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Merken   Drucken   24.05.2011, 16:27 Schriftgröße: AAA

Infektionsgefahr: Wie sich Ehec in Deutschland ausbreitet

Das Bakterium soll ein "neuartiges biochemisches Profil" aufweisen. Was ist Ehec, wo lauern die Ansteckungsgefahren, und wie schützt man sich am besten? Ein Überblick. von Annette Berger  und Michelle Röttger
Während Gesundheitsbehörden nach dem Grund der Ehec-Erkrankungen suchen, wird der lebensgefährliche Darmkeim bei immer mehr Patienten in Deutschland nachgewiesen. Mehr als 300 bestätigte Erkrankungen sind bisher registriert, vor allem im Norden. Es gab zudem Todesfälle.
"Neuartiges Profil"
Die aktuell auftretenden Ehec-Erreger verfügen über ein neuartiges biochemisches Profil, sagt Werner Solbach, der Leiter der Mikrobiologie am Institut für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.
Der Erreger kann schweren Durchfall verursachen. Bei Komplikationen kann er zu Nierenversagen, Blutarmut und zum Tod führen. Behörden und Politiker riefen die Verbraucher zur Vorsicht auf.
Der Ehec-Erreger unter dem Mikroskop   Der Ehec-Erreger unter dem Mikroskop
Die Zahl der Verdachtsfälle stieg in Schleswig-Holstein innerhalb eines Tages um mehr als das Doppelte, auf über 200. In Niedersachsen und Bremen waren 69 Patienten mit teils lebensgefährlichem Verlauf bekannt. In Hamburg liegt die Zahl bei 40 bestätigten Fällen. In Berlin werden laut Senatsverwaltung für Gesundheit zwei Patienten einer Klinik auf Ehec-Bakterien untersucht.
Die südlichen Bundesländer blieben bis auf das Saaarland bisher weitgehend von den Keimen verschont. In Hessen erkrankten bislang 25 Menschen. In Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen gibt es Erkrankte und Verdachtsfälle.
Laut Robert-Koch-Institut (RKI) treten weiterhin ständig neue Fälle auf. Die Ausbreitung wird als alarmierend eingeschätzt, weil die Erkrankungen auffällig oft einen schweren Verlauf mit Nierenversagen nehmen. Der Leiter des Instituts für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Peter Rautenberg sprach von einem "dramatischen Anstieg, der die historischen Werte überschritten hat".
Untersuchung von fluoreszierender DNS von Ehec-Bakterien im ...   Untersuchung von fluoreszierender DNS von Ehec-Bakterien im Robert-Koch-Institut
Ehec ist ein Darmbakterium. Die Abkürzung steht für Enterohämorrhagische Escherichia coli. Es ist ein Stäbchenbakterium, das bestimmte Zellgifte bildet. Ehec verankert sich an Darmwandzellen und blockiert dort die Eiweißproduktion, was zum einem schnellen Tod der Zellen führt. Viele Ehec-Gruppen können ihre Gifte zudem direkt in Zellen injizieren.
Ehec ist so gefährlich, weil es eine von sechs krankmachenden Varianten der eigentlich harmlosen Kolibakterien ist. Normale Kolibakterien sind Teil der Darmflora des Menschen.
Ehec heftet sich an die Darmwand und hemmt dort den Stoffwechsel der Schleimhautzellen. Außerdem bildet es Gifte, die rote Blutkörperchen zerstören - also jenen Bestandteil des Blutes, der für den Sauerstofftransport zuständig ist.
Wer durch Ehec krank wird, leidet an Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Unterleibsschmerzen und vereinzelt an Fieber. In jedem zehnten oder 20. Fall versagen bei den Kranken die Nieren, sodass sie auf Blutwäsche angewiesen sind. In zwei von 200 Fällen führt eine Ehec-Infektion, die sich zu einem Nierenversagen ausgeweitet hat, zum Tod.
Diese Petrischalen enthalten Wasserproben mit Escherichia ...   Diese Petrischalen enthalten Wasserproben mit Escherichia Coli-Bakterien
Eine Infektion mit Ehec kann ohne Symptome verlaufen. In diesem Fall ist die Infektion harmlos. Andernfalls zeigen sich nach einer Inkubationszeit von zwei bis zehn Tagen erste Anzeichen. Die Mehrzahl der meldepflichtigen Erkrankungen tritt als unblutiger, meistens wässriger Durchfall auf.
Begleitsymptome sind Übelkeit, Erbrechen, zunehmende Unterleibsschmerzen und seltener Fieber. Bei zehn bis 20 Prozent der Patienten entwickelt sich als schwere Verlaufsform eine blutende Entzündung der Dickdarmschleimhaut. Dabei leidet der Kranke unter krampfartigen Unterleibsschmerzen, hat blutigen Stuhl und teilweise Fieber.
Säuglinge, Kleinkinder sowie alte und abwehrgeschwächte Menschen erkranken häufiger schwer. Vor allem bei Kindern kann das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) ungefähr eine Woche nach Beginn des Durchfalls auftreten.
Hier wirken mehrere Faktoren zusammen: Zu wenig Blutplättchen, Nierenversagen, Blutarmut und ein Mangel an roten Blutkörperchen. HUS tritt in fünf bis zehn Prozent der Ehec-Infektionen auf, bei denen Symptome sichtbar sind. Es ist der häufigste Grund für akutes Nierenversagen bei Kindern. Die Sterberate in der Akutphase liegt bei rund zwei Prozent.
Der Befund dauert 36 Stunden   Der Befund dauert 36 Stunden
Labore weisen die Zellgifte der Bakterien in Stuhlproben nach. Wer mehrere Tage lang blutigen Durchfall hat, soll unbedingt zum Arzt oder in ein Krankenhaus gehen, empfehlen Mediziner.
Nach Angaben der ärztlichen Leiterin des Hamburger Großlabors Medilys, Susanne Huggett, dauert der Befund rund 36 Stunden. "Deshalb gibt es gegenwärtig viele Verdachtsfälle aber noch kein verlässliches Bild der tatsächlichen Gesamtlage." Untersuchungen von Proben hätten ergeben, dass es sich um einen teils antibiotikaresistenten Bakterienstamm handele. Solche Ehec-Stämme seien bislang unbekannt.
Ungewaschenes Obst und Gemüse könnte die Quelle sein   Ungewaschenes Obst und Gemüse könnte die Quelle sein
Besonders anfällig sind Menschen mit einem schwachen Immunsystem - vor allem also Kinder und Senioren. In Hamburg und Niedersachsen sind außerdem vor allem Frauen mit Ehec infiziert. "Das legt nahe, dass vor allem Frauen Zugang zur Infektionsquelle haben", sagte der Präsident des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Matthias Pulz. "Das Lebensmittel muss sich irgendwo im Handel befinden."
Zur Risikogruppe zählen zudem Angestellte, deren Essen aus Großküchen kommt: In Frankfurt am Main hat die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers ihre Kantine geschlossen, da einige Angestellte der Firma mit Ehec-Symptomen im Krankenhaus liegen.
Normalerweise tragen Patienten keine Langzeitschäden davon - es sei denn, die Nieren waren schon vor der Erkrankung geschädigt.
Untersuchung beim Arzt. Mediziner sind bei den aktuellen ...   Untersuchung beim Arzt. Mediziner sind bei den aktuellen Ehec-Fällen gegen Antibiotika
Mediziner behandeln nur die Symptome der Erkrankung. Der Patient scheidet mit der Zeit alle Bakterien von allein aus. Das kann besonders bei Kindern mehr als einen Monat dauern. Solange ist der Stuhl des Patienten weiter infektiös, auch wenn der Erkrankte keine Symptome mehr zeigt.
Ärzte warnen davor, die Bakterien mit Antibiotika abzutöten. Dies könne die Situation noch verschlimmern, sagte der für Infektionskrankheiten zuständige Professor Thomas Schneider vom Uniklinikum Charité der DPA. "Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt", sagte Schneider. "Dann kann es häufiger zu Komplikationen wie dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) kommen." Das umfasst Blutarmut und Nierenschäden.
HUS behandeln die Mediziner mit einer Verstärkung der Harnproduktion oder Blutwäsche.
Ein Schwein auf einem Biobauernhof. Ob Gülle die Infektionsquelle ...   Ein Schwein auf einem Biobauernhof. Ob Gülle die Infektionsquelle ist, wurde noch nicht geklärt
Die Ansteckungsquelle bei den aktuellen Fällen ist völlig unklar. Auslöser soll zwar verschmutztes Gemüse sein, doch die Ursache für die Verunreinigung ist noch nicht gefunden.
Bislang stand Dünger aus Gülle in Verdacht. Doch das Robert-Koch-Institut (RKI) warnt vor vorschnellen Urteilen. Es gebe keine Hinweise dafür, dass sich die Erkrankten durch den Verzehr von mit Gülle gedüngtem Gemüse infiziert hätten, sagte eine Institutssprecherin am Dienstag der Nachrichtenagentur DAPD. Es kämen auch andere Übertragungswege infrage, wie etwa verunreinigtes Wasser.
Gülle kein gängiger Dünger für Gemüse
Gemüse mit Gülle zu düngen sei "eigentlich kein gängiges Verfahren", sagte auch ein Sprecher des Bundesbauernverbandes. Gemüseanbaubetriebe seien in der Regel spezialisiert und betrieben keine Tierhaltung. Deshalb verfügten die wenigsten Gemüsebauern überhaupt über Gülle, die als Düngemittel eingesetzt werden könnte. Dem Sprecher zufolge wird meist Getreide "im Frühjahr vor der Saat" mit Gülle gedüngt. Theoretisch sei eine Übertragung der Keime beispielsweise auch möglich, wenn mit Gülle verunreinigte Schleppschläuche zwischen den Pflanzenreihen hindurchgezogen würden.
In der Natur kommt Ehec unter anderem in Kuhmägen vor. Düngt ein Landwirt mit Kuhdung, kann das Bakterium auf Gemüse und später über die Handelskette an die Hände und in die Mägen von Menschen gelangen.
Wiederkäuer - vor allem Rinder, Schafe und Ziegen, aber auch Wildtiere wie Rehe und Hirsche - tragen den Erreger im Magen-Darm-Trakt. Die Bakterien gelangen über die unbeabsichtigte orale Aufnahme von Fäkalspuren vom Tier zum Menschen, entweder durch direkten Kontakt oder den Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln. Besonders häufig erkranken Kinder unter drei Jahren durch direkten Kontakt mit Wiederkäuern.
Zudem können die Bakterien zum Beispiel beim Baden in belastetem Wasser aufgenommen oder von Mensch zu Mensch übertragen werden. In Hamburg wurde 2009 eine Badeanstalt geschlossen, in der mehrere infizierte Kinder geschwommen waren. Neu ist das gehäufte Auftreten der Fälle in mehreren Ländern gleichzeitig.
Kinder über neun Jahren und Erwachsene nehmen die Erreger eher über kontaminierte Lebensmittel auf. Unbehandelte Tierprodukte wie streichfähige Rohwürste - etwa Mettwurst oder Teewurst - sowie Rohkäse und -milch können gefährlich sein.
Ehec-Infektionen treten weltweit auf. In Deutschland infizieren sich jährlich rund 1000 Menschen mit dem Erreger. 2009 trat bei 66 Betroffenen das HUS auf, zwei der Erkrankten starben. Für eine Infektion reicht eine sehr geringe Bakteriendosis von zum Teil weniger als 100 Erregern aus.
Händewaschen ist ein Weg, um Ansteckungen zu verhindern   Händewaschen ist ein Weg, um Ansteckungen zu verhindern
Laut dem Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels gibt es keine Pflicht für Händler, Obst und Gemüse vor dem Verkauf zu waschen. "Das wäre auch nicht sinnvoll, weil viele Früchte so ihre natürliche Schutzhülle verlieren und schneller verderben würden", sagte ein Sprecher. Deshalb würden Obst und Gemüse nur wenn nötig von grobem Schmutz befreit - und das meist schon beim Erzeuger oder Verpacker.
Nach Tierkontakt ist es wichtig, sich die Hände gründlich mit Wasser und Seife zu waschen. Besonders Kinder stecken ihre Finger häufig in den Mund. Vorsicht also im Streichelzoo.
Essen und trinken sollte man nur dort, wo man nicht direkt Kontakt mit Tieren hat. Wichtig außerdem: Immer vorher die Hände waschen.
Gemüse am besten kochen
Rohe Lebensmittel aus Milch oder Fleisch und andere leicht verderbliche Nahrung wie Feinkostsalate sollten bei Kühlschranktemperatur gelagert werden. Vor und nach jeder Zubereitung von Lebensmitteln sollten die Hände gründlich gewaschen werden.
Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, alle Speisen beim Kochen gut durchzugaren, um Bakterien abzutöten. Fleisch sollte nicht gleichzeitig zu anderen Lebensmitteln auf den gleichen Flächen und mit denselben Kochutensilien zubereitet werden, solange sie nicht gereinigt wurden.
Ist ein Familienmitglied erkrankt, sollten sämtliche Flächen, die der Erkrankte anfasst, regelmäßig desinfiziert werden. Das gilt auch für Flächen, die mit infektiösen Ausscheidungen des Erkrankten in Kontakt kommen - also die Toilette.
  • FTD.de, 24.05.2011
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