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Merken   Drucken   06.10.2012, 14:51 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die Pest hat Flossen und silbrige Schuppen

Eine Plage sucht den Mittleren Westen der USA heim: Silberkarpfen fressen Flüsse und Seen leer. Nicht nur ökologisch ist der aus Asien eingeschleppte Fisch eine Katastrophe - er ruiniert die Wirtschaft und ist eine Gefahr für Leib und Leben. Jetzt haben die Behörden dem Karpfen den Krieg erklärt.
von Ben Paynter, Havana/Illinois

Der Silberkarpfen ist ein nervöses Tier. Bis zu 25 Kilo schwer wird der Fisch, und wenn er sich vor etwas ängstigt - einem sirrenden Schiffsmotor zum Beispiel -, dann neigt er dazu, vor Schreck aus dem Wasser zu hüpfen. Bis zu drei Meter hoch.

Man muss das wissen, um zu verstehen, warum Blake Ruebush, Levi Solomon und Chase Holtman so vorsichtig zu Werke gehen. Die Biologen haben ihr Boot gut gepanzert: Eine Scheibe aus Plexiglas soll von vorn einfliegende Karpfen fernhalten, Maschendraht schützt vor Treffern von der Seite. In Erwägung hatten die Forscher zunächst auch Helme gezogen, die Idee dann aber als zu albern verworfen. Immerhin tragen Ruebush und Solomon Watstiefel, gegen den Schleim. Holtman, ein kräftig gebauter Typ, hat sich fürs andere Extrem entschieden - T-Shirt, kurze Hosen, Crocs. "Ich gehe später duschen", sagt er.

Die Expedition der drei Männer ist Teil einer Großoffensive gegen den vielleicht aggressivsten Schädling, den Amerikas Gewässer je gesehen haben. Ursprünglich in Asien heimische Silberkarpfen haben sich in den Flüssen und Seen des Mittleren Westens breitgemacht und die meisten anderen Fische verdrängt. Das ist nicht nur ein ökologisches Problem, sondern auch ein wirtschaftliches: Gelingt es nicht, die Karpfen aufzuhalten, dürfte der Schaden bald in die Milliarden gehen.

Rosskur gegen Silberkarpfen: Regelmäßig  ließen die Behörden ...   Rosskur gegen Silberkarpfen: Regelmäßig ließen die Behörden Gift ins Wasser kippen, wie hier 2010 bei Chicago

Tatsächlich lassen die Eindringlinge nicht lange auf sich warten. Ruebush steuert einen Seitenarm des Illinois River hinauf, und schon setzen die Fische zum Flug an: Dutzende sind es, wie eine Wolke. Einer prallt von der Reling ab, ein anderer springt von achtern ins Boot. So viele sind in der Luft, dass einige Exemplare gegeneinanderbatschen und die Umgebung mit glibbrigem Schnodder bespritzen. Auf knapp 50 km/h kommen die Fische im Sprung - das reicht für Nasenbeinbrüche und Gehirnerschütterungen. Ruebush scheint sich dennoch keine großen Sorgen zu machen. "Das hier ist Ground Zero für den Silberkarpfen", sagt er lakonisch. Seine Kollegen werden gleich ohnehin alle Tiere töten. Mit Strom.

Dazu lassen Solomon und Holtman zwei Ausleger ins Wasser, die mit einem 5000-Watt-Generator verbunden sind. Als die Machine anläuft, springen die Fische kurz noch höher als sonst - einer schafft es über die Reling und schlittert vor Ruebushs Füße -, doch dann ist Ruhe. Während das Bötchen langsam vorantuckert, keschern Solomon und Holtman regungslose Karpfen von der Oberfläche und werfen sie ins Boot, um sie zu zählen, zu messen und zu wiegen.

Mehrere Hundert solcher "Fish Community Assessments" führt das Illinois Natural History Survey (INHS) jedes Jahr durch; eine Forschungseinrichtung, in deren Auftrag Ruebush und seine Crew bis vor wenigen Monaten unterwegs waren. Jede der Elektro-Exekutionen dauert 15 Minuten und deckt etwa 180 Meter Flussstrecke ab. Ziel der Übung: Man will wissen, wie schlimm es um die Flüsse steht. Genau genommen sind es nämlich zwei verschiedene Arten von Fisch, die die Männer aus dem Wasser ziehen: Bei den fliegenden Nasenbrechern handelt es sich um Silberkarpfen. Am Grund des Flusses dagegen schwimmen die größeren Marmorkarpfen. Beide Arten ernähren sich von Algen und anderen Mikroorganismen. Und von beiden gibt es viel zu viele.

Ins Land kamen die Plagegeister in den 70er-Jahren. Damals importierten US-Fischzüchter die Tiere aus China. Einige Karpfen entkamen aus ihren Teichen, kämpften sich zum Missouri durch, in den Mississippi, schließlich in den Illinois und zum Ohio. Silberkarpfen pflanzen sich rasend schnell fort, sie wachsen zügig und sie haben einen Mordsappetit. Jungfische vertilgen jeden Tag ihr Eigengewicht. Nach den ersten paar Lebensmonaten sind sie bereits größer und stärker als alle ihre natürlichen Feinde im Fluss. Und dann fressen sie ihn leer.

Da alle Wasserwege in den USA miteinander verbunden sind, sucht der Karpfen inzwischen 23 Bundesstaaten heim, vor allem im Mittleren Westen. Nur in die Großen Seen hat er es noch nicht geschafft, jene riesigen Süßwasserseen, von denen unter anderem eine Fischereibranche mit 7 Mrd. Dollar Jahresumsatz lebt. Havana in Illinois und die 336 Flusskilometer bis zum Michigansee sind die letzte Verteidigungslinie in der Schlacht gegen den Fisch.

Offiziellen Schätzungen zufolge machen die Schädlinge an manchen Stellen bereits 90 Prozent des Fischbestands aus - 4300 Exemplare pro Flussmeile. Dabei sind Jungtiere und Marmorkarpfen nicht mal mitgezählt. Und der Fisch verscheucht die Leute. Wassersportler und Angler holen sich gebrochene Nasen im Karpfenhagel, manchen geht gar das Boot kaputt. "Das schadet unseren Einkünften erheblich", sagt Betty DeFord, Wirtin der "Boat Tavern" im Städtchen Bath. "Leute, die früher regelmäßig rausfuhren, machen das nicht mehr. Weil sie es satt haben, von den verdammten Viechern zu Tode geprügelt zu werden." Auch deshalb setzen die Behörden alles daran, den Fisch aus den Großen Seen herauszuhalten: Freizeitskipper geben in den Anrainerstaaten jedes Jahr rund 10 Mrd. Dollar aus. Das soll, wenn möglich, so bleiben.

Hier liegt Havana, Illinois   Hier liegt Havana, Illinois

Naheliegend wäre es, die Seen einfach abzuriegeln. Doch den Hauptzugang zum Michigansee bildet die Hafenschleuse von Chicago; Güter wie Kohle, Stahl und Öl passieren diese Engstelle. Würde man die Schleuse dichtmachen, müsste der Frachtverkehr über Land abgewickelt werden - die Mehrkosten für die Region lägen über die nächsten 20 Jahre bei bis zu 4,7 Mrd. Dollar. Einen Antrag, die Schleuse zu schließen, lehnte der Oberste Gerichtshof 2010 ab. Seither machen Repräsentanten des Bundesstaats Michigan mit entsprechenden Gesetzesvorlagen Druck, die zurzeit im Kongress verhandelt werden.

Doch auch wenn der Staat vor Quarantänemaßnahmen noch zurückschreckt - im Kampf Mann gegen Karpfen macht er keine Gefangenen mehr. 150 Mio. Dollar durfte eine 2010 von Präsident Obama eingesetzte Anti-Karpfen-Taskforce bisher ausgeben. Erprobt werden Ultraschall-Vergrämungsgeräte und Karpfenfallen mit Pheromonen. Bereits im Einsatz sind elektrische Barrierestationen, etwa im Örtchen Romeoville, 50 Kilometer südwestlich vom Michigansee. Sie arbeiten nach demselben Prinzip wie die 5000-Watt-Fischer um Blake Ruebush, nur in groß: Alles, was durchschwimmt, wird von einem Stromstoß gelähmt.

Als eine dieser Barrierestationen für Wartungsarbeiten abgeschaltet werden musste, starteten Landes- und Bundesbehörden Ende 2009 die Operation "Silverstream": Auf zehn Kilometern Länge vergifteten sie den Fluss. Über Pumpen gab man die Substanz Rotenon ins Wasser, einige Kilometer stromabwärts kam ein Stoff zum Neutralisieren dazu. Tausende Fische verendeten bei der Aktion - doch beim Aufsammeln fand man nur einen einzigen verendeten Marmorkarpfen. Andere Tötungsmissionen blieben ähnlich erfolglos. Ein Rotenon-Vorrat, auf den die Bundesstaaten jederzeit zugreifen können, blieb seither unangetastet.

Womöglich sind traditionelle Methoden ohnehin zielführender - etwa indem man die Fische fängt und aufisst. Gleich hinter Romeoville etwa hat das Illinois Department of Natural Resources Angler angeheuert, um so viele Karpfen wie möglich aus dem Wasser zu ziehen: 2011 fingen sie 360 Tonnen Fisch, 2012 waren es bisher 200 Tonnen. Auch einen neuen Sport fördert die Behörde: Angeln mit Pfeil und Bogen. Dabei schießt man vom Boot aus auf springende Karpfen und holt die Beute per Schnur ein. Bei einer Veranstaltung dieser Art kamen kürzlich 24 Tonnen Fisch zusammen. Auch Wirtin DeFord von der "Boat Tavern" versucht, das Beste aus der Plage zu machen: Sie veranstaltet das jährliche Redneck Fishing Tournament - etwas, das sie selber als "Karpfenrodeo" beschreibt. Man versucht dabei von Booten aus, so viele Fische aus der Luft zu keschern wie möglich. Anderswo wurden auch schon Jagdsessions mit Samuraischwertern auf Wasserski beobachtet.

Einfacher wäre es natürlich, wenn es einen Markt für die lästigen Zuwanderer gäbe. Der Fisch ist zum Verzehr durch den Menschen freigegeben - viel Appetit auf Karpfen scheinen die Leute aber nicht zu haben. Selbst Werbevideos (Slogan: "Flying fish, great dish") konnten daran bisher nichts ändern. "Viele Leute nennen ihn Kloakenbarsch", sagt Steve McNitt, Salesmanager bei Schafer Fisheries in Thomson, Illinois. Was im Staatsauftrag aus dem Wasser geholt wird, verarbeitet Schafer zurzeit noch zu Düngemittel, testet aber auch den Markt für ganz andere Produkte: Karpfen-Hotdogs, Karpfenburger, Karpfensalami. Um Weihnachten herum soll die Vermarktung dieser Leckereien anlaufen.

Dabei gibt es bereits einen Ort, an dem die Plagegeister hochbegehrt sind: China. Im Mutterland des Karpfens gibt es kaum Exemplare in freier Wildbahn. "Dort erzählen wir den Leuten: Diese Fische haben so viel Energie, dass sie auf dem Wasser tanzen", sagt Ross Harano von Big River Fish. 2 Mio. Dollar hat seine Firma kürzlich vom Staat bekommen, für den Ausbau ihrer Verpackungsanlage - Hintergrund ist ein dicker Liefervertrag mit Peking. "Wir vermarkten den Fisch ähnlich wie Angusrind", sagt Harano.

Deutlich gröber springt die Crew um Blake Ruebush mit dem Karpfen um. Bei Havana haben die Männer gerade einen weiteren Flussabschnitt unter Strom gesetzt, da entdecken sie eine Spezies, mit der hier kaum noch jemand gerechnet hat: einen Menschen. Dan Belden, ein braun gebrannter, schlanker 23-Jähriger mit Pferdeschwanz, paddelt mit seinem Kanu auf Ruebushs Boot zu. Er ist seit Wochen auf dem Wasser, unterwegs von Wisconsin bis runter nach New Orleans. Vor ein paar Tagen traf ihn ein riesiger Silberkarpfen am Kopf. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Angst vor Fischen haben würde", sagt er. Belden hat mittlerweile gelernt, in Ufernähe behutsam zu paddeln, um keine nervösen Springer aufzuschrecken. "Glaubt ihr, dass es irgendwo Gewässer gibt, wo diese Viecher nicht überleben?", fragt er mit Blick auf den Berg toter Fische im Boot. Ruebushs Antwort: "Ich würde nicht drauf wetten." Mitarbeit: Helene Pawlitzki

  • Aus der FTD vom 07.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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