In der Offenen Schule Kassel-Waldau gab es am Montag Knöpfleauflauf mit Röstzwiebeln, bio natürlich, oder Balkanpfanne. Die 770 Schüler und 50 Erwachsenen können auch Salate oder Pasta kaufen. Nur eines ist klar: Sie werden in der Schule essen, und es wird ihnen schmecken. Die Schule gewann 2011 den erstmals vergebenen "Goldenen Teller" des Deutschen Netzwerks Schulverpflegung.
Nahrhaftes Essen, das schmeckt und nicht krank macht - das ist ganz und gar nicht alltäglich in deutschen Schulen. "Die Situation ist nicht zufriedenstellend", sagt Dorle Grünewald-Funk, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. "Ganz besonders leiden Qualität und Geschmack."
Eine Krankheitswelle, bei der sich knapp 9000 Kinder mit Brechdurchfall infizierten, hat das Problem auf die politische Tagesordnung befördert. In den meisten Schulen kommt das Essen von einem Caterer, der in einer Großküche Tausende Portionen kocht - zu einem geringen Preis, denn den Zuschlag bekommt meist derjenige, der am günstigsten anbietet. So ist die Rezeptauswahl begrenzt ("Fischstäbchen mit Soße"), und bis das Essen in den Schulen ankommt, ist es meist labbrig und schmeckt fade.
In Kassel kostet ein tägliches Essen wie der Spätzleauflauf die Eltern 42 Euro pro Monat, 30 Euro beim Geschwisterkind im Monat, also umgerechnet 2,70 pro Essen. Geliefert wird es von zwei Caterern, einem Bioanbieter und einem konventionellen. Der Preis ist damit nicht höher als in anderen Kommunen, allerdings subventioniert sich das Konzept auf andere Art. Die Schüler übernehmen, pro Klasse einmal im Jahr, den Serviceteil: Sie wischen die Tische ab und spülen. So lernen sie Sozialkompetenz - dafür fallen auch ein paar Stunden Unterricht aus. "Anders ließe sich der Preis für das Essen nicht halten", sagt eine Schulsprecherin. Die fünf Mitarbeiter in der Küche sind über den Mensaverein angestellt, sonst würde es der Caterer nicht schaffen. Von der Stadt gibt es einen Personalkostenzuschuss und die üblichen Hilfen für finanzschwache Haushalte. Und immer wieder muss diskutiert werden - im Mensaverein, der das Essen steuert, sind alle, vom Schüler bis zum Caterer, vertreten. Der Auslöser für das Konzept kam vor sechs Jahren - das Essen war so schlecht, dass es kaum einer kaufte.
Was die Kasseler mit dem Willen zur eigenen Initiative geschafft haben, ist deutschlandweit lange nicht in Sicht. Besonders abschreckend ist das Beispiel Berlins. Hier kostet ein Essen in der Grundschule durchschnittlich 2 Euro, in den weiterführenden Schulen ist es etwas mehr. Nur in Mecklenburg-Vorpommern kostet ein Essen noch weniger. Kürzlich erschien eine Studie, die der Berliner Senat in Auftrag gegeben hatte. Das Ergebnis: Das Essen in der Hauptstadt ist viel zu billig, eigentlich sollte es mindestens 1 Euro mehr kosten. Und es ist nicht nahrhaft genug, die Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung werden nicht erfüllt.
Gerade einmal 1 Euro pro Essen geht in die Zutaten, der Rest deckt Personal- und Betriebskosten. "Es sind keine schlechten Lebensmittel, die da verarbeitet werden", sagt dazu Meike Ernestine Tecklenburg, eine der Autorinnen der Studie. Sie bemängelt ein grundsätzliches Problem. "Es wäre gut, wenn die Schüler auch mal selbst kochen würden. Dadurch würden sie sich mit ihrem Essen identifizieren und gleichzeitig lernen: Wie ernähre ich mich ausgewogen", sagt Tecklenburg.
Als ob Bundesernährungsministerin Ilse Aigner (CSU) erkannt hätte, dass einiges im Argen liegt, hat sie einen Wettbewerb für Schulklassen ins Leben gerufen. Zusammen mit Fernsehkoch Tim Mälzer, einem Küchenhersteller und der Bertelsmann Stiftung sucht Aigner nach Ideen für gesunde Ernährung - "Klasse, kochen!" heißt der Wettbewerb, die Gewinnerklasse bekommt eine Übungsküche.
| Gefährliche Kost |
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| Rekord Die Infektionswelle in Ostdeutschland ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts der bisher "größte bekannte lebensmittelbedingte Ausbruch" in Deutschland. Zwar beruhigte sich die Lage bei den Gastroenteritisinfektionen am Montag weiter - doch das kann auch am Beginn der Herbstferien liegen. Insgesamt haben sich in fünf ostdeutschen Bundesländern 8962 Menschen, vor allem Kinder, vermutlich über Schulessen infiziert. |
| Ursache Ob, wie viele und welche Viren den heftigen Brechdurchfall verursacht haben, ist weiterhin unbekannt. Die Laboruntersuchungen laufen. |