Physische vs. synthetische ETFs: Warum es gar nicht darauf ankommt

ETFs erfreuen sich bei Anleger großer Beliebtheit (Foto: Fotolia)

Physische vs. synthetische ETFs: Warum es gar nicht darauf ankommt

Für Kleinanleger, so die gängige Meinung, sind ETFs im Gegensatz zu einem Direktinvestment die bessere Wahl. Schon Gerd Kommer beschreibt in seinem Buch „Souverän investieren mit Indexfonds“ die Vorteile der börsengehandelten Fonds (kurz ETFs) für Privatanleger. Doch was steckt eigentlich dahinter? Wie sind ETFs von den Emittenten, sprich den „Herausgebern“, konstruiert und auf was sollten Anleger achten? In der Praxis gibt es zwei grundsätzliche Möglichkeiten einen ETF zu konstruieren. Experten sprechen hier von einer physischen oder synthetischen Replikation. Was der Unterschied zwischen beiden Methoden ist und warum es in der Praxis auf etwas ganz anderes ankommt, erklärt dieser Artikel.

Physisch replizierende ETFs

Dieser Artikel behandelt nicht die grundlegenden Informationen zu einem ETF. Das heißt, es wird vorausgesetzt, dass der Leser weiß, um was es sich hier handelt.

Bei einem physisch replizierendem ETF kauft der Emittent alle Wertpapiere des Index, den er abbildet. Ein physisch replizierender ETF auf den DAX würde zum Beispiel alle 30 DAX Werte kaufen und entsprechend dem „Original“ auch gewichten. Wenn beispielsweise die SAP Aktie im DAX eine Gewichtung von 10 Prozent hat, dann investiert der Emittent 10 Prozent in die SAP Aktie. Das Prinzip ist recht einfach zu verstehen. Der Indexfonds bildet damit die Wertentwicklung des zugrundeliegenden Barometers 1:1 ab.

  • Bestandteile der Benchmark werden 1:1 gekauft und gewichtet
  • Bei Indizes mit wenigen Werten wie dem DAX ist das kein Problem
  • Enthält der zugrundeliegende Index jedoch sehr viele und teilweise illiquide Werte, müssen Emittenten auf das Sampling-Verfahren zurückgreifen
  • Es besteht hier kein Kontrahentenrisiko, siehe synthetische Replikation

Nachteile von physisch replizierenden ETFs

Für den Kauf und auch Verkauf, beispielsweise weil die Bestandteile des Index sich ändern, fallen natürlich auch für den ETF Gebühren an. Je mehr Bestandteile der Index hat und je öfter eine Anpassung vorgenommen wird, desto höher fallen die Gebühren aus. Diese Kosten belasten die Rendite. In Fachkreisen spricht man davon, dass sich der „Tracking Error“ erhöht. Der Tracking Error beschreibt die Abweichung vom ETF zur zugrundeliegenden Benchmark.

Ein weiterer Nachteil zeigt sich bei Indizes mit vielen Bestandteilen. Beim DAX muss der ETF nur 30 Werte kaufen. Beim MSCI World dagegen, wären es 1.600. Abgesehen davon, dass sich hier die Anzahl der Wertpapiertransaktionen deutlich erhöht – und damit auch die Kosten – sind einige Basiswerte auch sehr illiquide. Das heißt, dass der ETF diese teilweise gar nicht in dem Umfang kaufen kann, wie er müsste. Des Weiteren gibt es Märkte, die nicht ohne Weiteres zugänglich sind. Der Emittent könnte zum Beispiel die Aktien gar nicht kaufen. Das kommt insbesondere bei Märkten in Entwicklungsländern zum Tragen. Um dieses Problem zu kompensieren greifen physisch replizierende ETFs auf die „Sampling Methode“ zurück. Dabei kauft der Emittent nicht sämtliche 1.600 Bestandteile des MSCI World, sondern lediglich diejenigen, die den größten Einfluss auf die Entwicklung des Index haben.

Eine Aktie, die beispielsweise nur mit einer Gewichtung von 0,1 Prozent im MSCI World vorhanden ist, hat praktisch gar keine Auswirkung auf die Gesamtentwicklung. Der Nachteil bei dieser Vorgehensweise ist jedoch, dass der Index eben nicht ganz 1:1 abgebildet wird.

Synthetisch replizierende ETFs

Wie der Begriff „synthetisch“ deutlich macht, erfolgt die Abbildung der Benchmark bei diesen ETFs künstlich. Die synthetische Replizierung erfolgt, indem der Emittent mit einer Partnerbank, meist die Muttergesellschaft, ein Swap-Geschäft, zu Deutsch Tauschgeschäft, eingeht. Die Bank zahlt dem ETF-Emittenten die Rendite der Benchmark. Der Emittent verpflichtet sich dagegen, die Rendite eines Wertpapierportfolios zu zahlen. Jetzt mag sich der Leser fragen: „Was denn für ein Wertpapierportfolio?“

Der ETF-Emittent investiert die Gelder der Anleger in ein sogenanntes Sicherheiten- Portfolio. Dort können Werte des nachgebildeten Index enthalten sein, müssen aber nicht. Es kann sich auch um ein ganz anderes Portfolio handeln. In diesem Wertpapierkorb sind meist Aktien von sehr großen und international tätigen Unternehmen enthalten, die sogenannten Blue Chips sowie Staatsanleihen. Die Wertenwicklung dieses Portfolios zahlt der ETF-Emittent der Bank im Gegenzug für die Index-Rendite. Klingt ein wenig kompliziert. Und das ist es in der Praxis auch.

  • Der ETF-Emittent geht mit einer Bank ein Swap(Tausch)-Geschäft ein
  • Die Bank zahlt dem ETF-Anbieter die Rendite des Index
  • Der Emittent zahlt im Gegenzug die Rendite eines Sicherheiten-Portfolios
  • Im Sicherheiten-Portfolio sind meist sehr liquide und große Blue Chips Werte sowie Staatsanleihen enthalten

Nachteile von synthetischen ETFs

Warum werden synthetische ETFs eingesetzt? Wie bereits im Abschnitt über die physische Replikation erwähnt, ist es nicht immer möglich, den Index buchstäblich 1:1 zu kaufen. Um dieses Hindernis zu überwinden, greifen Emittenten gern zu synthetischen ETFs zurück. Da die Kostenquote hier meist deutlich günstiger ist, ist auch der Tracking Error bei synthetischen ETFs in der Regel geringer.

Der wohl größte Nachteil ist das Kontrahentenrisiko. Denn wenn die Bank, mit der das Swap-Geschäft eingegangen wurde, Insolvenz anmeldet, erhält der ETF-Emittent keine Zahlungen, sprich die Index-Rendite nicht mehr. Da die Auswirkungen im worst case so groß sind, dass sie ja quasi den ETF obsolet machen, gibt es noch weitere Bestimmungen. So ist das Kontrahentenrisiko auf maximal 10 Prozent des Fondsvermögens begrenzt. Außerdem kann der Emittent das Swap-Risiko auch komplett ausschalten, was natürlich wiederum weitere Kosten verursacht. Außerdem dient im Insolvenzfall das Sicherheiten-Portfolio im Fall einer Pleite den Anlegern als Sicherheit.

Physisch oder synthetisch replizierende ETFs? Die wirklich wichtige Frage ist die nach der Mentalität des Anlegers

Für welche Replikationsart sollten sich Anleger nun entscheiden? Die Nachfrage geht in letzter Zeit immer mehr in Richtung physischer Replikation. Und die Finanzindustrie kommt dem Kundenwunsch nach. Bei Standard-Indizes wie dem DAX oder dem Dow Jones mag das auch gar kein Problem sein. Bei illiquiden oder anderen Märkten geht fast kein Weg an synthetischer Replikation vorbei. Einige Anleger bevorzugen die synthetische Replikation, weil der Tracking Error geringer ist.

Doch das ist eine nur untergeordnete Frage. Die wirklich wichtige Frage ist die nach der Psyche oder Mentalität des Anlegers. Viele Anleger, insbesondere diejenigen, die erst seit den letzten Jahren am Markt aktiv sind, haben noch keinen echten Crash und keine Baisse erlebt – zumindest nicht auf breiter Marktbasis. Viele Anleger sind sich gar nicht bewusst, dass ein Index auch mal um 30, 50 oder noch mehr Prozent fallen kann. Wenn der Markt um 40 Prozent einbricht fühlt sich wohl kaum ein Anleger wohl mit dem Gedanken: „Gut, dass ich einen synthetisch replizierenden ETF habe. Mit einer physischen Replikation hätte ich aufgrund des Tracking Errors 40,8 Prozent Verlust gemacht“.

Heißt das, dass die Frage „physisch oder synthetisch“ völlig überflüssig ist. Nein. Aber die meisten Privatanleger gewichten diesen Punkt zu hoch. Bevor es in die konkrete Produktauswahl geht, sind andere Fragen viel wichtiger, die jedoch häufig vernachlässigt werden. Zum Beispiel sind Aspekte wie die Vermögensaufteilung, der Anlagehorizont, das Ziel mit der Geldanlage usw. von wesentlich größerer Bedeutung. Auch sollte sich der Anleger unbedingt zuvor mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass das ETF-Portfolio, sofern es sich um volatile Basiswerte wie Aktien handelt, auch mal um die Hälfte einbrechen kann. Wem das schlaflose Nächte bereitet, für den ist die Frage nach der Replikation gar nicht wichtig. Diese Anleger müssen ihr Portfolio ohnehin von Grund auf anders strukturieren.


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Von |2018-11-25T15:42:39+00:0031. Oktober 2018|Kategorien: Börse, Finanzen|0 Kommentare

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