Er ist kein ausgebildeter Lehrer und pädagogische Erfahrung, wie man mit renitenten Teenagern umgeht, hat er auch nicht. Dennoch unterrichtet Mounir Dalouli fünfte bis zehnte Klassen in einer niedersächsischen Gesamtschule in den Fächern Physik, Technik und Informatik. Der Diplomingenieur für Elektrotechnik hing dafür seine Stelle in einem Betrieb für Messtechnik an den Nagel. Seit Anfang 2011 unterrichtet der 35-jährige Vollzeit. "Die Schüler mussten mir am Anfang ganz schön helfen", sagt er. Aber Dalouli lernt auch dazu. Er sitzt wöchentlich in Pädagogik- und Fachseminaren.
Der gebürtige Marokkaner mit deutschem Pass ist kein Einzelfall, sondern einer von 1130 Seiteneinsteigern in Niedersachsen. Die Quereinsteiger sind zwar dort bei 70.000 Lehrern noch eine Minderheit. Aber es gibt schon jetzt zu wenig Lehramtsstudenten für Physik, Chemie oder Mathematik. Und das Problem verschärft sich - in den nächsten zehn Jahren wird rund ein Drittel der Pädagogen pensioniert. Die Quereinsteiger werden gebraucht.
Um die Neuen fit zu machen, müssen sie eine zweijährige Ausbildung absolvieren - während sie schon unterrichten. Diese Eile wird heftig kritisiert. "Das Projekt ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Seiteneinsteiger ohne pädagogische und didaktische Vorbildung in den Unterricht starten", sagt Axel Gehrmann von der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Der angehende Lehrer und auch die Schüler seien überfordert.
Ähnlich argumentiert die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft: Die pädagogische Qualifikation müsse vor, nicht nach dem Einstieg in den Unterricht erworben werden, fordert deren stellvertretenden Vorsitzende Marianne Demmer. Und auch manche Eltern sind skeptisch: "Da fragt man sich, warum die Ausbildung von Lehramtsstudenten so lange dauert, wenn es bei den Seiteneinsteigern so schnell geht", sagt Sabine Hohagen, Vorsitzende des niedersächsischen Landeselternrats. Sie könnten "maximal ein Notnagel sein, der die Fehlplanungen der Ministerien ausgleicht".
Die Schulleiter, ohne viel Aussicht auf andere Hilfen, befürworten das Projekt dagegen sehr. Quereinsteiger seien eine Bereicherung und belebten den Schulalltag, sagt Thorsten Frenzel-Früh, Vorsitzender des Schulleitungsverbandes Niedersachsen. Um niemanden zu überfordern, werde zudem jeder Einsteiger von einem Lehrer begleitet. Und auch im Nachbarland Nordrhein-Westfalen, das längst mit ähnlichen Problemen kämpft, finden die neuen Lehrer Unterstützung. "Seiteneinsteiger können nicht nur den drohenden Lehrermangel beheben. Sie sind auch eine Bereicherung, weil sie Lebens- und Berufserfahrung außerhalb der Schule erworben haben", sagt auch der Vorsitzende der Landeselternkonferenz in NRW, Eberhard Kwiatkowski.
Längst gilt das Projekt der Seiteneinsteiger deswegen als mögliche Lösung für den Pädagogenmangel in Kindergärten. Denn um den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für unter Dreijährige ab August 2013 umsetzen zu können, brauchen die Länder viel mehr Erzieher- aber es fehlt an Bewerbern. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will deshalb ehemalige Schlecker-Beschäftigte zu Kita-Erziehern umschulen. Doch ihr Vorschlag stieß auf heftige Kritik.
"Die Erfahrungen aus den Schulen können auf die Schlecker-Frauen nicht übertragen werden", sagt Erziehungsexperte Gehrmann. Die Seiteneinsteiger seien fachlich vorgebildet, ein Großteil der Voraussetzungen vorhanden. "In Kitas liegt der pädagogische Anteil hingegen ungleich höher." Das Fachwissen der Schlecker-Frauen spiele bei der Erziehung keine Rolle.
Mounir Dalouli macht sich mittlerweile keine Sorgen mehr, ob die Entscheidung richtig war. Kollegen und Schüler mögen seinen Unterricht: "Die Resonanz ist gut", sagt er. Nach seiner zweijährigen Ausbildung will er weiter an der Gesamtschule arbeiten. Seine Chancen stehen gut.