Um Leben und Tod geht's. Mindestens. Anders ist nicht zu erklären, welchen Wind James William Marshall um die Neuigkeiten macht, die er vom Sägewerk im Norden mitbringt. Völlig aufgekratzt ist der Zimmermann am Abend des 28. Januar 1848 im Verwaltungssitz von Neu-Helvetien angekommen. Jetzt möchte er den Chef sprechen, Johann Sutter persönlich, und zwar sofort, unter vier Augen. Und eine Waage braucht er. Schnell eine genaue Waage, aus der Fort-Apotheke!
Erst als die Tür verriegelt ist und Marshall mit Sutter allein, da pult der Mann den Anlass seiner Atemlosigkeit aus der Hosentasche: ein paar gelbliche Brösel, eingeschlagen in ein Taschentuch. Sieht aus wie Gold . Gold aus dem American River!
Was sich an diesem Abend in Sutters Privatgemächern zuträgt, wird die Geschichte Amerikas verändern: Es ist der Ausgangspunkt des kalifornischen Goldrauschs. Eine Völkerwanderung spätantiken Ausmaßes wird wenig später einsetzen, befeuert von der großen Gier nach Edelmetall - und das Lebenswerk eines Mannes hinwegfegen, der zu den spannendsten Gestalten des Westens gehört.
Aus dem Nichts hatte der Schweizer Einwanderer Johann August Sutter in den 1840er-Jahren eine Privatkolonie in Kalifornien aufgebaut. Neu-Helvetien war fast so groß wie das heutige Hamburg, mit mehreren Tausend Stück Vieh, mit Farmen und Handwerksbetrieben. Sutters Biografie ist deshalb vor allem die Geschichte einer Pionierlegende. Sie ist aber auch jene eines Blenders und Serienpleitiers; eines Mannes, der seine Familie auf einem Schuldenberg sitzen ließ und dessen Leben eine einzige Flucht war.
Ihren Ausgang nimmt diese Flucht in der Schweiz. Hier wird Sutter geboren, 1819 beginnt er eine Kaufmannslehre und versucht sich schließlich in Burgdorf an einer eigenen Firma - einer Tuchhandlung, die er kurze Zeit später krachend vor die Wand fährt. Es ist der erste Konkurs in einer Reihe von vielen. Nachdem er sogar sein Haus versetzt hat, steht Sutter vor der Wahl: Entweder er wandert in den Schuldenknast, oder er türmt. Im Mai 1834 entscheidet er sich für die zweite Option, lässt seine Frau mit fünf Kindern und 36.000 Franken Schulden zurück und haut ab nach Amerika. Keine Story, auf die man stolz sein muss.
"Er war sicher nicht das, was man sich unter einem ehrbaren Bürger vorstellt", sagt der Schweizer Sutter-Biograf Bernard Bachmann. Ein Hochstapler sei er stattdessen gewesen, einer, "der immer wieder versucht hat, von null auf 100 zu kommen. Und wenn es ihm nicht gelungen ist, hat er die Zelte abgebrochen".
Nach diesem Prinzip geht Sutter auch in den USA vor. Von New York zieht er nach Saint Louis, versucht sich als Goldgräber, Händler, Gelegenheitsarbeiter. Im heutigen Kansas City fängt er den Bau eines Hotels an, dabei kann er die Arbeiter kaum bezahlen. Anfang 1838 schließlich türmt er auch hier, westwärts, weg von seinen Gläubigern. Bis er schließlich in Kalifornien landet, damals einem der abgelegensten Ecken des Planeten. Nach einer wahren Odyssee über Alaska und Hawaii erreicht Sutter im Juli 1839 Yerba Buena, eine Barackensiedlung am Pazifik mit kaum 200 Einwohnern. Später einmal wird sie San Francisco heißen.
Weil Kalifornien damals noch zu Mexiko gehört, muss Sutter bei Gouverneur Juan Alvarado in Monterey vorsprechen. Ihm unterbreitet er seine Idee: Eine Kolonie will er im Inland aufbauen, den Boden bewirtschaften. Für die Mexikaner ist das reizvoll: Die wenigen weißen Kalifornier leben damals ausschließlich an der Küste, in den Missionen. Sutter ist der Erste überhaupt, der sich für das Hinterland interessiert. Alvarado erlaubt ihm, am Sacramento River eine Siedlung zu bauen - den Grundstock für seine Kolonie. "Es war allerdings nie eine Kolonie im staatsrechtlichen Sinne", sagt Bachmann. "Der Begriff ,Kolonie' gehört zu Sutters hochstaplerischer Art."
Was er aufbaut, ist trotzdem eindrucksvoll: Erst 200, später 600 Quadratkilometer groß ist sein Neu-Helvetien. Freilich leben dort selbst zu Hochzeiten nie mehr als einige Hundert Weiße. Es sind angeworbene Trapper, Deserteure und Matrosen aus Yerba Buena, Siedler aus dem Osten. Verwaltungssitz wird Sutter's Fort, ein Festungsbau mit Mauern aus Lehm und Holzbalken, an deren Innenseiten die Wirtschaftsgebäude stehen. Von der Schmiede über die Fassbinderei bis zur Destillerie gibt es alles, was eine derart abgelegene Gemeinde braucht.
Profitabel ist Sutters neue Schweiz trotzdem nie. "Er hat mit Mühe sich selbst und seine Siedler ernähren können", sagt Bachmann. Größter Abnehmer für Güter aus Neu-Helvetien sind die damals noch in Amerika aktiven Russen - Sutter hat ihnen einen Außenposten am Pazifik abgekauft und muss sie im Gegenzug Jahr für Jahr mit Lebensmitteln beliefern.
Was für ein Wink des Schicksals also, dass William Marshall ausgerechnet an Sutters Sägemühle Gold findet. Doch statt an einen Befreiungsschlag zu glauben, ist dem Schweizer sofort klar, was der Fund bedeutet. "Mein Gott, wenn die Burschen herausfinden, dass es dort Gold gibt", soll Sutter zu Marshall gesagt haben, "dann ist alles aus - gone to the dyfel!" Eindringlich verpflichtet er seinen Zimmermann, keiner Seele etwas zu erzählen, doch die Neuigkeit lässt sich nicht lange geheim halten. Spätestens als ein Farmarbeiter beim Krämer in Sutter's Fort seinen Schnaps mit Goldstaub bezahlen will, ist die Geschichte in der Welt.
Es dauert einige Zeit, bis die Nachricht vom sagenumwobenen Goldland bis an die Ostküste durchgerieselt ist. Doch dann setzt ein Ansturm ein, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. San Francisco, wie das Kaff an der Bucht mittlerweile heißt, hat 1848 noch keine tausend Einwohner - fünf Jahre später sind es 50.000. Im Hafen modern bald Hunderte Schiffe vor sich hin, ihre Besatzungen sind weggelaufen, zum Goldschürfen im Sacramento Valley. Zigtausende Glücksritter ziehen plötzlich durch Kalifornien, stecken ihre Claims und lassen sich häuslich nieder, wo immer es ihnen gefällt. Auch auf Sutters Land, dessen Arbeiter längst selber abgehauen sind, um ihr Glück zu machen. Im Fort nehmen sich Plünderer, was sie brauchen. Recht und Ordnung sind zusammengebrochen - und alles, was Sutter aufgebaut hat, geht buchstäblich den Bach hinunter.
Trotzdem wäre es wohl zu einfach, dieses Desaster nur mit den Wirren des Goldrauschs zu erklären. "Der Niedergang hatte ebenso viel mit schlechtem Management zu tun", sagt Bachmann. So verkauft der Koloniechef Parzellen seines Landes an Siedler - schert sich dabei aber nicht darum, ob er das fragliche Stück Land nicht schon an jemand anderen versetzt hat. Zum Teil geht das gleiche Grundstück an zwei oder drei verschiedene Käufer; die Folge sind Rückerstattungsforderungen, die Sutter schwer belasten. Weil er außerdem seine jährlichen Raten an die Russen nicht bedienen kann, soll er aufgelaufene Schulden für mehrere Jahre nachzahlen. Der Goldrausch, er gibt Sutter wohl einfach nur den Rest.
Jahrelang wird der Schweizer noch versuchen, seinen Anspruch auf Neu-Helvetien durchzusetzen - vor amerikanischen Gerichten, denn Kalifornien gehört inzwischen offiziell zu den USA. Wichtigster Streitpunkt dabei ist die juristische Anerkennung von Landschenkungen, die Sutter seinerzeit von den Mexikanern bekommen hat.
Um die Prozesskosten zu zahlen, versetzt er die letzten Reste seines Besitzes. Am Ende ist alles vergeblich: Das Oberste Bundesgericht entscheidet gegen ihn; nach diesem Urteil haben Sutter weite Teile von Neu-Helvetien juristisch nie gehört. Enttäuscht kehrt er Kalifornien den Rücken und zieht nach Washington, wo er 1880 als armer und bitterer Mann in einem Hotelzimmer stirbt.
Was ihm nach dem Tode bleibt, ist die Verehrung als Pionier. Sutter gilt bis heute als Gründervater des modernen Kaliforniens, über 100 Jahre hing sein Porträt im Kapitol von Sacramento. Inzwischen habe man es aber abgehängt, erzählt Bachmann: In Amerika sehe man die Pioniere des Westens mittlerweile kritischer - schließlich hätten sie die Natur zerstört und beinahe die Indianer ausgerottet. "Die Heldenaura ist weitgehend verschwunden", sagt er. Johann Sutter bleibt wirklich nichts erspart.