Die AOL-Sanierung hat schon eine Reihe ehrgeiziger Time-Warner-Manager verschlissen, seit der Internetkonzern vor sechs Jahren Time Warner kaufte und als treibende Kraft für das Wachstum der in die Jahre gekommenen Sparten von Time Warner angepriesen wurde. Doch AOL wurde nach dem Ende der New Economy selbst zum Problemfall. Seit Bewkes im Januar seinen Posten als Nummer zwei hinter Konzernlenker Richard Parsons antrat, ist er für den Bereich zuständig.
Führt Bewkes die Wende bei AOL herbei, dürfte das seine Rolle als Parsons-Kronzprinz festigen. 20 Jahre ist er schon bei Time Warner. Schon einmal ist es ihm gelungen, eine totgesagte Sparte erfolgreich wieder zu beleben. Es war sein bisher größter Erfolg, der ihn zum Pionier in der Unterhaltungsindustrie machte. Er verwandelte den Time-Warner-Sender HBO in eines der weltweit profitabelsten Fernsehunternehmen.
"Als ich 1995 CEO von HBO wurde, sagten alle, dass Bezahlfernsehen tot ist", sagt der Absolvent der kalifornischen Elite-Universität Stanford auf der Website seiner Alma Mater. "Die Kabel-Abonnentenzahl wuchs kaum mehr, die Leute mieteten Videos anstatt Pay-TV-Filme zu schauen, es ging los mit DVDs und Pay-per-View ..." Bewkes entschied, dass HBO in die Produktion von TV-Serien einsteigt, und so mit den etablierten Netzwerken ABC, CBS und NBC konkurrieren würde. Der Unterschied: hohe Qualität, ausgefallene Ideen, weniger Folgen, keine Werbepausen. Kein Kabelsender hatte davor eigene Serien produziert. Sein Plan ging auf: Um Kultserien wie "Sex and the City" und "The Sopranos" zu sehen, waren die Zuschauer bereit zu zahlen. Bevor er zum Chef von HBO wurde, konnte Bewkes zehn Jahre lang als Finanzchef und COO die Geschicke des Abo-Senders beeinflussen. Nach HBO wurde er 2002 zum Chairman der Sparte Entertainment und Networks befördert und leitete damit die Filmstudios Warner Bros und New Line Cinema, die Kabelsender HBO und Cinemax und andere Kanäle wie CNN.
Nun muss er zeigen, dass er auch erfolgreich sein kann, wenn er wie bei AOL ein Bezahlmodell abschafft. Gelingt es ihm, hat er mehr als nur eine gute Flasche Wein verdient. Helene Laube