Nach 52 Jahren soll endlich ein Luftfahrtrekord fallen: Im August 1960 sprang der US-Pilot Joe Kittinger aus einer offenen Gondel eines Ballons aus 31.332 Metern Höhe mit einem Fallschirm ab und landete sicher. Jetzt hilft der 84-jährige aktiv im Red Bull Stratos-Team mit, dass der Extremsportler Felix Baumgartner seinen Sprung in mehrfacher Hinsicht noch übertrifft. Als erster Mensch möchte der Österreicher im freien Fall ohne Schutzhülle die Schallmauer durchbrechen.
Baumgartner will aus 36.576 Metern Höhe abspringen und steigt dazu mit dem größten Ballon in der Geschichte der bemannten Ballonfahrt auf. Die Mission sollte am kommenden Montag beginnen. Doch eine Schlechtwetterfront im US-Bundesstaat New Mexiko verzögert das Vorhaben mindestens bis Dienstag, teilte die Missionsleitung am Samstag mit.
Geplant ist eine Rekordmission in vierfacher Hinsicht: Der höchste bemannte Ballonflug, der höchste Absprung, das Erreichen der Überschallgeschwindigkeit im freien Fall und der am längsten dauernden freien Fall von ungefähr fünfeinhalb Minuten.
Nach den Berechnungen der Experten braucht die Druckkapsel mit dem Heliumballon gut drei Stunden für den Aufstieg in die Stratosphäre in 36 Kilometern Höhe. Plakativ spricht das Red Bull Stratos-Team wird von der Grenze des Weltraums, die aber physikalisch erst bei etwa 100 Kilometern Höhe beginnt. Der Heliumballon hat sich in dieser großen Höhe auf 102 Meter Höhe und 126 Meter Durchmesser ausgedehnt.
Der eigentliche Rekordsprung beginnt dann sofort mit der größte Herausforderung: In nur 40 Sekunden vom Absprung aus der Kapsel könne der Extremsportler auf eine Geschwindigkeit von ungefähr 1100 Stundenkilometer beschleunigen. Er würde dann mit Mach-1-Geschwindigkeit, bei minus 70 Grad Außentemperatur und angewiesen auf die Sauerstoffversorgung in seinem Spezialanzug auf die Erde zurasen. Weil die Schallgeschwindigkeit von der Temperatur abhängig ist, gibt es keinen fixen Wert, wie schnell man sein muss, um die Geschwindigkeit der Schallwellen zu übertreffen. Baumgartner wird wahrscheinlich erst nach der Landung anhand der Aufzeichnungsdaten wissen, ob ihm der Geschwindigkeitsrekord gelungen ist.
Um den Rekord zu erreichen, muss der professionelle Basejumper eine optimale Sturzposition einhalten und darf nicht ins Trudeln oder Schlingern kommen. Die Sturzhaltung hat sich der 43-jährige bereits in mehreren Versuchen antrainiert. Zuletzt bei einem Sprung aus immerhin 29,6 Kilometer Höhe am 25. Juli, bei dem er eine Geschwindigkeit von 864 Stundenkilometern erreichte und 3 Minuten und 48 Sekunden im freien Fall war. Er übertraf damit schon den höchsten Absprung des Russen Yevgeny Andreyev, der 1962 aus knapp 25,5 Kilometern Höhe absprang.
Der Rekordsprung von Baumgartner soll einen Beitrag für den Zukunftsmarkt Weltraumtourismus liefern. So sollen möglichst bequeme, aber auch sichere Weltraumanzüge entwickelt werden und zudem neue Sicherheitssysteme zur Anwendung kommen. Noch ist nicht im Detail bekannt, wie sich ein Körper bei der Extremgeschwindigkeit verhält.
Für den Baumgartner-Sprung wurde bereits spezielle Sicherheitstechnik entwickelt. Sollte er beim freien Fall länger als sechs Sekunden lang Beschleunigungskräften von über 3,5 G ausgesetzt sein, würde ein kleiner Stabilisierungsfallschirm ausgelöst. Das ist ein Schutz für den Österreicher, aber auch Risiko, weil damit sein Sturz gebremst und der Geschwindigkeitsrekord vermutlich nicht erreicht würde. Wie stark eine Beschleunigung von 3,5 G ist, lässt sich an Achterbahnfahrten abschätzen. Dabei werden ganz kurzzeitig bis zu 6 G-Beschleunigung erreicht. Bei längeren Beschleunigungen über 5 G droht Bewusstlosigkeit.
Baumgartner hat einen Hauptfallschirm, den er in etwa 1500 Metern Höhe auslösen soll und einen Reserveschirm. Ein Notsystem würde aktiviert, sollte Baumgartner in 600 Meter Höhe noch zu schnell auf die Erde zurasen. Keinesfalls darf sich der Fallschirm in extremen Höhen öffnen, dann würde der Abstieg zu lange dauern.
Der 43-jähige hat nur Sauerstoff für gut zehn Minuten dabei. Daher kann Baumgartner die Fallschirme im Notfall auch separat abtrennen.
Auch die ersten 300 Höhenmeter beim Aufstieg sind gefährlich. Sollte es da einen Zwischenfall geben, käme Baumgartner nicht mehr aus seiner Kapsel, um mit dem eigenen Fallschirm zu landen. In der Geschichte der Fallschirmabsprünge aus extremen Höhen gab es bereits mehrere tragische Zwischenfälle und Todesopfer. Doch das Red-Bull-Stratos-Team ist vom Erfolg überzeugt.