
Strukturelle Veränderungen stellen das passive Investieren infrage – Demografie und Cashflow-Stärke rücken ins Zentrum der Anlagestrategien. (Foto: freepik, jcomp)
Die letzten Jahrzehnte wurde der Aktienmarkt durch das starke wirtschaftliche Wachstum gestützt. Aktienbewertungen harmonisierten sich automatisch durch das rasante Wachstum. Investitionsentscheidungen beruhen auf der Annahme der steigenden Umsätze und Gewinne. Das Wachstum wurde insbesondere durch die wachsende Bevölkerung und den steigenden Wohlstand getragen. Doch diese Annahmen geraten zunehmend unter Druck. Das betrifft nicht nur einzelne Länder wie Deutschland, sondern zieht sich durch viele Industrieländer hinweg. Aus diesem Grund gilt es heute mehr denn je, die Investitionsthesen zu hinterfragen.
Falsche Bewertungsmaßstäbe
Trotz des abnehmenden Wachstums werden viele Unternehmen mit hohen Multiplikatoren bewertet. Besonders im Konsumsektor wurden über Jahre Kurs-Gewinn-Verhältnisse von über 20 bezahlt, obwohl das Wachstum lediglich aus Bevölkerungswachstum und/oder steigenden Preisen resultierte. Wenn diese Erwartungen nicht mehr erfüllt werden, wie zuletzt etwa in der Alkoholbranche, dann erwarten Anleger enttäuschende Renditen. Japan war ein Paradebeispiel für die Folgen ausbleibenden Wachstums. Trotz guter Unternehmen stagnierte der japanische Aktienmarkt über Jahrzehnte hinweg. Das Umfeld bot keinen Raum für organisches Wachstum. Anleger sollten diese Entwicklungen auch in Europa oder auch Nordamerika als realistisch betrachten. Die Parallelen nehmen zu, auch wenn sie nicht gänzlich vergleichbar sind.
Demografie als Belastungsfaktor
Auch wenn die Weltbevölkerung stetig weiter wächst, bedeutet das nicht, dass auch die Wirtschaft entsprechend wächst. Die Konsumenten sind die Erwerbstätigen und nicht die alternde Bevölkerungsgruppe, die kaum Interesse oder Bedarf am Konsum hat. Alte Menschen sparen und entziehen dem Markt langfristig wichtiges Kapital. Hinzu kommt die Belastung für das Sozialsystem und das Risiko, dass die alte Generation Geld aus dem Finanzmarkt abzieht, um die Altersvorsorge finanzieren zu können. Dieses Szenario wäre eine deutliche Belastung für die Aktienmärkte und die Bewertung.
Stabile Unternehmen rücken in den Vordergrund
Wenn der breite Markt unter einer Wachstumsflaute leidet, verschiebt sich der Fokus der Anleger von maximalen Renditezielen hin zu einem Schutz des Kapitals und einer selektiveren Investitionsstrategie. Unternehmen mit hohen Cashflows, die auch ohne externe Wachstum profitabel sind, gewinnen an Bedeutung. Wachstum wird damit zum Bonus, ist aber nicht mehr Voraussetzung. Wer sich auf einfache, transparente, möglichst unzyklische Unternehmen konzentriert, reduziert nicht nur das Risiko, sondern erhöht die Chance, korrekt zu liegen.
Chancen des strukturellen Trends
Natürlich eröffnen sich auch klare Chancen, wenn die Gesellschaft altert. Unternehmen, die ein Geschäftsmodell ausgerichtet auf die alternde Gesellschaft verfolgen, können deutlich profitieren. Besonders Gesundheits- und Pflegedienstleister, aber auch Pharma- und Diagnostikunternehmen werden weniger Probleme haben, ihre Umsätze und Gewinne zu steigern. Die Nachfrage wird mit der steigenden Lebenserwartung stetig zu nehmen. Einige Unternehmen wie Danaher oder Thermo Fischer bieten genügend Erfahrung, Stabilität und finanzielle Flexibilität, um auch in Zukunft von dieser demografischen Entwicklung zu profitieren. Kleinere Unternehmen bieten mehr Potenzial, aber auch mehr Unsicherheit.
Ein weiterer Trend ist die zunehmende Automatisierung. Es ist nötig, dass wir bei einer abnehmenden Anzahl an Erwerbstätigen und Erwerbsfähigen viele Prozesse automatisieren, sodass der Arbeitskräftemangel der Gesellschaft nicht zu teuer kommt. Somit gewinnen auch Lösungen zur Automatisierung von Lagerlogistik, Produktion oder Pflege an Bedeutung. Robotik und künstliche Intelligenz ermöglichen genau diese Skalierung die eine schrumpfende Weltbevölkerung benötigt.
Sind Emerging Markets die bessere Alternative?
Der demografische Wandel zeichnet sich verstärkt in entwickelten Regionen wie Europa, Nordamerika oder Japan ab. Das Durchschnittsalter liegt in Europa bei 44 Jahren und in Japan bei 49 Jahren. Aber auch in China ist die Bevölkerung bereits bei knapp 40 Jahren angelangt. Emerging Markets wie Indien, Indonesien oder Teile Afrikas haben aktuell junge Bevölkerungen mit Aufholpotenzial im Konsum, doch auch hier sinkt die Geburtenrate und der Wohlstand ist ein anderer als in entwickelten Ländern. Eine Übergewichtung der Emerging Markets ist daher ebenfalls mit entsprechenden Risiken, aber mehr Chancen verbunden.
Die Vergangenheit muss nicht die Zukunft betreffen
Da sich die demografische Situation zunehmend verändert, sollten auch die Erwartungen an die künftigen Renditen anders ausfallen. Andernfalls wird es eine selektive Vorgehensweise mit Einzelaktien erfordern, da der Weltmarkt von der alternden Bevölkerung eher belastet werden und nicht wie bisher profitieren wird.
Disclaimer:
Keine Anlageberatung. Kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.
Über die Autorin
Sophia studierte Betriebswirtschaft und absolvierte ein Auslandssemester an der Singapore Management University. Schon als kleines Kind hatte sie ihre Finanzen fest im Griff und sparte den Großteil ihres Taschengeldes. Auch sie vertraute lange den gängigen Anlageprodukten (Sparbuch, Bausparer, Lebensversicherung). Heute nimmt sie ihre Finanzen selbst in die Hand. Sie recherchiert täglich über Unternehmen und konzentriert sich auf Qualität, ergänzt durch ausgewählte Smallcaps und Wachstumswerte. Ihr Ziel ist es, den Zinseszinseffekt bestmöglich für den Vermögensaufbau zu nutzen.


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