Wer bei Value-ETFs an Banken und Ölkonzerne denkt, liegt beim iShares Edge MSCI World Value Factor daneben. Der Fonds durchsucht jeden Sektor nach den günstigsten Aktien – und landet dabei mitten im Chipsektor. Micron Technology, einst wegen schwacher Nachfrage günstig bewertet, ist heute der größte Renditetreiber im Portfolio. Mit 55,7 Prozent Plus in einem Jahr zeigt sich, wie anders Value im KI-Zeitalter aussehen kann.

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Das Wichtigste in Kürze
1. Profil & Überblick
Der Name führt in die Irre, und genau darin liegt die Ironie. Der iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETF (ISIN: IE00BP3QZB59) bildet zwar den MSCI World Enhanced Value Index ab, verabschiedet sich dabei aber von der klassischen Vorstellung eines Value-Depots. Statt branchenübergreifend nach den billigsten Aktien zu suchen, bleibt der Index strikt sektorneutral. Ist ein Wirtschaftszweig im MSCI World groß, bleibt er es auch hier. Herausgefiltert werden lediglich die innerhalb ihrer Branche günstigsten Titel. Der 2014 in Irland aufgelegte Fonds repliziert physisch, thesauriert und hat ein Volumen von gut 7,2 Milliarden Dollar – ein Schwergewicht seiner Klasse. Mit laufenden Kosten von 0,25 Prozent gehört er zudem zu den günstigeren Möglichkeiten, um den globalen Value-Faktor abzubilden.
2. Markt & Umfeld
Dass Value wieder stärker in den Fokus rückt, hat vor allem mit der großen Bewertungsdifferenz zwischen teuren und günstigen Aktien zu tun. Über Jahre hatten wenige große Plattform- und Softwarekonzerne die Börsenindizes dominiert. Gleichzeitig geraten inzwischen auch Unternehmen aus der zweiten Reihe der KI-Wertschöpfung in den Blick. Dazu zählen Speicherhersteller, Netzwerkausrüster und Infrastrukturzulieferer. Ausgerechnet Unternehmen, die zuvor wegen zyklischer Flauten günstig bewertet waren, profitieren damit von der steigenden Nachfrage nach Rechenleistung. Das erklärt, warum ein Faktor-ETF, der konsequent auf Bewertung setzt, derzeit auch stark von der KI-Dynamik profitiert.
3. Anlageziel & Strategie
Der MSCI World Enhanced Value Index vergleicht Aktien anhand von Kurs-Buchwert-, Kurs-Gewinn- und Cashflow-Multiplikatoren – allerdings jeweils innerhalb der eigenen Branche. Ein Technologiekonzern konkurriert also mit anderen Technologiewerten um einen Platz im Index, nicht mit Banken oder Versorgern. Value bedeutet hier deshalb relative, nicht absolute Günstigkeit. Wer eine Branchenwette gegen Technologie sucht, ist bei diesem Produkt an der falschen Adresse.
4. Portfolio & Struktur
Ein Blick ins Depot zeigt die Konsequenz dieser Systematik. Die USA stellen 45,9 Prozent des Fonds, Japan folgt mit 20,3 Prozent, dahinter Großbritannien, Frankreich und Deutschland mit einstelligen Anteilen. Auf Sektorebene führt Informationstechnologie mit 29,7 Prozent, Finanzwerte folgen mit 16,9 Prozent und Industrie mit 10,8 Prozent.
Auf Einzeltitelebene dominiert Micron mit 12,5 Prozent. Verizon, Toyota, AT&T und Qualcomm folgen mit deutlichem Abstand. Die Konzentration ist damit höher, als man es bei einem breit gestreuten Faktor-ETF zunächst erwarten könnte. Die nächste wichtige Stellschraube ist das regelmäßige Rebalancing: Der Index wird halbjährlich überprüft und neu zusammengesetzt. Stark gestiegene Aktien können dadurch an Gewicht verlieren oder aus dem Value-Universum herausfallen.
5. Management & Fondsanbieter
Hinter dem ETF steht iShares, die ETF-Marke des US-Vermögensverwalters BlackRock. iShares ist weltweit die größte ETF-Marke und auch in Deutschland mit mehr als 650 ETFs und ETPs breit aufgestellt – von Aktien und Anleihen bis zu Rohstoffen und Geldmarktprodukten. Einen klassischen Fondsmanager gibt es bei diesem ETF nicht: Die Verwaltung erfolgt passiv und folgt dem zugrunde liegenden Index.
6. Performance & Rendite
Die Zahlen lesen sich eher wie die eines Wachstumsfonds als die eines klassischen Value-Produkts: 40,4 Prozent seit Jahresbeginn, 55,7 Prozent auf 1 Jahr und 100,6 Prozent auf 3 Jahre – jeweils in Euro gerechnet. Über 10 Jahre summiert sich das auf 221,0 Prozent oder 12,4 Prozent per annum. Der Vergleichssektor kommt im gleichen Zeitraum auf 8,7 Prozent. Ein Teil der jüngsten Dynamik entfällt dabei auf die starke Entwicklung einzelner Halbleiterwerte.
7. Risiko & Volatilität
Wer die Renditezahlen liest, sollte auch die Kehrseite kennen. Die Schwankungsbreite liegt bei 19,0 Prozent über 1 Jahr. Der maximale Verlust von 39,3 Prozent in der Historie zeigt, dass der ETF in schwierigen Marktphasen deutlich unter Druck geraten kann. Die Sharpe Ratio von 2,75 auf ein Jahr ist vor allem vom außergewöhnlich starken jüngsten Zeitraum geprägt. Über 10 Jahre liegt sie bei 0,74. Ein Value-Etikett mit knapp 30 Prozent Technologieanteil und einer Einzelposition von mehr als 12 Prozent ist damit keineswegs ein defensives Investment.
8. Nachhaltigkeit & ESG
ESG-Kriterien spielen in der Indexmethodik keine tragende Rolle. Der Fonds folgt einem Bewertungsfaktor und keinem Nachhaltigkeitsmandat. Wer Value und Nachhaltigkeit kombinieren möchte, muss daher auf andere Produkte ausweichen.
Basisinformationen
Top Holdings
Risikokennzahlen
Risiko-Rendite-Chart
9. Kosten & Gebühren
Mit 0,25 Prozent laufenden Kosten plus 0,02 Prozent Transaktionskosten bewegt sich der ETF am günstigen Ende seiner Kategorie. Ausgabe- und Rücknahmegebühren fallen nicht an. Entscheidend für die Rendite bleibt damit weniger die Kostenquote als die Entwicklung des Value-Faktors und seiner enthaltenen Aktien.
10. Chancen & Ausblick
Die Value-Strategie setzt im Kern auf eine Normalisierung der Bewertungsunterschiede. Sollte sich die Schere zwischen teuren und günstigen Aktien weiter schließen, kann der ETF davon profitieren. Gleichzeitig zeigt das aktuelle Portfolio, dass die Strategie nicht immun gegen einzelne Branchentrends ist. Die starke Gewichtung von Micron und der hohe IT-Anteil machen deutlich, wie sehr sich die Zusammensetzung mit den Bewertungsrelationen verändern kann. Beim nächsten Rebalancing kann eine stark gestiegene Aktie entsprechend wieder an Gewicht verlieren oder aus dem Value-Universum herausfallen.
11. Fazit
Dieser ETF zeigt, dass Value-Investing 2026 anders aussehen kann als das klassische Bild von Banken, Versicherern und Ölkonzernen. Durch seine sektorneutrale Methodik ist auch Technologie prominent vertreten – und genau dort liegen aktuell einige der größten Gewinner. Wer gezielt auf günstig bewertete Aktien setzen will, ohne Technologie automatisch auszuschließen, bekommt ein transparentes und kostengünstiges Instrument. Wer dagegen einen Value-ETF vor allem zur Reduzierung seines Technologierisikos sucht, sollte genauer ins Portfolio schauen. Der Name verspricht Value – das aktuelle Depot liefert überraschend viel KI.
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Über den Autor

Sven Stoll
Sven Stoll wurde 1969 in Suhl/Thüringen geboren. Er beschäftigt sich bereits seit den 1990er-Jahren mit den Finanzthemen, Wirtschaft und Investmentfonds. Er investiert selbst seit vielen Jahren in aktiv gemanagte Fonds und profitiert von zahlreichen Kontakten in der Branche sowie regelmäßigen Gesprächen mit renommierten Portfoliomanagern. Sven ist hauptberuflich Fondsanalyst bei der GSR GmbH.