Der Fluch und Segen von Ratingagenturen

Die Ratingagentur Fitch

Das Unternehmen FitchRatings gehört zu den großen US-Ratingagenturen (Foto: Shutterstock)

Michel Barnier, der von 2010 bis 2014 Kommissar für Binnenmarkt und Dienstleistungen war, wagte sich vor acht Jahren an eine Reform des Gesetzes zu den Ratingagenturen.

Ratingagenturen führen Länder-Risikoanalysen durch und bewerten diese nach eigenen Richtlinien. Es geht darum, einzuschätzen, wie die Chancen und Risiken auf Auslandsmärkten sind. Diese Art von Früherkennungssystem soll Kreditgebern verlässliche Informationen liefern, ob es in den zu investierenden Ländern bestimmte Entwicklungen sozialer, rechtlicher und wirtschaftlicher Art gibt, die sich negativ auf die getätigten Investitionen oder gewährten Kredite auswirken könnten. Das Ergebnis lautet dann grob „anlagewürdig“ oder „spekulativ“, wobei beide Aussagen noch weiter unterteilt werden:

Anlagewürdige Ratings

  • AAA: höchste Bonität, so gut wie kein Ausfallrisiko
  • AA: Guter Schuldner, aber Ausfallrisiko auf längere Sicht schwer einschätzbar
  • A: Anlage ist sicher, solange nichts Unvorhergesehenes passiert
  • BBB: durchschnittlich gute Anlage, verschlechtert sich aber die Gesamtwirtschaft, kann es zu Problemen kommen

Spekulativ bis nicht bewertet

  • BB: spekulativ: ändert sich die wirtschaftliche Gesamtlage, ist mit Ausfällen zu rechnen
  • B: hoch spekulativ: Verschlechterung der Wirtschaftslage führt unweigerlich zu Ausfällen
  • CCC: extrem spekulativ: nur bei günstiger Entwicklung sind keine Ausfälle zu erwarten
  • CC: wie CCC
  • C: wie CCC
  • CI: ausstehende Zinszahlungen
  • SD: Zahlungsausfall in einigen Bereichen (englisch some deficit)
  • R: unter regulatorischer Aufsicht (englisch regulatory supervision)
  • D: in Zahlungsverzug (englisch default oder delay)
  • NR: nicht bewertet (englisch not rated)

Michel Barnier wollte mit seinem Vorstoß verhindern, dass Ratingagenturen ihre Urteile über kriselnde EU-Staaten veröffentlichen. Das Gesetz sollte ihnen sogar notfalls verbieten, ihre Einschätzungen über die Zahlungsfähigkeit zu veröffentlichen. Barnier ging es um jene Staaten, die zeitgleich über Finanzhilfen mit der EU oder dem IWF verhandeln. Wenn man das Rating vorübergehend aussetzen könnte – so der Gesetzentwurf – wäre der Stabilität des in Not geratenen Landes viel Gutes getan. Während die Geldmittel das Land stabilisieren soll, würde eine Veröffentlichung eines negativen Ratings genau das Gegenteil bewirken, sorgen Herabstufungen der Länder durch Ratingagenturen doch stets für Unruhe auf den Finanzmärkten weltweit.

Es ging Barnier darum, eine mögliche Abwärtsspirale zu verhindern. Wird ein Land im Rating herabgestuft, verteuert sich für dieses Land die Refinanzierung und wenn es dann noch über Finanzhilfen verhandelt, kann es dazu führen, dass diese dann im Sog plötzlich größer ausfallen müssen, als ursprünglich geplant. 2011, als Barner jenen Vorschlag unterbreitete, waren es die Ländern Griechenland, Irland und Portugal, die er dabei im Blick hatte.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist ein im Juni 2011 erlassenes Gesetz, welches die in der EU tätigen Ratingagenturen unter eine europäische Aufsicht stellt. Die Zuständigkeit dafür wurde der neuen Behörde ESMA (Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde) übergeben, die aus der CESR (Ausschuss der Europäischen Aufsichtsbehörden für das Wertpapierwesen) hervorging, allerdings nun über wesentlich mehr Macht verfügt als ihr Vorgänger.

Alle in der EU tätigen Ratingagenturen müssen sich bei der ESMA registrieren und zudem ihre Methoden offenlegen, nach denen sie die Risikobewertung vornehmen. Ein Haken hat die Sache allerdings: die ESMA kann nicht sagen, ob die abgegebene Bewertung der Ratingagenturen richtig oder falsch sind.

Der Maulkorb-Erlass für Rating-Agenturen lag den Agenturen schwer im Magen. Sie mobilisierten alle verfügbaren Lobbyisten, damit die im Sinne der Agenturen tätig wurden, was sie dann auch taten. Schließlich ist ein Rating eine Meinungsäußerung und wenn man deren Veröffentlichung untersagen würde, käme das einer Zensur gleich.

Und die Lobbyisten waren erfolgreich. Schließlich kann die Untersagung eines Länderratings genauso negative Konsequenzen auslösen wie das Rating selbst. Barniers Forderung nach einem Ratingverbot sah sich plötzlich erheblicher Kritik ausgesetzt, was letztendlich dazu führte, dass es wieder verworfen wurde.

Geschichte der Rating-Agenturen

Ratingagenturen wurden zur Zeit des Wilden Westens in den USA erfunden. Während zu jener Zeit in Europa ein stabiles Herrschaftssystem existierte, welches auf jahrhundertalte Strukturen basierte, die im Laufe der Zeit gefestigt waren, waren die Einwanderer in den USA noch auf der Suche nach Verlässlichkeit. So etwas wie den „ehrenwerten Kaufmann“ gab es zu jener Zeit nicht in den Staaten. Die drei heutigen Weltmarktführer im Länderrating wurden bereits 1860 (Standard & Poors), 1909 (Moody’s) und 1913 (Fitch) gegründet. Gemeinsam beherrschen sie ungefähr 95 Prozent des Weltmarktes, wobei S&P allein schon einen Marktanteil von 40 Prozent hat.


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Von |2019-01-23T16:53:58+00:0023. Januar 2019|Kategorien: Unternehmen, Wirtschaft|0 Kommentare

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