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Merken   Drucken   01.10.2012, 17:23 Schriftgröße: AAA

Insekten als Katastrophenhelfer: Dein Freund, die Küchenschabe

Kaum eine Kreatur ist so robust wie die Kakerlake, sie überlebt sogar Atomkriege. Ein US-Ingenieur will das Insekt jetzt als Katastrophenhelfer einspannen.
von Gütersloh

Es war der Gesang der Zikaden, der Ben Epstein auf seine Idee brachte. Es war Sommer, der Bioingenieur besuchte in Schanghai die Familie seiner chinesischen Frau und war fasziniert von den lautstarken Insekten. "Ganze Zikadenschwärme sangen da miteinander, der Klang pflanzte sich von Baum zu Baum fort", sagt der Hobbymusiker. "Ich habe mich gefragt, was die Zikaden da kommunizieren, und wie wir Menschen das nutzen können."

Opcoast-Chef Ben Epstein rüstet Kakerlaken mit Sensoren aus, um ...   Opcoast-Chef Ben Epstein rüstet Kakerlaken mit Sensoren aus, um sie als Kundschafter in Katastrophengebieten einzusetzen

Heute lässt Epstein zwar noch keine Insekten singen, über einen Umweg hat er es aber trotzdem geschafft, sie für den Menschen einzuspannen: Er stattet Küchenschaben mit elektronischen Rucksäcken aus, um sie zu Katastrophenhelfern zu machen. Zusammen mit Forschern der Universitäten Purdue und Texas A&M entwickelt sein Unternehmen Opcoast winzige Sensorenpakete, mit deren Hilfe die Insekten Überlebende finden und Strahlungs- oder Chemikalienlecks aufspüren können. Einen wichtigen Unterstützer hat Opcoast bereits gewonnen: Das Forschungsbüro der US Army unterstützt das Projekt mit 850.000 Dollar .

Jede Kakerlake trägt etwa zwei Gramm Technik mit sich herum: einen Chip, einen Sender und eine Batterie, dazu Mikrofone oder Sensoren, die beispielsweise Menschen unter Häusertrümmern orten und mit der Einsatzzentrale verbinden sollen. Ein ganzer Schwarm der Hightechkakerlaken wird dann auf das Katastrophengebiet losgelassen, auf ihrem Weg funkt jedes der robusten Insekten laufend Umgebungsdaten.

Weil die Insekten nicht zielgerichtet nach Menschen oder Strahlungsquellen suchen, müssen möglichst viele Schaben ausgesetzt werden, um die Trefferwahrscheinlichkeit zu erhöhen. Was Epstein vor technische Herausforderungen stellt: Die Schaltkreise müssen für die Massenproduktion möglichst günstig sein, zumal die vielen Schaben am Ende der Mission nicht wieder eingesammelt werden können. Nur 1 Dollar pro Insekt sollen die Materialkosten betragen.

"Die Batterie ist dabei der schwierigste Teil des Projekts", sagt der Ingenieur. Sie müsse möglichst leicht sein und dabei stark genug, um Sensoren und Sender auch über einen längeren Zeitraum zu betreiben. Aktuell könnten seine Schaben gut 30 Minuten lang herumkrabbeln und senden; mit neuen Schaltkreisen und Batterien seien bis zu fünf Stunden drin. Epstein will seine Insektenrucksäcke zudem noch leichter machen, um sie auch kleineren Insekten aufzusetzen.

Geht alles glatt, sollen Opcoasts Schaben in zwei Jahren ihren ersten echten Einsatz haben. Feldtests hätten bereits gezeigt, dass die vielen Sender sich nicht gegenseitig stören. Auch scheine das Gepäck die Schaben nicht zu belasten: "Diese Tiere können ohnehin erstaunlich viel Gewicht schleppen."

Als Kunden hat Opcoast vor allem seinen Geldgeber im Auge: Das Militär fördere seine Arbeit bereits, sagt Epstein, da liege es nahe, dass es die Schaben irgendwann auch einsetze. Die Armee interessiert sich auch für Epsteins Vision, singende Insekten zu Informationsträgern zu machen: "Die Idee hat das Potenzial, zu einem zusätzlichen, kostengünstigen Kommunikationssystem zu werden", sagte Dwight Woolard vom Army Research Office dem Magazin "Businessweek".

Wobei es noch lange dauern wird, bis Grille und Grashüpfer vertrauliche Informationen übertragen. Epstein arbeitet zwar mit singenden Insekten. Seine Versuche mit chinesischen Grashüpfern hätten aber bisher vor allem eines gezeigt: "Die Schabenmethode ist wesentlich einfacher."

  • Aus der FTD vom 02.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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