Millenials Balance
Zur Generation Y gehören aktuell ungefähr 22 % der Bevölkerung – jeder, der zwischen 1980 und 1999 geboren wurde.

Junge, gut gebildete und leistungsbereite Menschen mit Ansprüchen – so oder so ähnlich lässt sich die neue Generation beschreiben, die dabei ist, unsere Arbeitswelt grundlegend zu verändern.

Generation Y, Millenials; es gibt mehrere Ausdrücke für diese neue Welle von Arbeitnehmern, die das Zusammenspiel von Beruf und Privatleben – die allseits beliebte Work-Life-Balance – ganz anders regelt als noch die Generation davor.

1. Wer gehört zur Generation Y?

Es brauchte einige Jahre, bis der Begriff der Generation Y im allgemeinen Sprachgebrauch, aber auch im arbeitsmarktinternen Konsens Fuß fasste. So gab es zur Jahrtausendwende häufig nur Andeutungen, Indizien für einen Umschwung in der Welt der Berufe:

  • Ein junger Unternehmensberater, der seinen attraktiven Job kündigte, um mehr Zeit für die Familie zu haben.
  • Ein Investmentbanker, der zur lokalen Sparkasse wechselte, damit mit den gewonnenen Stunden mehr Zeit fürs Privatleben bleibt.
  • Studentinnen und Studenten, die in Bewerbungsgesprächen bei namhaften Unternehmen angaben, keine Managementkarriere in Betracht zu ziehen.

Doch lassen sich diese Beispiele tatsächlich einer real existierenden, größeren Gruppierung zuordnen? Gibt es diese mysteriöse Generation Y wirklich, der Selbstverwirklichung und ein neu definiertes Zusammenspiel von Arbeit, Freizeit und Familie wichtiger ist als Wohlstand, berufliche Verantwortung und Status?

Oder sind die „Millenials“ lediglich ein Stigma, ein Vorurteil, ein Produkt gewitzter Personalberater auf der Suche nach einer neuen Story?

Unsere Antwort ist: Nein, es gibt sie wirklich, die sagenumwobene Generation Y. Ja, sie macht gar den größten Anteil an Berufstätigen in Deutschland aus, ganz gleich ob in großen Konzernen oder im Mittelstand.

2. Wie lassen sich die Arbeitnehmer identifizieren?

Über mehrere Wochen haben die Financial Times Deutschland und die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in einer repräsentativen Studie mehr als 2.600 Selbstständige, freiberuflich Tätige und Angestellte zu ihren Ansichten über den Zusammenhang von Arbeit, Freizeit und Familie befragt.

Im Folgenden sollen deren Ergebnisse dazu dienen, einen genaueren Blick zu werfen auf den aktuellen Stand unserer sich stets im Wandel befindlichen Arbeitsgesellschaft. Welche Folgen ergeben sich daraus? Wie sehen der deutsche Arbeitsmarkt und die generelle Einstellung zum Thema Arbeit in einigen Jahren aus?

Deutschlands Arbeitnehmer lassen sich, basierend auf den Ergebnissen der Studie, grob in vier Gruppen einordnen, geteilt durch ihre unterschiedlichen Ansichten zur Arbeit, anderen Prioritäten und verschiedenen Zielsetzungen im Leben. Dabei überraschen nicht alle Mitglieder der Generation Y mit brandaktuellen und alternativen Anschauungen, wenn es um das Berufsleben geht.

Diese werden wie folgt eingeteilt:

Familienorientierte, die die heimische Familie an erste Stelle noch über den Beruf stellen, Berufsmenschen, die genau gegenteilig handeln und privat gegebenenfalls bereitwillig Abstriche machen sowie Unabhängige, die sich weder privat noch beruflich gern in ein festgesetztes Muster subsumieren lassen, finden sich auch in der neuen Generation von Arbeitnehmern. Einige Charakteristika und Eigenheiten sind jedoch neu und stellen einen interessanten Kontrast zu etablierten Formen der Lebens- und Arbeitsgestaltung dar.

2.1. Gruppe 1: Die Vereinbarer

Generation Y Vereinbarer
Die Vereinbarkeit von Beruf, Freizeit und Familie ist für die Vereinbarer ein wichtiger Grundsatz – für beide Geschlechter.

Jung, kompetent und mit Motivation in die Zukunft blickend – das sind die Arbeitnehmer der ersten Gruppe.

Den entscheidenden Unterschied zu manchen ihrer Kolleginnen und Kollegen macht jedoch aus, dass sie der festen Überzeugung sind, dass sich Arbeit, Freizeit und Familie auch komplett unterschiedlich im Vergleich zu den Eltern organisieren lassen.

Diese Gruppe ist das Musterbeispiel für eine in ihren Augen erfolgreiche Work-Life-Balance: Im Beruf erfolgreich sein und gleichzeitig Kinder haben und die Familie pflegen schließt sich nicht gegenseitig aus, und zwar im Bezug auf beide Partner.

Mit der klassischen Hausfrauenehe der Vorgängergeneration können sie nichts anfangen – beide Beteiligten der Partnerschaft verdienen, teilen sich aber auch die Familienarbeit. Geld ist für sie zwar wichtig, aber nicht alles. Viel wichtiger noch ist die Freude an der Arbeit; die Selbstverwirklichung und die Freiheit der eigenen Kontrolle über die Verhältnisse im Leben.

Vor allem bei den Berufstätigen, die eine gute Ausbildung genossen haben und deren Gehalt über dem Durchschnitt liegt, lässt sich ein deutlicher Unterschied beobachten: Die unter 35-jährigen sind im Schnitt zwei Stunden weniger beruflich tätig als ihre erfahreneren bzw. älteren Kolleginnen und Kollegen. Dadurch haben sie merklich mehr Zeit für das Privatleben und soziale Kontakte, oder anders ausgedrückt: Sie nehmen sich die Zeit, der Beruf ist nicht mehr bestimmend über Privates, genießt keine höhere Priorität mehr.

Solch eine verschobene Priorisierung hat natürlich auch Schattenseiten: Die „Vereinbarer“ stehen in ihrer beruflichen Hierarchie oft ein, zwei Stufen unter den Kollegen mit einem eher traditionellen Verständnis der Arbeitswelt. Dies könnte natürlich auch an der geringeren Berufserfahrung liegen, oder eben daran, dass für diese jungen Menschen ein Aufstieg um jeden Preis eben nicht interessant ist.

„Es gibt in dieser Gruppe Leute, die bestimmte Jobs einfach nicht machen wollen“, so Studienleiter Roland Frank von der GfK, „weil sie dafür zu viele persönliche Freiheiten aufgeben müssten und man sie mit einem kräftigen Gehaltsplus oder größerer Verantwortung nicht locken kann.

Es bleibt die Frage, woher dieses neue Denken kommt – Wie ist diese Gruppe entstanden? Es ist eine Frage, die nicht abschließend beantwortet werden kann.

Mögliche Faktoren sind

  • der allgemein gewachsene Wohlstand, der die Menschen nach anderen Zielen als Geld streben lässt
  • so auch die moderne Erziehung, die häufig die Selbstverwirklichung der Kinder in den Mittelpunkt stellt

All das bildet einen gut sichtbaren Kontrast zum Lebensverständnis der Vorgängergeneration: „Solche Ergebnisse wären vor 20 Jahren noch schwer vorstellbar gewesen“, so Frank. Und: „Es sieht so aus, als ob der Wertewandel, der unsere Gesellschaft bereits vor Jahrzehnten erfasst hat, jetzt in den Spitzen unseres Wirtschaftssystems angekommen ist“.

Diese Denkweisen teilen jedoch nicht nur Studierte und hochqualifizierte Berufstätige. 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung lassen sich in die Gruppe der Vereinbarer einteilen, quer durch sämtliche soziale Schichten hindurch. Denn natürlich wünschen sich zum Beispiel auch städtische Angestellte die Möglichkeit, teilweise von zuhause zu arbeiten, um sich um die Kinder zu kümmern; auch Fabrikarbeiter sehnen sich oft nach einer Auszeit.

Jeder vierte Berufstätige ist der Meinung, dass sein Arbeitgeber noch etwas verbessern kann, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht.

2.2. Gruppe 2: Die Berufsorientierten

Im starken Unterschied zu den Vereinbarern gibt es natürlich noch immer die karriereorientierten Arbeitnehmer, diese Gruppe macht sogar fast ein Viertel aller Berufstätigen aus.

Keinesfalls ist dieses zugegebenermaßen eher klassische Berufsbild jedoch eine Eigenheit der etablierten arbeitenden Generationen. Auch junge Menschen reizt dieses Leben für den Job, so lassen sich immerhin 19 Prozent der unter 30-Jährigen in diese Gruppe einordnen. Die „Work-Life-Balance-Welle“ hat also mitnichten das Milieu der Workaholics weggespült. Jedoch ist die Arbeitsgesellschaft nicht mehr so eingehend von ihm geprägt.

Dreh- und Angelpunkt des Lebens ist für die Berufsorientierten noch immer die Karriere.

Innerhalb der männlich dominierten Gruppe der Berufsorientierten würden zwei Drittel nach eigenen Abgaben für ihre Arbeit auf Hobbys verzichten, die Hälfte würde ihre Freunde vernachlässigen, 30 Prozent gar ihre Gesundheit missachten und jeder Vierte ebenfalls den Partner und die Familie.

Dabei sind die wenigsten Berufsorientierten glücklich mit ihrer Situation. Etwa 70 Prozent beschweren sich über Stress, Zeitdruck, einen Mangel an Privatleben. Überdurchschnittlich häufig kommt es zu Ehe- und Lebenskrisen, zu Schlafstörungen und Gesundheitsbeschwerden.

» Weiteres zum Stress als Arbeitsbelastung auf FTD.de

Zwar wünschen sich viele, weniger zu arbeiten, dieser Wunsch gilt aber als unrealistisch. Gründe hierfür liegen oft in der Position des Berufstätigen: Viele Angehörige dieser Gruppe sind Selbstständige oder Führungskräfte. Häufig sind die Berufsorientierten dazu Alleinverdiener.

Aus wahrscheinlich den gleichen Gründen ist die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes in dieser Gruppe am größten, obwohl sie im Schnitt mehr arbeiten und mehr verdienen. Allerdings ist die Existenzsicherung allein ein weit nervenaufreibenderes Unterfangen als die Aufteilung auf zwei Personen.

2.3. Gruppe 3: Die Familienorientierten

Familienorientierte Beruf und Familie
Im Gegensatz zu den Vereinbarer lastet bei den Familienorientierten ein Großteil des Drucks auf den Schultern der Frau beziehungsweise Mutter.

Auf den ersten Blick lassen sich zwischen dieser Gruppe und der der Vereinbarer einige Gemeinsamkeiten erkennen: Ein weniger egoistisches als vielmehr teamorientiertes Denken, Hohe Prioritäten, was Zeit für Kinder und Partnerschaft betrifft, ja, 71 Prozent der Familienorientierten wären sogar bereit, für ihre Kinder den Beruf komplett aufzugeben.

Es gibt nur einen fundamentalen Unterschied zur Gruppe der Vereinbarer: Die Familienorientierten haben keinen Partner, der mitzieht.

Diese weiblich dominierte Gruppe ist damit die einzige, die ihre Lebens- und Arbeitsweise nur bedingt freiwillig gewählt hat. So zwingen vor allem die äußeren Umstände die Familienorientierten, sich neben dem Beruf auch noch hauptverantwortlich um Haushalt und Familie zu kümmern. Eine Doppelbelastung, die nicht zu vernachlässigenden Stress verursacht.

Diese empfundene Belastung kann Werte wie sonst nur bei Topmanagern und vergleichbar ausgelasteten Berufstätigen erreichen. Keine andere Gruppe, nicht einmal die Berufsorientierten, klagt so häufig unter gesundheitlichen Problemen.

Beispielhaft und fast schon bezeichnend sind etwa chronische Kopfschmerzen, über die jeder vierte Familienorientierte klagt.

Da erstaunt es nicht, dass diese Gruppe den größten Verbesserungsbedarf bei der Work-Life-Balance sieht. Mehr Flexibilität, bessere Teilzeitangebote und ein mögliches Arbeiten von Zuhause fordern viele von ihrem Arbeitgeber. Denn der Partner als Entlastung fällt weitestgehend aus. In den meisten Fällen gehört dieser nämlich als Gegenstück zur Gruppe der Berufsorientierten und hat für Familie und Haushalt einfach keine Zeit.

» Weiteres zur Auswirkung von Stress auf die Arbeit auf FTD.de

2.4. Gruppe 4: Die Individualisten

Karriere Individualisten
Die Gruppe der Individualisten zeichnet sich durch die hohe Anzahl an Singles oder kinderlosen Paaren aus.

Deutschlands Individualisten fallen deutlich aus dem bisher aufgezeigten Schema. Sie sind unabhängig, sie sind fit, sie verdienen toll und haben trotz hoher Arbeitsbelastung keinerlei Schwierigkeiten, Beruf und Privates unter einen Hut zu bekommen.

Keine übrige Gruppe ist in dieser Weise erholt und zufrieden, und der Grund hierzu ist nicht die ausgeklügelte Arbeitsteilung oder ein außerordentlich flexibler Arbeitgeber. Die Abwesenheit von Kindern macht den Unterschied aus.

Die Unabhängigen werden hauptsächlich durch das Segment der Singles und kinderlosen Paare gebildet. In keinem sonstigen Milieu ist die Anzahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte höher, Hobbys und Freizeit sind fundamental und lassen sich umstandslos mit der Berufstätigkeit vereinbaren, da familiäre Belastungen weitgehend entfallen. Vergleichbar haben die Individualisten ebenso die geringsten Komplikationen mit ihrer Work-Life-Balance.

Die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben ist in dieser Gruppe so hoch wie in keiner sonstigen. Der Wunsch nach Teilzeit, Heimarbeit oder Elternzeit ist demgemäß geringer – die Unabhängigen benötigen ebendiese Entlastung nicht.

Die Hintergründe jener Freiheit sind verschieden:

  • die Jüngeren befinden sich entweder noch vor der Familiengründung oder haben sich bewusst und absichtlich gegen Zuwachs entschieden
  • die Älteren haben in vielen Fällen Kinder, aber selbst bereit erwachsen bzw. alt genug sind, um auf eigenen Füßen zu stehen
  • die Altersgruppe zwischen 30 und 39 Jahren, also die gewöhnliche Familiengründungsphase, ist in jener Gruppe bemerkenswert selten vertreten
Es gibt indessen aber noch einen Punkt, in dem sich die Unabhängigen von den sonstigen Segmenten unterscheiden: Die Bereitschaft, für zusätzliche Personen Abstriche im Zuge der persönlichen Lebensplanung zu machen, tendiert gegen null. Vor allem, was die Karriere angeht, sind die Individualisten noch ichbezogener als die Berufsorientierten, denen hinsichtlich des Berufs sonst in so schnell keiner etwas vormacht. Freunde und Partner von Unabhängigen müssen also leidensfähig sein – oder selbst unabhängig.

3. Das Fazit – Können die Personen der Generation Y alles

Bei allen Unterschieden zwischen den verschiedenen Gruppen gibt es aber auch Gemeinsamkeiten: So ist Geld noch immer der größte Motivator im Berufsleben.

Selbst Postmaterialisten können dessen Wichtigkeit eigentlich nicht außer Acht lassen: Die finanzielle Basis muss stimmen, damit man sorglos auf noch mehr verzichten kann.

Daneben stimmt auch die Arbeitsmoral in Deutschland: Zwar klagen bis auf die Unabhängigen fast alle über eine zu hohe Belastung, eine unausgewogene Work-Life-Balance und zu viel Stress. Jeder zweite ist aber dennoch bereit, zusätzlich zu den im Schnitt gearbeiteten 42 Wochenstunden noch etwas draufzulegen, wenn die Situation es verlangt.

Eine gute Botschaft zum Schluss: Die große Mehrheit der Arbeitenden Bevölkerung in Deutschland ist mit ihrem Leben zufrieden, jeder zweite sogar sehr zufrieden. So gilt trotz Stress und Doppelbelastung, trotz mangelnder Flexibilität des Arbeitgebers generell: Die Deutschen sind glücklicher, als sie glauben.

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