Der Appetit ausländischer Investoren auf Agrarland in Entwicklungsländern nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an. Seit dem Jahr 2000 ist der Umfang der Landtransaktionen auf bis zu 200 Millionen Hektar gestiegen - das entspricht der achtfachen Fläche Großbritanniens. Häufig profitieren davon weder Regierungen noch Landbewohner, sondern allein Konzerne und korrupte Mittelsmänner. Nun sollen freiwillige Regeln der Weltagrarorganisation FAO den kompletten Ausverkauf stoppen: Sie könnten sicherstellen, so die Hoffnung, dass bei Kauf oder Pacht "legitime Rechte" der Bevölkerung beachtet werden.
Drei Jahre lang haben unter Schirmherrschaft der Uno-Organisation 96 Regierungen, Bauern- und Wirtschaftsvertreter sowie Menschenrechtler verhandelt. Herausgekommen sind Leitlinien, die für die Mitgliedsstaaten theoretisch bindend sein sollen: sei es für Indien als Heimatstaat vieler Großinvestoren oder für Sambia, eines von sieben besonders armen Ländern, die am stärksten vom sogenannten Landgrabbing betroffen sind.
Die bei der Weltbank vorgestellte "Land-Matrix" listet auch Äthiopien, den Sudan, Mosambik, Tansania, Madagaskar, Sambia und Kongo auf, in denen teilweise Hunger herrscht. Auf vielen der dort ausverkauften Böden wurden vorher Nahrungsmittel für den heimischen Konsum angebaut. "Nun werden die Erträge dieser Flächen nicht einmal zu einem Prozent auf den lokalen Märkten verkauft", kritisiert etwa die Organisation Oxfam.
Lange galten chinesische und saudi-arabische Unternehmen als führende Investoren. Inzwischen haben Indien, Indonesien und Malaysia die Nase vorn, aber auch einige europäische Länder sind stark vertreten. Ein krasses Beispiel ist Kambodscha: Dort wurden 53 Prozent des nutzbaren Agrarlands an 200 Investoren vergeben. "Das ist eine unglaubliche Dimension", sagt Roman Herre von Fian, einer Menschenrechtsorganisation, die sich für das Recht auf Nahrung einsetzt.
Die Schieflage, die durch Vertreibung von Kleinbauern und die Missachtung ihrer Gewohnheitsrechte auf Land entsteht, umschrieb die Organisation International Land Coalition jüngst so: "Die Armen tragen unverhältnismäßige Kosten, haben aber wenig Nutzen", weil korrupte und intransparente Handelsvereinbarungen ihre Rechte übergingen und die Politik Kleinbauern vernachlässige. Während die Weltbank an das Gewissen von Konzernen appelliert, hofft die Uno, mit neuen Regeln Regierungen in die Pflicht zu nehmen.
"Es kommt auf die Umsetzung an, damit der Wind nicht in einem Jahr raus ist", mahnt Fian-Experte Herre. Die neue Direktorin des Welternährungsprogramms WFP, Ertharin Cousin, ist zuversichtlich: "Die Regierungen brauchen jetzt Unterstützung der Geldgeber, damit aus Richtlinien Gesetze werden", sagt sie. "Dann kann man auch davon ausgehen, dass freiwillige Vorgaben den Verwundbarsten, also Kleinbauern und Frauen, nützen."
Der Zugang zu Land sei in vielen Partnerländern nicht gesichert, sagt Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) der FTD. Daher seien die neuen Leitlinien "ein Meilenstein in der Bekämpfung von Landgrabbing". Jetzt werde "ein internationaler Rahmen gesetzt, um gegen Korruption, Vertreibung, Enteignung und Diskriminierung vorzugehen."
Auch Unternehmen stehen den neuen Richtlinien positiv gegenüber. So sagt Ingo Siebke von der kleinen Firma Coachcraft Systems in Bad Honnef, der mit Äthiopien über einen Pachtvertrag zum Anbau der Weizensorte Durum auf einigen Tausend Hektar verhandelt: "Wenn sie befolgt werden, unterstreicht das die Seriosität der Regierung."