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Merken   Drucken   14.03.2011, 16:11 Schriftgröße: AAA

Schutz vor Radioaktivität: "Abstand ist die beste Medizin"

Nach der Naturkatastrophe bangt Japan um seine Atommeiler. Radioaktive Strahlung ist bereits ausgetreten. Wie sich die Menschen davor schützen können, erklärt Michael Atkinson, Leiter des Instituts für Strahlenbiologie am Helmholtz-Zentrum.
© Bild: 2011 AP/dapd
Nach der Naturkatastrophe bangt Japan um seine Atommeiler. Radioaktive Strahlung ist bereits ausgetreten. Wie sich die Menschen davor schützen können, erklärt Michael Atkinson, Leiter des Instituts für Strahlenbiologie am Helmholtz-Zentrum.
FTD Am Sonntag ist auch in einem dritten Kernkraftwerk in Japan das Kühlsystem ausgefallen - die Angst vor einer atomaren Katastrophe wird immer größer. Was würde ein GAU für die Menschen in der Region bedeuten?
Michael J. Atkinson, Strahlenbiologe und Direktor des Instituts ...   Michael J. Atkinson, Strahlenbiologe und Direktor des Instituts für Radiobiologie am Helmholtz-Zentrum München
Michael Atkinson Das Hauptproblem für die Bevölkerung ist nicht die Strahlung von außen. Die kann einfach durch gründliches Waschen mit Seife beseitigt werden. Alpha-Isotope beispielsweise sind so schwach, dass sie nicht einmal durch die Kleidung gelangen. Gefährlich ist die Aufnahme von strahlenden Radionukliden in den Körper - die sogenannte Inkorporation. Das passiert beispielsweise durch Aufnahme von verstrahltem Gemüse, Milch oder Wasser.
FTD Die japanische Regierung hat begonnen, Jodtabletten auszugeben. Wie sollen die helfen?
Atkinson Die Regierungen haben aus Unglücken wie Tschernobyl gelernt und ihre Notfallprogramme verbessert. Dazu gehören Jodtabletten. Die große Gefahr ist, dass gefährliche radioaktive Jodionen in den Körper gelangen, besonders bei Kleinkindern. Sie werden einfach über die Nahrung aufgenommen, setzen sich dann in der Schilddrüse ab und erzeugen dort im schlimmsten Fall Krebs. Die Schilddrüse kann nicht zwischen gutem und gefährlichem Jod unterscheiden. Man kann das Organ allerdings blockieren, indem man es mit Jod vollpumpt. Wenn die Menschen Jodtabletten nehmen, sättigen sie die Schilddrüse. Sie kann dann kein Radiojodid mehr aufnehmen. Daneben gibt es aber noch Strahlung, gegen die man nichts unternehmen kann: Cäsium und Strontium. Auch sie gelangen durch Nahrung in den Körper und setzen sich dort ab. Dann wird man sozusagen von innen bestrahlt.
FTD Radioaktive Strahlung umgibt uns in unserer Umwelt. Ab wann wird sie für uns gefährlich?
Atkinson Erst ab einer sehr hohen Dosis. Wir messen dazu die Energie, die durch Strahlung im Körper deponiert wird, in Grey. Um einen Menschen zu töten, braucht es beispielsweise zehn Grey. Die Schwelle zum Tod ist bei zwei bis fünf Grey erreicht. Bei Werten darunter gibt es die Gefahr von späteren inneren Verletzungen. An Umweltstrahlung bekommen wir jedes Jahr zwei Milligrey ab; eine CT-Untersuchung der höchsten Stufe hat 100 Milligrey. Bei diesen Strahlungsdosen sind wir ziemlich sicher, dass es keine Gefahr gibt. Auch die Menschen, die jetzt im Umfeld der japanischen Kraftwerke sind, bekommen wahrscheinlich nicht mehr als 100 Milligrey ab. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass es eine höhere Strahlenbelastung gibt. Sollte einer der Reaktorkerne explodieren, passiert das in jedem Fall.
FTD Es wird also niemand sofort durch freigesetzte Strahlung sterben?
Atkinson Das Heimtückische an der Strahlung ist nicht der sofortige Tod - das passiert so gut wie nie. Das Heimtückische sind die Krebsfälle und Herzkrankheiten, die 20 Jahre später auftauchen. Und die Strahlung zirkuliert: Sie gelangt ins Wasser, dann in die Wurzeln der Pflanzen und, wenn diese verdorren, wieder in den Boden. Wird er nicht abgetragen, dauert es viele Jahre, bis er wieder gesund ist. Wenn es aber die Prophylaxe mit den Jodtabletten gibt und es zu keiner Explosion des Reaktorkerns kommt, werden wir von Strahlentoten verschont bleiben. Dennoch ist im Moment Abstand die beste Medizin. Dazu Jod, den Körper gründlich waschen und Nahrung aus dekontaminierten Quellen. Die Japaner sind gut vorbereitet. Es wird unangenehm und es wird einiges kosten, aber eine Gefahr für große und akute Krankheitsprobleme gibt es nicht. Interview: Simon Book
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  • FTD.de, 14.03.2011
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