
Bilanztricks und kreative Rechnungslegung sind eine Gefahr für Anleger. Wer Warnsignale übersieht, riskiert hohe Verluste. (Foto: Freepik, kroshka_nastya)
Die Vergangenheit hat schmerzhaft gelehrt, dass auch beim Investieren die breite Masse manchmal Betrügern vertraut. Dieses Vertrauen in die Prüfungsbehörden und die Integrität der Unternehmen kam einigen Anlegern bereits teuer zu stehen. Immer wieder tragen Unternehmen aktiv zu Illusionen bei. Es werden kreative Rechnungslegungen, geschickt verpackte Kennzahlen und trügerische Geschäftsmodelle genutzt, um eine Scheinwelt aufzubauen und Investoren anzulocken. Welche Fallstricke gibt es und wie können sich Anleger besser gegen Betrugsmaschen schützen?
Die kleinen legalen Tricksereien
Börsennotierte Unternehmen stehen unter ständigem Druck, in jedem Quartal mit hervorragenden Zahlen zu glänzen und steigende Gewinne vorzuweisen. Das führt in guten wie in schwachen Zeiten zu Tricksereien, um eine Balance über die Quartale zu erzeugen. Ein beliebter Trick ist die Vorverlagerung von Umsätzen. Verkäufe werden bewusst in ein laufendes Quartal gezogen, um die Zahlen kurzfristig zu verbessern. Mittels zu hoch angesetzten Markenrechten und Lizenzen wird immer wieder die Bilanz aufpoliert.
Häufig kommt es auch zu kreativen Kostenverteilungen, bei denen Ausgaben nicht sofort, sondern über Jahre verteilt abgesetzt werden, wodurch die Gewinnmarge stabiler wirkt. Das Problem: Investoren sehen auf den ersten Blick ein robustes Zahlenwerk, obwohl die Ertragskraft Schwächen zeigt. Beliebt ist auch die Flucht in alternative Kennzahlen. Statt den offiziellen Gewinn aus der Bilanz als Maßstab zu nehmen, wird „Adjusted EBITDA“ als kreative Gewinnkennzahl präsentiert. Doch diese „Tricks“ sind legal. Problematisch wird es bei Bilanzbetrug.
So werden Anleger mit komplexen Strukturen betrogen
Die komplexen Regelungen für die konzerninterne Rechnungslegung bieten für illegale Machenschaften zahlreiche Schlupflöcher. Insbesondere Tochtergesellschaften, Joint Ventures oder assoziierte Unternehmen können für Scheingeschäfte missbraucht werden.
Versteckte Schulden: Ein gängiger Trick ist es, Beteiligungen so zu gestalten, dass die Tochterunternehmen knapp unter der prüfungspflichtigen Schwelle für die Bilanzierung liegen. Dadurch tauchen deren Schulden in der Bilanz der Muttergesellschaft nicht auf. Auf dem Papier wirkt das Unternehmen solide, während die tatsächlichen Schulden in „halbunabhängigen“ Töchtern versteckt sind. Anleger werden so hinsichtlich der Schuldenstruktur getäuscht.
Gefälschte Umsätze: Ein anderer Trick besteht darin, künstliche Umsätze zu generieren. Produkte oder Dienstleistungen werden an verbundene Unternehmen „verkauft“ und diese Umsätze als echte Einnahmen verbucht. In Wirklichkeit stammt das Geld oft vom Konzern selbst, indem etwa Kredite oder interne Finanzierungen genutzt werden. So entsteht zwar ein deutliches Umsatzwachstum, aber wirtschaftlich wurde kein Wert geschaffen.
Aufgeblähte Gewinne: Manche Unternehmen verkaufen Produkte an ihre eigenen Tochterfirmen zu überhöhten Preisen, wodurch die Einnahmen in der Bilanz hoch erscheinen. Die Verluste der Tochterfirma fließen hingegen nur teilweise zurück. Anleger sehen ein sehr profitables Unternehmen, obwohl der Gewinn in der Realität viel kleiner ist.

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Wenn die Grauzone überschritten wird
Oft bewegen sich solche Praktiken zunächst in einer Grauzone. Es ist schwer zu erkennen, wann normale Buchhaltung aufhört und bewusster Betrug beginnt. Es gibt aber Warnsignale, auf die Investoren achten sollten. Dazu zählen unklare Fußnoten im Jahresbericht, Diskrepanzen zwischen Gewinn und Cashflow, hohe Cashflows aber Refinanzierung über Schulden oder auch eine sehr große Anzahl an Tochterfirmen, besonders im Ausland. Wer diese Hinweise ignoriert, könnte in eine Falle tappen.
Der Fall Wirecard als bitteres Lehrbeispiel
Das Beispiel Wirecard zeigt eindrucksvoll, wie Unternehmen die Bilanz nutzen können, um die Realität zu verschleiern. Jahrelang meldete das Unternehmen Umsätze in Milliardenhöhe über internationale Partner, die vor allem im Ausland ihren Standort hatten. Viele dieser Partner existierten jedoch nur auf dem Papier. Die Einnahmen, die ausgewiesen wurden, flossen in Wirklichkeit nie.
Ein weiteres Warnsignal: Wirecard wies große Bargeldbestände aus, nahm aber gleichzeitig immer wieder neue Kredite auf. Wirklich liquide Unternehmen sind kaum auf externe Mittel angewiesen. Ein Teil der Schulden wurde über Partnerfirmen verschoben, gleichzeitig wurden Umsätze intern aufgebläht. Das Ergebnis war, dass die Gewinne stabiler und gesünder wirkten, als sie tatsächlich waren.
Geld in der Bilanz ist nicht immer echt und hohe Umsätze oder Gewinne sind nicht immer die wirtschaftliche Wahrheit. Die Illusion kann jahrelang funktionieren, doch eines Tages bricht die Scheinwelt in sich zusammen und Investoren erleiden herbe Verluste.
Die wichtigste Lektion lautet: Vertrauen Sie dem Zahlenwerk nicht blind, sondern schauen Sie genau hin, bevor Sie investieren.
Disclaimer:
Keine Anlageberatung. Kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.
Über die Autorin
Sophia studierte Betriebswirtschaft und absolvierte ein Auslandssemester an der Singapore Management University. Schon als kleines Kind hatte sie ihre Finanzen fest im Griff und sparte den Großteil ihres Taschengeldes. Auch sie vertraute lange den gängigen Anlageprodukten (Sparbuch, Bausparer, Lebensversicherung). Heute nimmt sie ihre Finanzen selbst in die Hand. Sie recherchiert täglich über Unternehmen und konzentriert sich auf Qualität, ergänzt durch ausgewählte Smallcaps und Wachstumswerte. Ihr Ziel ist es, den Zinseszinseffekt bestmöglich für den Vermögensaufbau zu nutzen.



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