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Merken   Drucken   03.04.2010, 06:00 Schriftgröße: AAA

Öko-Anlage: Wie Möhren Dividende bringen

Christian Hiß kauft mit seiner Aktiengesellschaft Regionalwert landwirtschaftliche Betriebe auf, denen ein familieneigener Nachfolger fehlt, und verpachtet sie an qualifizierte Öko-Bauern.
von Peter Ilg

Als der Vater von Christian Hiß in den 50er Jahren seinen Gemüsebauernhof auf Öko-Anbau umstellte, war das eine große Sensation im kleinen Eichstetten am Kaiserstuhl. 2006 wagte der Sohn einen nicht minder revolutionären Schritt: Er gründete die Aktiengesellschaft Regionalwert, die landwirtschaftliche Betriebe an Öko-Bauern verpachtet.

Christian Hiß wurde 1961 geboren, und wie so üblich in dieser Zeit, wurde der Sohn, was der Vater ist: Gemüsebauer. Mit 20 Jahren eröffnete Hiß seine eigene Öko-Gemüsegärtnerei, dann kamen Kühe für den Milchbetrieb und die Käseherstellung dazu. Bis 2006 arbeitete der 49-Jährige auf dem Feld und im Gewächshaus, dann hatte er eine zündende Idee. Er gründete die Aktiengesellschaft Regionalwert und wurde deren geschäftsführender Vorstand. Seine Gärtnerei und den landwirtschaftlichen Betrieb brachte er als Startkapital ein.

"Ich wollte meine Nachfolge regeln, bevor die Söhne die Berufswahl treffen, um sie nicht in Zugzwang zu bringen." Hiß hat 28 Jahre als Öko-Bauer gearbeitet und kennt die Probleme nur allzu gut, mit denen Landwirte zu kämpfen haben: fehlende Nachfolger und permanenten Kapitalmangel. "Sollte einer meiner drei Söhne später Gärtner oder Landwirt werden wollen, kann er einen der Betriebe der Aktiengesellschaft pachten."

In was Regionalwert investiert

In Eichstetten macht ein Betrieb nach dem anderen zu, in den vergangenen 30 Jahren hat sich die Anzahl der Bauernhöfe halbiert, und mit jedem, der verschwand, wurde ein anderer größer. Denn die übrig gebliebenen Bauern kaufen oder pachten die Flächen und bewirtschaften sie. Um effizient zu wirtschaften, werden Monokulturen angebaut - am Oberrhein vor allem Mais - und die weitläufigen Flächen mit riesigen Maschinen bearbeitet.

Dass Monotonie dem Boden schadet, weiß Gärtnermeister Hiß nur allzu gut, und dass mit jedem Bauern, der aufgibt, ein Stück Kulturlandschaft in der Region verloren geht, ebenso. "Mit Regionalwert will ich beides verhindern", sagt er.

Gegründet wurde die Gesellschaft im September 2006, die erste Runde der Kapitalbeschaffung war kurz und überschaubar: 40 Aktionäre zeichneten 101 Aktien, was 50.500 Euro in die Kasse brachte. Die zweite Runde war mit 300 Aktionären und einer Einlage von knapp 1 Mio. Euro schon deutlich größer. Mit dem Geld kauft das Unternehmen Regionalwert landwirtschaftliche Betriebe aus der Region, die keine familieneigenen Nachfolger haben, und verpachtet sie an qualifizierte Existenzgründer zur Bewirtschaftung. Zudem werden Investitionen in laufenden Betrieben gefördert. In beiden Fällen jedoch nur, wenn die Betriebe aufgrund der Bio-Verordnung der Europäischen Union als Öko-Betrieb bereits anerkannt sind oder bald anerkannt werden.

Warum sich die Aktionäre gedulden müssen

Auf diesen Höfen darf beispielsweise weder chemischer Pflanzenschutz noch synthetischer Dünger ausgebracht werden - Monokulturen und Massentierhaltung scheiden damit aus. Bislang wurden zwei Betriebe gekauft und verpachtet, in vier wurde investiert, darunter in das Gehölz für die Neuanlage eines Obstbauern sowie in ein Catering-Unternehmen, das Speisen aus ökologisch erzeugten Produkten verkauft.

Drei von vier Investoren kommen aus der Region Freiburg. Das zeigt: Die Menschen sind an ihrer Heimat interessiert und finden die Idee gut. Die Aktiengesellschaft ist nicht an der Börse notiert und um unerwünschte Aktionäre fernzuhalten und feindliche Übernahmen zu verhindern, sind die Papiere vinkulierte Namensaktien. Sie dürfen nur mit Zustimmung der Gesellschaft gehandelt werden. Erst in einigen Jahren werden nach den Geschäftsplänen Gewinne eingefahren werden. Bis dahin müssen die Aktionäre auf finanzielle Rendite warten.

Für seine Initiative wurde der Öko-Unternehmer Hiß gleich doppelt geehrt. Anfang Oktober 2009 ist er als Social Entrepreneur in das weltweite Fördernetzwerk Ashoka aufgenommen worden. Diese Non-Profit-Organisation fördert weltweit das soziale Unternehmertum. Aus der Vereinigung erhält Hiß nun finanzielle Unterstützung, Beratung und Verbindungen zu Wirtschaft und Wissenschaft, damit er seine Geschäftsidee international verbreiten kann. Vier Wochen später wurde Christian Hiß erster Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit - den Titel verlieh ihm der Rat für Nachhaltige Entwicklung.

Welche Expansionspläne Regionalwert hat

Hiß ist einer, der das Rad zurückdreht in die guten alten Zeiten, als das Gemüse noch gesund war und die Milch von glücklichen Kühen kam. Doch er ist bei Weitem kein Übriggebliebener. Um seinen Traum von einer intakten Region unter dem Kaiserstuhl in die Tat umzusetzen, nutzt er moderne Methoden der Geldbeschaffung am Kapitalmarkt. Das Wissen dafür hat er sich in einem Fernstudium in Social Banking and Finance an der Universität Plymouth in Großbritannien angeeignet.

Zurzeit läuft die dritte Runde der Kapitalbeschaffung. Bis Mai 2010 werden 1400 neue Aktien im Gesamtwert von fast 700.000 Euro ausgegeben mit dem Ziel, die Geschäftstätigkeiten auszubauen. "Wir wollen das Netzwerk so ausweiten, dass wir die gesamte regionale Wertschöpfungskette landwirtschaftlich erzeugter Produkte erfassen können." Vom Acker gesund auf den Tisch, das ist die Vision des Christian Hiß.

  • FTD.de, 03.04.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland
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