Kaum ein Value-Fonds wurde von der Finanzkrise 2008 so hart getroffen wie der SIA LTIF Classic. Statt den damaligen Investmentansatz zu verteidigen, zog das Management jedoch Konsequenzen und stellte den gesamten Investmentprozess auf den Prüfstand. Herausgekommen ist ein Fonds, der seiner Value-DNA treu geblieben ist, Risiken heute jedoch deutlich breiter steuert. Die Renditebilanz kann sich sehen lassen – doch hohe Gebühren und der historische Extremverlust bleiben Mahnung und Herausforderung zugleich.

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Das Wichtigste in Kürze
1. Profil & Überblick
Der im Januar 2002 aufgelegte SIA LTIF Classic (ISIN: LU0244071956) gehört zu den Fonds, die sich über die Jahre grundlegend weiterentwickelt haben. Der weltweit investierende Fonds verwaltet aktuell rund 185,5 Millionen Euro und verfolgt ein ambitioniertes Ziel: langfristige Nettorenditen zwischen 10 und 12 Prozent pro Jahr. Im Mittelpunkt steht unverändert die Suche nach unterbewerteten Unternehmen mit hoher Kapitalrendite und nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen.
Anders als viele klassische Value-Fonds versteht sich das Management jedoch nicht als Sklave niedriger Bewertungskennzahlen. Unternehmerisches Denken, Bilanzqualität und strategische Marktposition fließen heute ebenso stark in die Analyse ein wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Gerade diese Verbindung aus klassischer Value-Philosophie und pragmatischer Weiterentwicklung macht den Fonds interessant. Nach den schmerzhaften Erfahrungen der Finanzkrise wurde der Investmentprozess konsequent überarbeitet. Ziel war nicht, höhere Renditen um jeden Preis zu erzielen, sondern extreme Verluste künftig besser zu begrenzen und das Portfolio robuster gegenüber unterschiedlichen Marktphasen aufzustellen.
2. Markt & Umfeld
Das aktuelle Börsenumfeld spielt Value-Investoren grundsätzlich in die Karten. Höhere Zinsen, eine gezieltere Kapitalallokation und die Renaissance profitabler Geschäftsmodelle haben die Bewertungsunterschiede zwischen Wachstums- und Value-Aktien deutlich verringert. Davon profitieren insbesondere Fondsmanager, die konsequent nach unterbewerteten Qualitätsunternehmen suchen.
Dennoch bleibt Value kein Selbstläufer. Die vergangenen Jahre haben eindrucksvoll gezeigt, dass Bewertungsabschläge oftmals deutlich länger bestehen bleiben als viele Investoren erwarten. Wer auf eine schnelle Aufholjagd setzt, könnte enttäuscht werden. Denn erfolgreiches Value-Investing ist vor allem eine Frage von Geduld und Disziplin.
3. Anlageziel & Strategie
Der Investmentprozess konzentriert sich auf die Suche nach qualitativ hochwertigen Unternehmen, deren Börsenbewertung den inneren Wert des Geschäftsmodells nicht angemessen widerspiegelt. Entscheidend sind dabei nachhaltige Wettbewerbsvorteile, hohe Kapitalrenditen, solide Bilanzen und eine verantwortungsvolle Unternehmensführung.
Die wichtigste Veränderung erfolgte allerdings nach der Finanzkrise. Seitdem unterteilt das Management das Portfolio systematisch in verschiedene Risikokategorien. Rund die Hälfte der Positionen entfällt inzwischen auf defensivere Geschäftsmodelle mit geringerer Schwankungsintensität. Damit bildet der Fonds bewusst einen Gegenpol zu klassischen Value-Portfolios, die häufig stark von Rohstoffen, Industrie oder anderen zyklischen Branchen dominiert werden. Das kostet zwar gelegentlich etwas Aufwärtspotenzial in euphorischen Börsenphasen, erhöht jedoch die Widerstandskraft in schwierigen Marktumfeldern erheblich.
4. Portfolio & Struktur
Mit rund 30 Einzeltiteln bleibt der Fonds bewusst konzentriert. Gleichzeitig sorgt die breitere Branchenaufstellung heute für deutlich mehr Diversifikation als noch vor anderthalb Jahrzehnten. Zu den größten Positionen zählen unter anderem Grifols, ISS, Viscofan, Edenred, Pandora, Sodexo, Nexans, Compass Group und Bakkafrost.
Auffällig ist dabei die Mischung aus klassischen Value-Unternehmen und defensiven Qualitätswerten mit stabilen Cashflows. Das Portfolio wirkt dadurch weniger wie ein traditioneller Value-Korb und eher wie eine pragmatische Kombination aus Substanz- und Qualitätsaktien. Kurzfristig kann das zu Abweichungen gegenüber klassischen Value-Indizes führen, langfristig dürfte diese Konstruktion jedoch für mehr Stabilität sorgen.
5. Management & Fondsanbieter
Hinter dem SIA LTIF Classic steht ein eingespieltes Managementteam um José Carlos Jarillo, Marcos Hernández Aguado und Alex Rauchenstein. Die Kombination aus wissenschaftlich fundierter Unternehmensanalyse, strategischem Denken und langjähriger Investmenterfahrung prägt den Fonds seit vielen Jahren. Auffällig ist dabei die Konsequenz, mit der das Team seiner Investmentphilosophie treu geblieben ist – selbst nach den schmerzhaften Erfahrungen der Finanzkrise, die den Anlageprozess nachhaltig verändert haben.
Gerade diese personelle Kontinuität zählt zu den größten Stärken des Fonds. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Risiko. Der Investmentansatz ist eng mit den handelnden Personen verknüpft. Ein Wechsel im Management oder eine grundlegende Veränderung der Investmentphilosophie könnte daher spürbare Auswirkungen auf die zukünftige Wertentwicklung haben.
6. Performance & Rendite
Langfristig liefert der Fonds eine respektable Bilanz. Über 20 Jahre erzielte er eine kumulierte Wertentwicklung von 224,71 Prozent beziehungsweise 6,07 Prozent pro Jahr. Der Durchschnitt der Vergleichsgruppe liegt mit 257,71 Prozent beziehungsweise 6,58 Prozent allerdings leicht darüber.
Interessanter wird der Blick auf die vergangenen 10 beziehungsweise 5 Jahre. Hier konnte der SIA LTIF Classic seine Vergleichsgruppe übertreffen. Auf Sicht von 10 Jahren steht ein Plus von 150,23 Prozent gegenüber 140,29 Prozent im Sektor, über 5 Jahre beträgt der Vorsprung sogar mehr als 20 Prozentpunkte. Das spricht dafür, dass die nach der Finanzkrise eingeführten Veränderungen tatsächlich Wirkung zeigen. Gleichzeitig belastet der historische Einbruch von 2008 bis heute jede langfristige Durchschnittsbetrachtung.
7. Risiko & Volatilität
Die Risikokennzahlen vermitteln heute ein deutlich ruhigeres Bild als noch vor anderthalb Jahrzehnten. Mit einer Volatilität von 7,55 Prozent auf Jahressicht, 10,44 Prozent über 3 Jahre und 13,62 Prozent über 5 Jahre bewegt sich der Fonds in einem moderaten Rahmen. Auch die Sharpe Ratios sprechen zuletzt für ein attraktives Verhältnis von Risiko und Rendite.
Dennoch bleibt der Schatten der Finanzkrise präsent. Der maximale Drawdown von nahezu 75 Prozent im Jahr 2008 zeigt eindrucksvoll, wie brutal selbst überzeugende Value-Strategien in extremen Marktphasen unter Druck geraten können. Dieser Einbruch war zugleich der Auslöser für die umfassende Neuausrichtung des Investmentprozesses.
Die heute deutlich breitere Diversifikation und das systematische Risikomanagement sollen vergleichbare Rückschläge künftig unwahrscheinlicher machen. Eine Garantie gibt es dafür allerdings nicht. Wer in den SIA LTIF Classic investiert, muss akzeptieren, dass Value-Strategien über längere Zeiträume hinter wachstumsorientierten Märkten zurückbleiben können – ehe sich die Fundamentaldaten wieder durchsetzen.
8. Nachhaltigkeit & ESG
Der SIA LTIF Classic ist aktuell weder als Artikel-8- noch als Artikel-9-Fonds klassifiziert. Nachhaltigkeitsaspekte fließen zwar in die Unternehmensanalyse ein, stehen jedoch nicht im Mittelpunkt der Investmentstrategie. Für klassische Value-Investoren dürfte dies kaum ein Nachteil sein. Anleger mit einem strikt nachhaltigen Anlagefokus werden dagegen vermutlich andere Produkte bevorzugen.
Basisinformationen
Risikokennzahlen
Risiko-Rendite-Chart
9. Kosten & Gebühren
Die Kostenstruktur gehört zu den größten Kritikpunkten des Fonds. Für die klassische Anteilsklasse fallen neben einem möglichen Ausgabeaufschlag von bis zu 5 Prozent laufende Kosten von 2,33 Prozent an. Hinzu kommt eine Performancegebühr von 15 Prozent, sofern die High-Watermark überschritten und eine Mindestrendite von 1,5 Prozent pro Jahr erzielt wird. Das setzt die Messlatte für das Fondsmanagement hoch: Nur wenn dauerhaft ein spürbarer Mehrwert gegenüber vergleichbaren Strategien erzielt wird, lässt sich diese Kostenstruktur rechtfertigen.
Allerdings gilt diese Einschätzung nicht uneingeschränkt für alle Anteilsklassen. Institutionellen Investoren stehen inzwischen günstigere Varianten zur Verfügung. So liegen die laufenden Kosten der I-Tranche (ISIN: LU3103671098) und der D-Tranche (ISIN: LU1449969846) bei rund 1,80 Prozent und damit spürbar unter denen der klassischen Retail-Tranche. Für professionelle Anleger relativiert sich der Kostennachteil damit zumindest teilweise.
10. Chancen & Ausblick
Sollte sich die Renaissance von Value-Aktien fortsetzen, dürfte der Fonds zu den Profiteuren gehören. Steigende Finanzierungskosten, höhere Anforderungen an die Kapitalrendite und eine stärkere Fokussierung auf profitable Geschäftsmodelle spielen dem Investmentansatz grundsätzlich in die Karten. Entscheidend wird jedoch sein, ob das Management die Balance zwischen günstiger Bewertung und fundamentaler Erholung weiterhin erfolgreich austariert. Die nach der Finanzkrise eingeführte Risikosteuerung erhöht zwar die Robustheit des Portfolios, ersetzt aber keine gute Titelauswahl.
11. Fazit
Der SIA LTIF Classic ist ein Value-Fonds mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Die schmerzhaften Erfahrungen der Finanzkrise haben das Management zu einer grundlegenden Überarbeitung des Investmentprozesses gezwungen – und genau darin liegt heute eine seiner größten Stärken. Der Fonds verbindet konsequentes, unternehmerisches Stockpicking mit einer deutlich verbesserten Risikosteuerung und konnte insbesondere auf Fünf- und Zehnjahressicht überzeugen.
Dennoch bleibt das Produkt kein Selbstläufer. Der historische Extremverlust mahnt zur Vorsicht, die Gebühren der klassischen Anteilsklasse liegen über dem Durchschnitt.
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Über den Autor

Sven Stoll
Sven Stoll wurde 1969 in Suhl/Thüringen geboren. Er beschäftigt sich bereits seit den 1990er-Jahren mit den Finanzthemen, Wirtschaft und Investmentfonds. Er investiert selbst seit vielen Jahren in aktiv gemanagte Fonds und profitiert von zahlreichen Kontakten in der Branche sowie regelmäßigen Gesprächen mit renommierten Portfoliomanagern. Sven ist hauptberuflich Fondsanalyst bei der GSR GmbH.