Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik hatte nach eigenen Angaben noch viel größere Anschläge geplant. Unter anderem habe er einen Angriff auf die Parade zum 1. Mai in Oslo durchgespielt, sagte der mutmaßliche Massenmörder am Donnerstag vor Gericht. Mit einem gestohlenen Propangastankwagen hätte er dabei "mehrere Tausend Menschen" töten können. Schließlich habe er ein Ziel gewählt, dass ihm realisierbar erschien.
Ursprünglich hatte Breivik nach eigenen Angaben noch mehrere andere Terrorziele in der engeren Wahl, darunter das Hauptquartier der Arbeiterpartei, das Parlamentsgebäude und das königliche Schloss. Er habe diese Ziele aber verworfen, weil er nicht mehr als eine Bombe bauen konnte. Einen Amoklauf auf die internationale Journalistenkonferenz Skup habe er aus Zeitgründen nicht geschafft. Das Ferienlager der sozialdemokratischen Jugend auf Utøya sei das nächstbeste Ziel gewesen.
Er habe eigentlich gehofft, bei seinem Angriff am 22. Juli alle 564 Menschen in dem Ferienlager auf der Insel Utöya töten zu können, sagte Breivik. Sein Hauptziel sei die ehemalige Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland gewesen, die jedoch vor seiner Ankunft abgereist sei. Unter den 69 Todesopfern auf der Insel waren einige jünger als 14 Jahre. "Es ist nicht wünschenswert, Ziele mit einem Alter von weniger als 18 Jahren zu haben", sagte Breivik dazu. "An dem Tag gab es kein besseres politisches Ziel."
Vor dem Angriff auf Utöya hatte Breivik eine Autobombe an einem Regierungsgebäude in Oslo gezündet. Dabei starben acht Menschen. Ein Vertreter der Überlebenden des Anschlags sagte, das Verfahren werde nun sehr belastend für die Angehörigen. "Jetzt beginnen wir zu sehen, was für ein böser Mann er ist - zynisch, kalt und berechnend."
Breivik hatte von langen Computerspielsitzungen als Training für die Angriffe gesprochen. "Eigentlich mag ich diese Spiele nicht", sagte er. Sie eigneten sich jedoch gut zu Übungszwecken. Er habe bis zu 17 Stunden mit dem Kriegsspiel "Modern Warfare" verbracht, um die Reaktion der Polizei und die beste Fluchtstrategie zu simulieren. Für das Fantasyonlinespiel "World of Warcraft" habe er sich ein ganzes Jahr Zeit genommen und dabei gut 16 Stunden am Tag gespielt. "Ein ganzes Jahr nur spielen - spielen und schlafen, spielen und schlafen - das war ein Traum, den ich hatte." Er habe sich während dieser Zeit von seinen Freuden zurückgezogen und bei seiner Mutter gewohnt, um Geld zu sparen. Sie habe sich zwar Sorgen gemacht, sagte Breivik. Er habe ihr aber natürlich nicht erzählen können, dass er eine Auszeit nehme, "weil ich mich in fünf Jahren in die Luft sprengen würde".
"Modern Warfare" und "World of Warcraft" gehören zu den erfolgreichsten Computerspielen der Welt. Allein "World of Warcraft" - ein Spiel mit Elfen, Trollen und Magiern - zählt zehn Millionen Kunden. Der Experte Thomas Hylland Eriksen von der Universität Oslo sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Breivik sei offenbar "nicht sehr erfolgreich darin, die virtuelle Realität von 'World of Warcraft' und anderen Spielen von der Wirklichkeit zu unterscheiden". Während seiner Taten habe er "vielleicht auf einer gewissen Ebene noch geglaubt, ein Computerspiel zu spielen". Die Gutachter sind sich uneins, ob Breivik geisteskrank ist.
Der bekennende Islamfeind beschrieb dem Gericht zudem, wie er Namen aus der Mythologie für seine Waffen aussuchte. "Das Gewehr habe ich 'Gungnir' genannt", sagte er. "Das ist der Name des magischen Speers von Odin, der zurückkehrt, wenn man ihn geworfen hat. Und die Glock-Pistole habe ich 'Mjölnir' genannt ... das ist der Hammer des Kriegergottes Thor." Die Namen habe er in Runen auf die Waffen geschrieben.
Das Verhör Breiviks soll die ganze Woche dauern. Der Prozess, in dem es drei Schöffen und zwei Berufsrichter gibt, ist auf zehn Wochen angesetzt. Bei einem Schuldspruch drohen ihm bis zu 21 Jahre Haft. Danach besteht die Möglichkeit, ihn lebenslang zu verwahren, sollte von ihm eine Gefahr ausgehen. Sollte er nach Einschätzung des Gerichts nicht zurechnungsfähig sein, könnte Breivik lebenslang in der Psychiatrie untergebracht werden.
Breivik hat gestanden, 77 Menschen getötet zu haben, sieht sich im Sinne der Anklage jedoch nicht schuldig. Er hat seine Tat damit begründet, Norwegen vor der Einwanderung von Muslimen schützen zu wollen. Seine Opfer nennt er Verräter.