
Strukturelle Absatzkrise bei großen Spirituosenherstellern durch verändertes Gesundheitsbewusstsein der Konsumenten. (Foto: Magnific, chandlervid85)
Über viele Jahre hinweg galten die Aktien von Spirituosenherstellern wie Diageo oder Pernod Ricard als klassische defensive Value-Investments. Gerade in unsicheren Börsenzeiten vertrauten Anleger auf die vermeintliche Stabilität dieser Unternehmen. Die dahinterstehende Annahme war simpel: Unabhängig von der wirtschaftlichen Lage wird Alkohol immer konsumiert, und damit sichern regelmäßige Dividendenausschüttungen eine stetige Rendite.
Allerdings hat sich dieses Bild in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Die Kurse der Spirituosenhersteller konnten ihre frühere Beständigkeit nicht halten und zeigten keine nennenswerte Aufwärtsentwicklung. Insbesondere im Jahr 2025 waren viele Marktteilnehmer der Meinung, dass die günstigen Bewertungen eine attraktive Einstiegschance bieten würden. Doch entgegen dieser Erwartungen verloren zahlreiche Aktien aus diesem Sektor nochmals rund ein Drittel ihres Wertes.
Was zunächst als günstige Gelegenheit erschien, entpuppte sich für viele Investoren letztlich als sogenannte Value-Falle. Die eigentliche Ursache dafür liegt nicht in vorübergehenden konjunkturellen Schwankungen, sondern in einer fundamentalen Krise der Branche. Diese Krise betrifft die strukturellen Grundlagen des Geschäftsmodells und reicht weit über temporäre Markteinflüsse hinaus.

Anzeige
Bei anderen Depots investieren Sie in Ordergebühren, bei Smartbroker+ in Ihren Vermögensaufbau.
- kostenlose Depotführung
- Ordergebühren ab 0€
- kostenlose ETF-Sparpläne
Getrunken wird doch nicht immer?
Der Kursverfall der Alkoholaktien ist vor allem auf einen erkennbaren Wandel in der Gesellschaft zurück zu führen. Vor allem jüngere Zielgruppen konsumieren deutlich weniger Alkohol als noch vor Jahren. Gesundheitliche Aspekte spielen eine immer größere Rolle und die Nachteile überwiegen die Momente einer feuchtfröhlichen Partynacht. Dieser Trend ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern eine dauerhafte Veränderung des Marktes. Früher konnten Konzerne sinkende Mengen durch Preiserhöhungen ausgleichen. Diese Strategie kommt nun an ihre Grenzen.
Wenn das Volumen dauerhaft wegbricht, gerät das bisherige Erfolgskonzept ins Wanken. Mit einer solchen Entwicklung kommen auch die beliebten Dividendenausschüttungen unter Druck. Während die Cashflows in den letzten Jahren sich deutlich verschlechtert haben, wurde die Dividende stetig erhöht. Die Ausschüttungsraten bei Pernod Ricard und Diageo erreichten nahezu 100 Prozent des freien Cashflows. Einige Anleger haben diese Entwicklung trotz scheinbar günstiger Bewertungen erkannt. Die attraktive Dividendenrendite konnte immer weniger Investoren zum Kauf bewegen, während andere den Exit wählten.
Diageo: Und da war sie, die Dividendenkürzung
Diageo galt lange als britischer Branchenführer und als Inbegriff der Zuverlässigkeit. Doch dieses Vertrauen wurde in den letzten Quartalen und Wochen massiv erschüttert. Neben wiederholt schwachen Zahlen und gesenkten Prognosen verkündete das Management nun eine Halbierung der Dividende. Dies ist ein Novum für den Konzern, der immer sehr stolz auf seine Dividendenkontinuität war. Die Reaktion am Markt war eindeutig: Die Aktie brach nach der Ankündigung zeitweise um 14 Prozent ein.
Die Ursachen liegen tief in der Bilanz. Die Verschuldung ist im Verhältnis zum freien Cashflow auf einen Faktor von 7 gestiegen. Diageo sah sich daher gezwungen, die Dividende zu kürzen, um die Entschuldung anzustoßen. Hinzu kommt ein Rückgang des organischen Umsatzes um 2,8 Prozent. Die Absatzmenge ist rückläufig und die Preissetzungsmacht bröckelt. Trotz des Kursrückgangs wird Diageo weiterhin mit dem 20- bis 21-fachen des freien Cashflows bewertet, aber das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt auf einem historischen Tief von 11 bis 12. Ohne ein echtes Wachstum und eine Verbesserung der Cashflows bleibt die Aktie damit ein Risikoinvestment im Vergleich zu einem World-ETF.
Pernod Ricard und der Brown-Forman-Merger
Auch beim französischen Wettbewerber Pernod Ricard läuft es schon eine Zeit lang nicht mehr rund. Im letzten Halbjahr wurde ein Umsatzrückgang von 15 Prozent gemeldet. Die Nettoverschuldung aufgrund aggressiver Übernahmen, hoher Dividendenzahlungen und sinkender Gewinne schränkt den Handlungsspielraum zunehmend ein. Als Reaktion auf die Krise planen Pernod Ricard und Brown-Forman nun einen Zusammenschluss, der jedoch weit entfernt von einer Genehmigung ist.
Die Vorteile für die beiden Unternehmen ergeben sich aus Kosteneinsparungen im Vertrieb, Einkauf und auch in der Verwaltung. Doch solche Fusionen bergen auch erhebliche Integrationsrisiken und Integrationskosten. Unternehmen die aus der Schwäche heraus auf Fusionen zurückgreifen müssen, haben im Grunde den Status eines Einzelinvestments verwirkt. Eine Fusion löst auch nicht das Problem der sinkenden Nachfrage und der erodierenden Preissetzungsmacht. Das Branchenproblem bedarf anderer Ansätze.
Spirituosen-Aktien sind ein Risikoinvestment
Die Krise in der Spirituosenbranche ist fundamental und nicht rein zyklisch. Eine hohe Dividende bietet keinen Schutz, wenn das Geschäftsmodell langsam kollabiert und Schulden die Bilanz prägen. Solange der Konsumtrend negativ bleibt und die Schuldenlast nicht verringert werden kann, ist ein Investment eine Wette auf eine Erholung, die ausbleiben kann. Historisch günstige KGV-Bewertungen zählen nicht, wenn das Kurs-Cashflow-Verhältnis steigt, der Markt gesättigt ist und die Schulden die Bilanz schwächen und die Dividendenzahlungen bedrohen.
Keine Anlageberatung. Kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.
Über die Autorin
Sophia studierte Betriebswirtschaft und absolvierte ein Auslandssemester an der Singapore Management University. Schon als kleines Kind hatte sie ihre Finanzen fest im Griff und sparte den Großteil ihres Taschengeldes. Auch sie vertraute lange den gängigen Anlageprodukten (Sparbuch, Bausparer, Lebensversicherung). Heute nimmt sie ihre Finanzen selbst in die Hand. Sie recherchiert täglich über Unternehmen und konzentriert sich auf Qualität, ergänzt durch ausgewählte Smallcaps und Wachstumswerte. Ihr Ziel ist es, den Zinseszinseffekt bestmöglich für den Vermögensaufbau zu nutzen.



Meistgelesen
Vergleiche

Festgeld-Vergleich
Geben Sie die Laufzeit vor, ftd.de findet die besten Zinsen

Tagesgeld-Vergleich
Mit dem Einlagensicherungscheck sind Sie auf der sicheren Seite

Depot-Vergleich
Ohne den Vergleich von ftd.de sollten Sie kein Depot eröffnen






