat in seinem Fach. Wahlweise zumindest schöne Literatur schreibt oder was Tolles für den Frieden tut.
Außerdem gibt es nicht viele Nobelpreisträger, bei den Wirtschaftswissenschaften nur 67, und ein gutes Drittel davon ist schon tot. Also am besten einen von den lebenden einladen, in der Krise kann Sachverstand nur helfen. Oder? (Mundell sprach sich vor Kurzem für ein System fester Wechselkurse von Dollar, Euro und Renminbi aus, plädiert für radikale Sparprogramme in Südeuropa und einen baldigen Euro-Beitritt Ungarns.)
Die Szene mit Herrn Mundell bei der Kanzlerin zeigt: Besser wäre es, wenn es keine Wirtschaftsnobelpreisträger gäbe. Keinen Preis für eine Disziplin, die sich oft so nachhaltig in ihren eigenen Untersuchungsgegenstand einmischt, ihn nach eigenen Wertvorstellungen verändern will wie die Wirtschaftswissenschaften. Dieser Preis sollte nicht mehr verliehen werden, denn er ermöglicht seinen Trägern eine öffentliche Rolle, die ihnen nicht zusteht. Eine Rolle, die auch nicht gedeckt wird durch die Erkenntnisfortschritte, für die die Ökonomen ausgezeichnet werden.

Teil 2: Wo das Problem liegt

  • FTD.de, 10.10.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Kommentare
  • 14.12.2011 20:35:22 Uhr   Kea: Wirtschaftswissenschaften kritisch sehen!

    Auch dieses Zitat zeigt, weshalb die Wirtschaftswissenschaften kritisch zu sehen sind:

    Gauß ist tot, es lebe Gauß!

    Zumindest was die Logik der fraktalen Zufälligkeit und deren Verteilung betrifft, muss man Mandelbrot wie auch Nassim Nicholas Taleb anerkennen, dass sie einige der wenigen sind, die die Komplexität der menschlichen Unfähigkeit aufnahmebereit zu sein, zumindest was unbequeme Neuigkeiten anbelangt und für die meisten, auch aus den Fachgebieten, unbegreiflich zu sein scheint, kritisieren und sich trotz aussichtsloser Lage weiterhin um Aufklärung bemühen.
    Dass Sie darauf anspielen, dass wir nicht so viel wissen, wie wir gerne vorgeben, zeugt von enormer Weitsicht, die die für die künftigen Wissenschafter verantwortlichen ausbildenden Professoren wohl gezielt werden ignorieren müssen, obwohl die einfache Lösung – mittelst Gauß’scher Glockenkurve – Verteilungen zu berechnen und daraus Risiken, die die Zukunft betreffen, abzuleiten, indem man versucht, durch Betrachtung der Vergangenheit, die künftige Entwicklung zu interpretieren, in bezug auf wirtschaftswissenschaftliche Themen mehr als fehlgeschlagen ist und da die wirtschafts-, die finanzmathematische, besonders aber die statistische Theorie ohne dieses Falsums nicht nur den Herren an den Universitäten die Lebensgrundlage entzöge: Die Ignoranz der meisten Wissenschafter gegen das mandelbrotische System und die dadurch unterlassene Sensibilisierung für die Risiken am Finanzmarkt lässt erkennen, dass sich auch künftig nichts ändern wird. Ganz nach dem Motto:

    Gauß ist tot, es lebe Gauß!

  • 11.10.2011 20:06:44 Uhr   Dr. Norbert Leineweber: Dr. Norbert Leineweber -Nobelpreis
  • 11.10.2011 19:47:39 Uhr   kamy: Wer über die Ökonomen schimpft ...
  • 11.10.2011 15:50:05 Uhr   TvF: Es gibt keinen Nobelpreis für Wirtschaft
  • 11.10.2011 13:02:09 Uhr   surveyor: man-made-standards....
Kommentar schreiben Pflichtfelder*




Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  impulse startet Projekt impulse Wissen
impulse startet Projekt impulse Wissen

Wie sorgt man dafür, dass ein Unternehmen innovativ bleibt? Wie viel Bauchgefühl ist bei der Auswahl von neuen Mitarbeitern erlaubt? Antworten auf solche Fragen bietet künftig das neue Wissenskompendium impulse Wissen. mehr

  Bilderserie Dragon-Kapsel von Space X Kleiner "Drache" bringt Milliarde heim
Meistgelesen
 



LEBEN

mehr Leben

NATUR

mehr Natur

TECHNIK

mehr Technik

QUIZ

mehr Quiz

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote