
Die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche in Südamerika bieten Anlegern neue Chancen für eine gezielte Portfolio-Diversifikation. (KI-Bild: ftd.de-Redaktion mit Magnific AI
Rohstoffe, Nearshoring, politische Kurswechsel und vergleichsweise günstige Bewertungen: Lateinamerika könnte vor einer neuen Wachstumsphase stehen. Doch zwischen Brasilien, Mexiko und Kolumbien liegen Welten – und die anstehenden politischen Weichenstellungen entscheiden darüber, ob Anleger am möglichen Aufschwung verdienen. 5 Fonds und ETFs zeigen, wie sich die Region gezielt ins Depot holen lässt.
Lateinamerika war an den internationalen Kapitalmärkten lange ein Versprechen, das seine Anleger regelmäßig auf die Probe stellte. Die Region verfügt über Rohstoffe, fruchtbare Böden, junge Bevölkerungen und die Nähe zum wichtigsten Wirtschaftsraum der Welt. Trotzdem blieben die Börsen immer wieder hinter ihren Möglichkeiten zurück. Politische Instabilität, hohe Inflation, schwache Institutionen und abrupte Kurswechsel sorgten dafür, dass aus dem strukturellen Potenzial nur selten ein nachhaltiger Börsenboom wurde.
Nun könnte sich das ändern. Die Ausgangslage ist zumindest ungewöhnlich attraktiv. Die Bewertungen lateinamerikanischer Aktien liegen vergleichsweise niedrig (Kurs-Gewinn-Verhältnis um 12 Prozent), während die Region geopolitisch an Bedeutung gewinnt. Die Neuordnung globaler Lieferketten spielt Mexiko in die Karten. Brasilien profitiert von seiner Rolle als Rohstoff- und Agrarmacht und könnte zusätzlich vom Wettlauf um kritische Mineralien profitieren. Chile und Peru bleiben wichtige Kupferproduzenten. Und Kolumbien hat mit dem Machtwechsel hin zu einer konservativen Regierung eine deutliche politische Wende vollzogen.
Morgan Stanley geht sogar von einem ausgesprochen bullischen Szenario aus. Die Investmentbank hält einen Anstieg des MSCI Latin America um mehr als 90 Prozent bis 2030 für möglich. Das ist keine Prognose, die Anleger einfach übernehmen sollten. Aber sie zeigt, wie stark sich das Chancen-Risiko-Verhältnis der Region aus Sicht internationaler Strategen verändert hat.
Das Rohstoffargument: Lateinamerika als Alternative zu China
Lateinamerika besitzt etwas, wonach die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren händeringend sucht: Rohstoffe. Brasilien liefert Eisenerz, Öl, Sojabohnen, Kaffee und Zucker. Chile und Peru sind für Kupfer von zentraler Bedeutung. Mexiko verfügt über große industrielle Kapazitäten und ist eng in die nordamerikanische Wertschöpfungskette eingebunden.
Hinzu kommt ein neuer geopolitischer Faktor. Seltene Erden und andere kritische Mineralien sind zu einem strategischen Gut geworden. Der Westen versucht, seine Abhängigkeit von China zu reduzieren. Brasilien könnte dabei eine wichtige Rolle übernehmen. Das Land verfügt über große Vorkommen, unter anderem an den für Hochleistungsmagnete wichtigen Elementen Dysprosium und Terbium.
Für Anleger ist das interessant, aber nicht mit einem Freifahrtschein zu verwechseln. Ein Rohstoffvorkommen ist noch kein profitables Bergbauprojekt. Zwischen der Entdeckung eines Minerals und der kommerziellen Produktion liegen oft Jahre, Milliardeninvestitionen und erhebliche regulatorische Risiken. Zudem bleibt China bei der Förderung und vor allem der Verarbeitung vieler kritischer Rohstoffe dominant.
Die eigentliche Investmentstory lautet deshalb nicht einfach: Lateinamerika besitzt Rohstoffe. Sie lautet: Die Welt braucht Alternativen zu China – und Lateinamerika könnte zu einem der wichtigsten Lieferanten werden.
Brasilien: Wahljahr 2026 entscheidet über die Wirtschaftspolitik
Der größte Markt der Region bleibt Brasilien. Wer Lateinamerika kauft, kauft in der Regel automatisch eine große Portion Brasilien mit. Das Land ist wirtschaftlich so dominant, dass politische Veränderungen in Brasília unmittelbar an den Kapitalmärkten der gesamten Region spürbar werden.
Am 4. Oktober 2026 steht die entscheidende Wahl an. Dann werden nicht nur der Präsident, sondern auch große Teile des Kongresses und die Gouverneure der Bundesstaaten neu bestimmt. Für Anleger geht es dabei weniger um die Frage links oder rechts als um eine viel nüchternere Rechnung: Wie entwickeln sich Staatsausgaben, Verschuldung, Steuern und Investitionen?
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva kann durchaus wirtschaftliche Erfolge vorweisen. Die Beschäftigung hat sich verbessert, die Wirtschaft erwies sich trotz der politischen Polarisierung als widerstandsfähig. Gleichzeitig bleibt die fiskalische Situation ein Problem. Eine hohe Staatsverschuldung und ein erhebliches Haushaltsdefizit schränken den Spielraum der Regierung ein.
Und der Herausforderer heißt Flávio Bolsonaro. Der Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro verspricht Steuersenkungen, Bürokratieabbau und einen kleineren Staat. Sein wirtschaftspolitisches Programm ist allerdings weniger ausformuliert als seine sicherheitspolitische Agenda.
An den Märkten dürfte deshalb weniger die Person als vielmehr die Glaubwürdigkeit der künftigen Finanzpolitik entscheiden. Ein Wahlsieg eines reformorientierten Kandidaten könnte brasilianische Aktien, den Real und Staatsanleihen gleichzeitig unterstützen. Ein neuerlicher politischer Stillstand könnte dagegen genau das Gegenteil bewirken. Die Wahl ist damit für Anleger nicht nur ein politisches Ereignis. Sie ist ein Konjunktur- und Bewertungsereignis.
US-Markt: Mexiko hat die Fabrik vor der Haustür
Ganz anders funktioniert die Investmentstory in Mexiko. Hier geht es weniger um Eisenerz oder Sojabohnen als um die Frage, wo künftig produziert wird. Die Antwort der vergangenen Jahre lautet immer häufiger: möglichst nah am US-Markt.
Das sogenannte Nearshoring ist für Mexiko ein struktureller Vorteil. Unternehmen versuchen, ihre Lieferketten weniger abhängig von China zu machen. Mexiko verfügt über eine gemeinsame Grenze mit den USA, ein bestehendes Netz industrieller Zulieferer und eine lange Erfahrung im Exportgeschäft.
Doch auch diese Geschichte hat einen Haken. Die Investitionen wachsen, die Produktivität aber noch nicht schnell genug. Infrastruktur, Energieversorgung, Sicherheit und Rechtssicherheit bleiben Engpässe. Zudem hängt die mexikanische Wirtschaft stark von der Handelspolitik Washingtons ab. Donald Trump kann mit Zöllen und neuen Handelsbarrieren jederzeit die Kalkulation internationaler Unternehmen verändern. Mexiko ist deshalb vielleicht die sauberste Wachstumsstory Lateinamerikas – aber keineswegs die risikoloseste.

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Kolumbien macht den politischen Gegenversuch
Kolumbien wiederum steht für einen anderen Trend. Mit Abelardo de la Espriella ist ein konservativer Politiker an die Macht gekommen, der einen drastischen Kurswechsel verspricht. Weniger Staat, niedrigere Steuern, Deregulierung und eine härtere Gangart gegenüber organisierter Kriminalität gehören zu seinem Programm.
Die Börse hat den Machtwechsel zunächst positiv aufgenommen. Das ist nachvollziehbar: Nach Jahren hoher politischer Unsicherheit hoffen Anleger auf bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen und ausländisches Kapital.
Doch genau hier liegt die entscheidende Frage. Reformen auf dem Papier sind noch kein Wirtschaftswachstum. De la Espriella muss beweisen, dass sich Ausgabenkürzungen, Privatisierungen und Steuersenkungen miteinander vereinbaren lassen. Gleichzeitig darf die soziale Balance nicht kippen. Kolumbien ist deshalb eine klassische Turnaround-Wette. Das Potenzial ist hoch, die politische Umsetzung aber noch wichtiger als die ursprüngliche Wahlentscheidung.
5 Wege ins lateinamerikanische Comeback: ETFs und Fonds
Wer von dieser Entwicklung profitieren möchte, muss nicht einzelne brasilianische oder mexikanische Aktien kaufen. Fonds und ETFs bieten einen deutlich breiteren Zugang. Allerdings unterscheiden sich die Produkte erheblich: Manche setzen auf die gesamte Region, andere konzentrieren sich auf Brasilien. Manche vertrauen auf Stockpicker, andere bilden schlicht den Markt ab.
- LarrainVial Latin American Equity Fund – der Fonds mit Heimvorteil (ISIN: LU0939495957)
- JPM Latin America Equity – der günstige aktive Allrounder (ISIN: LU0143836624)
- Amundi Latin America Equity – der strukturierte Klassiker (ISIN: LU0068578501)
- Franklin FTSE Brazil UCITS ETF – Brasilien zum Discountpreis (ISIN: IE00BHZRQY00)
- DWS Invest Brazilian Equities – Brasilien mit aktivem Turbo (ISIN: LU0616856935)
5 Produkte, 5 unterschiedliche Wetten
Diese 5 Produkte zeigen, wie unterschiedlich sich Lateinamerika spielen lässt. Wer maximale regionale Breite und lokales Stockpicking sucht, findet im LarrainVial eine interessante Boutique-Lösung. JPM ist der langfristig überzeugende Allrounder. Amundi verbindet einen strukturierten Ansatz mit zuletzt starker Performance. Der Franklin ETF bietet den günstigsten und transparentesten Zugang zu Brasilien, während DWS die aktive Variante für Anleger darstellt, die dem Fondsmanagement mehr Spielraum geben wollen.
Für Anleger bleibt Lateinamerika damit vor allem eine Beimischung mit Chancen – aber auch mit politischen, währungs- und rohstoffbedingten Risiken. Wer die Region ins Depot holt, sollte deshalb nicht auf den schnellen Boom wetten, sondern auf eine langfristige Neubewertung.
Disclaimer:
Keine Anlageberatung. Kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.
Über den Autor
Sven Stoll wurde 1969 in Suhl/Thüringen geboren. Er beschäftigt sich bereits seit den 1990er-Jahren mit den Finanzthemen, Wirtschaft und Investmentfonds. Er investiert selbst seit vielen Jahren in aktiv gemanagte Fonds und profitiert von zahlreichen Kontakten in der Branche sowie regelmäßigen Gesprächen mit renommierten Portfoliomanagern. Sven ist hauptberuflich Fondsanalyst bei der GSR GmbH.



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