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Merken   Drucken   16.07.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

Kraftstoff-Streit: Biosprit kommt nur tröpfchenweise in den Tank

Es ist ruhig geworden um E10 - dabei will den Biosprit nach wie vor kaum jemand tanken. Folge: Der Preis des Standardbenzins steigt ebenso wie die Nachfrage.
© Bild: 2011 DPA/Bildfunk/Marius Becker
Es ist ruhig geworden um E10 - dabei will den Biosprit nach wie vor kaum jemand tanken. Folge: Der Preis des Standardbenzins steigt ebenso wie die Nachfrage. von Kathrin Werner  Hamburg
Biojüch. Das ist Plattdeutsch für Biojauche und ein bisschen gaga, schließlich ist Jauche immer bio. Trotzdem hat der Landesheimatverband Mecklenburg-Vorpommern "Biojüch" vor Kurzem zum besten aktuellen plattdeutschen Ausdruck gekürt. In dem Wort, lobt die Jury, klinge die Skepsis vieler Autofahrer gleich mit an. Denn "Biojüch" ist das Plattwort für E10, den Hasssprit der Deutschen.
Ruhig ist es geworden um das Benzin mit zehnprozentiger Beimischung von Bioethanol. Gefährlich ruhig. Geändert hat sich nichts seit der chaotischen Quasieinführung des Kraftstoffs zum Jahresanfang. Selbst wo E10 verfügbar ist, tanken weniger als 30 Prozent der Kunden den Biotreibstoff. Und an gut der Hälfte aller deutschen Tankstellen - vor allem im Norden und Westen - gibt es den Sprit noch gar nicht. Im April kam E10 auf einen Marktanteil von gerade mal neun Prozent aller Ottokraftstoffe. Dabei soll es der Massensprit werden. Im Grunde ist bei Biokraftstoffen für Autos alles andersherum als bei Biokerosin für Flugzeuge: Bioethanol gibt es weltweit genug. Nur mit der Nachfrage hapert es.
Für die Ölindustrie ist das ein Problem. Schließlich ist sie per Gesetz verpflichtet, im Jahr eine Bioquote von 6,25 Prozent am Spritverkauf zu erreichen. Klappt das nicht, drohen Strafen; laut Mineralölwirtschaftsverband (MWV) rund 2 Cent pro Liter, der zu wenig abgesetzt wird. Es gibt Möglichkeiten, die Strafen zu vermeiden: Die Konzerne können mehr ETBE beimischen, ein verträglicher aber teurer Biosprit, der sonst untergerührt wird, um die Oktanzahl zu erhöhen. Oder sie kaufen Zertifikate von Unternehmen, die reinen Biodiesel absetzen. Doch alle Varianten kosten Geld. Branchenkenner schätzen die Zusatzkosten für die Branche auf mehrere Hundert Millionen Euro in diesem Jahr.
"Die Kosten sind schon längst eingepreist", sagt MWV-Chef Klaus Picard. "Und man bestraft dann natürlich den Schuldigen, also den Sprit, der die Quote nicht erfüllt." Um den Absatz anzukurbeln, ist E10 meist 3 Cent billiger als anderes Benzin. Die Extrakosten werden auf herkömmliches Super und Benzin mit höheren Oktanzahlen umgelegt. "Natürlich werden die Zusatzkosten für die E10-Einführung auf die Preise umgelegt", bestätigt ein Sprecher der größten Tankstellenkette Aral.
Zum Glück hat sich eine weitere Einnahmequelle erschlossen: Um E10 zu vermeiden, greifen viele Kunden zu teurerem Sprit. Während im ersten Quartal 2010 nur 138 Millionen Liter Super Plus verkauft wurden, waren es 2011 ganze 733 Millionen Liter. "Daraus entstehen aber nicht unmittelbar auch Gewinne", erörtert eine Shell-Sprecherin. Der Konzern habe die Super-Plus-Tanks in der heißen Phase alle drei Stunden befüllen müssen. Normal sei alle drei Tage. "Daraus entstehen gigantische Kosten."
Wann Shells 1100 E10-freie Stationen umgestellt werden, stehe nicht fest. Aral will zum Jahresende überall den Biosprit verkaufen. "Es ist so ärgerlich, vier Millionen Autos fahren schon problemlos mit E10. Trotzdem gibt es von Monat zu Monat fast keine Zuwächse bei der Nachfrage", klagt Picard. Es werde dauern, bis die Deutschen den E10-Hass ablegen. Den Heimatverbandshauptpreis für das schönste plattdeutsche Wort hat übrigens "langtöögsch" gewonnen - das heißt langsam und zäh.
  • FTD.de, 16.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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