Nicht einmal die Bürgermeisterin von Fessenheim wusste Bescheid: Die Ankündigung des französischen Präsidenten François Hollande, das lokale Atomkraftwerk bis Ende 2016 vom Netz zu nehmen, traf Fabienne Stich völlig unvorbereitet. "Ich bin tief enttäuscht", sagte die Bürgermeisterin der wohlhabenden kleinen Kommune, nachdem Hollande auf einer Umweltkonferenz in Paris das Aus für Frankreichs ältesten Atommeiler verkündet hatte. Sie fürchtet um Gewerbeeinnahmen und Arbeitsplätze, auch wenn der Präsident versprochen hat, dass keine Stellen verloren gehen sollen.
Es zeigt sich einmal mehr, wie undemokratisch es in Frankreich zugeht, wenn es sich um Atomindustrie dreht. Eben noch hatte Umweltministerin Delphine Batho erklärt, dass der Zeitplan für Fessenheim erst im Zuge einer nationalen Energiedebatte festgelegt werden solle. Doch nach dem jüngsten Zwischenfall in der Anlage hatte der grüne Koalitionspartner Druck auf Hollande gemacht.
Passiert war nicht viel: Zwei Arbeiter hatten sich bei einem Unfall mit chemischen Reinigungsmitteln die Finger verbrüht. Aber es reichte aus, um dem Thema Schlagzeilen zu verschaffen. Die Grünen waren ohnehin genervt, weil Industrieminister Arnaud Montebourg kurz zuvor verkündet hatte, dass die Atomindustrie "eine Branche mit Zukunft" sei.
Hollande tat das Naheliegende und nahm dem Koalitionspartner mit dem angekündigten Aus für Fessenheim den Wind aus den Segeln. Auf der anderen Rheinseite reagierte man erleichtert. Die Proteste gegen Fessenheim waren in Deutschland immer schon massiver als in Frankreich. Die umstrittene Anlage liegt gerade mal 30 Kilometer von Freiburg entfernt.
Kritiker weisen immer wieder darauf hin, dass das seit 1977 laufende Atomkraftwerk zahlreiche Risiken berge. Die Region gilt als erdbebengefährdet: Fessenheim wurde deswegen so gebaut, dass es ein Erdbeben der Stärke 6,7 überstehen kann. Zudem liegt das Atomkraftwerk acht Meter unterhalb eines Staubeckens des Rheinseitenkanals. Wenn die Staumauer bricht, droht eine Überflutung.
Technisch ist das Abschalten durchaus möglich, ohne die Stromversorgung Frankreichs zu gefährden. Das ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie des Netzbetreibers RTE. Allerdings müsse parallel dazu der Stromverbrauch weiter gedrosselt werden. Und zudem müssten einige Kohlekraftwerke länger laufen als geplant.
Ein Einstieg in den Ausstieg aus der Atomkraft ist Hollandes Ankündigung zu Fessenheim wohl nicht. Frankreich ist von einer Energiewende weit entfernt. Die Regierung spricht von einer "Transition énergétique", und schon die Wortwahl zeigt, dass das Land sich nicht radikal wenden, sondern allenfalls schrittweise ein wenig umorientieren will.
Kein anderes Land hat sich mehr der Atomkraft verschrieben als Frankreich. Es herrscht ein breiter Konsens, dass Atomenergie derzeit die beste Lösung sei: Es werden kaum klimaschädliche Gase freigesetzt, und man bleibt weitgehend unabhängig von ausländischen Öl- und Gaslieferanten. Vor allem aber kostet der Strom wegen massiver staatlicher Subventionen nur etwas mehr als die Hälfte im Vergleich zu anderen EU-Ländern.
Bis 2016 kann noch viel passieren, und das geplante Abschalten wirft eine Menge Fragen auf. Die französische Atomaufsicht hatte im vergangenen Sommer unter Auflagen grünes Licht dafür gegeben, die Laufzeit des ersten der beiden Reaktoren in Fessenheim von 30 auf 40 Jahre zu verlängern. Die geforderten Nachbesserungen umfassen unter anderem eine dickere Betonschicht, einen Krisenbunker und eine Notversorgung mit Strom und Wasser. Ihre Kosten werden auf 20 Mio. Euro geschätzt. Die Instandhaltung und der Austausch der Dampfgeneratoren haben bislang schon etwa 380 Mio. Euro verschlungen.
Werden die geplanten Arbeiten angesichts des geplanten Abschaltens jetzt noch in Angriff genommen? Wenn nicht, dann könnte die Atomaufsicht die Genehmigung für die Laufzeitverlängerung zurückziehen. Wenn doch, ließe sich 2016 gut argumentieren, dass nach all den Investitionen in die Sicherheit doch eigentlich kein Grund mehr zum Abschalten bestehe. Einige Monate vor der nächsten Präsidentschaftswahl könnte es dem Kandidaten Hollande durchaus nutzen, die Atomlobby zu umgarnen und Fessenheim vorerst weiter am Netz zu lassen.