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Merken   Drucken   06.12.2005, 22:57 Schriftgröße: AAA

Von nichts kommt nichts  

Wo kein Medikament ist, da kann es auch keine Wirkung geben - so die wissenschaftliche Kritik an homöopathischen Mitteln. Dennoch glauben viele Menschen an die heilende Wirkung der extrem verdünnten Tinkturen. von Wiebke Rögener
Samuel Hahnemann, Begründer der homöopathischen Wissenschaft ...   Samuel Hahnemann, Begründer der homöopathischen Wissenschaft (Archivbild)
Das belegt allein der Umsatz der deutschen Arzneimittelhersteller mit homöopathische Mitteln, 363 Mio. Euro im vergangenen Jahr. Wissenschaftlichen Belege für eine Wirkung dieser Mittel gibt es nicht. Karen Nieber, Pharmazeutin an der Universität Leipzig, schien vor zwei Jahren einen Gegenbeweis erbracht zu haben.
Ihre Studie wurde als Sensation bewertet, denn sie schien ein für alle Mal zu belegen, dass wässrige oder alkoholische Lösungen auch ohne ein einziges Wirkstoffmolekül medizinische Effekte haben können. Dafür erhielt die Forscherin zusammen mit zwei Kollegen im Jahr 2003 den Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis. Nun gab sie ihre Auszeichnung zurück - nachdem bekannt geworden war, dass ihre Untersuchungen methodische Mängel aufweisen. Die Universität Leipzig distanzierte sich jetzt von den Forschungsergebnissen.
Nieber räumt inzwischen ein, dass ihre Experimente fehlerhaft gewesen seien. Grobe methodische Patzer machen die Resultate unglaubwürdig: So wurden unerwünschte Messdaten einfach weggelassen und Kontrollversuche nicht durchgeführt. Nieber zog auch ihre Veröffentlichung zurück.
Test an Rattendärmen
Dabei schien der Versuchsaufbau aus Leipzig zunächst überzeugend. Um auszuschließen, dass homöopathische Mittel ihre Wirkung lediglich aufgrund des so genannten Placeboeffekts entfalten, testete Nieber die Tinkturen nicht an Menschen, sondern an Rattendärmen. Zunächst umspülte die Pharmazeutin die Darmstückchen mit Acetylcholin, einer Substanz, die das Gewebe veranlasst, sich zusammenzuziehen. Anschließend setzte Nieber Belladonnaverdünnungen zu. Dies ist ein Wirkstoff aus der Tollkirsche, der auf bestimmte Muskeln entspannend wirkt. Um die Wirkung zu testen, benutzte die Leipziger Professorin eine so geringe Konzentration, dass Tollkirsche in der Lösung nicht mehr nachweisbar war. Dennoch entspannte sich der Versuchsdarm angeblich.
"Die Wirkung kann also nicht auf einer Substanzwirkung beruhen, sondern offensichtlich treten durch den homöopathische Verdünnungsprozess Modifikationen des flüssigen Arzneimittelträgers auf." Mit diesen ungelenken Worten schloss sich die Universität Leipzig in einer Presseerklärung zu Niebers Experimenten dem Credo der Homöopathieanhänger an. Die Universität ging mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit, bevor die Ergebnisse in einer Fachzeitschrift publiziert wurden.
Geschüttelt - nicht gerührt
Für die geheimnisvolle Wirkung des nicht vorhandenen Stoffes haben die Anhänger der Homöopathie tatsächlich eine eigene Erklärung: Demnach hinterlässt der extrem verdünnte Wirkstoff, wenn er vorschriftsgemäß geschüttelt - und nicht gerührt! - wurde, Gedächtnisspuren im Lösungsmittel, die dann die Heilung herbeiführen. Der letzte Aufsehen erregende Versuch, dieses Erinnerungsvermögen des Wassers nachzuweisen, wurde 1988 von Jacques Beneviste im renommierten Magazin "Nature" publiziert und alsbald widerlegt. Nieber war bescheidener und reichte ihre Ergebnisse bei der deutschsprachigen Zeitschrift "Biologische Medizin" ein, die die Arbeit 2004 abdruckte. Schon dieses Vorgehen hätte Anlass zur Skepsis sein sollen, meint Gerd Antes von Deutschen Cochrane Zentrum in Freiburg. "Es sollte einen schon stutzig machen, wenn solch ein vermeintlich bahnbrechendes Ergebnis in einer Zeitschrift publiziert wird, bei der es keine Begutachtung der Artikel im so genannten Peer-Review-Verfahren gibt", erklärt Antes.
Ein kritischer Blick, zu dem sich die Universität Leipzig erst recht spät aufraffte. Denn Kritik an Niebers Arbeit wurde kurz nach Bekanntgabe der vermeintlichen Sensation laut. Die Professoren Gerhard Bruhn von der TU Darmstadt und Erhard Wieland von der Universität Stuttgart sowie Klaus Keck von der Universität Konstanz waren von vornherein skeptisch. Im Januar 2004 schicken sie eine Stellungnahme an Nieber, in der sie das methodische Vorgehen kritisieren. So sei die Streuung der Messwerte zu groß für eine korrekte Auswertung der Daten, auch seien widersprechende Ergebnisse zurückgehalten worden. "Wir bewerten die Veröffentlichung als wissenschaftliches Fehlverhalten", so das Kritikertrio, das bald darauf auch die Universitätsleitung über seine Bedenken informierte.
Fragezeichen bleiben
Dass die Universität Leipzig dennoch erst so spät auf die Vorwürfe reagierte, begründet die Dekanin Annette Beck-Sickinger, die seit Oktober dieses Jahres im Amt ist, so: "Die Universitätsleitung ist nicht eher auf den Vorgang aufmerksam geworden, weil die Arbeit in einer wenig bekannten Zeitschrift ohne Peer-Review-Verfahren veröffentlich wurde." Warum die Universität zunächst eine Pressemitteilung zu den außergewöhnlichen Ergebnissen herausgab, dann den vorhersehbaren Streit in Fachkreisen aber nicht mehr zur Kenntnis nahm, kann sie sich nicht recht erklären. "Dafür bin ich erst zu kurze Zeit im Amt. Wir haben in diesem Frühjahr eine Kommission eingesetzt, die sich mit wissenschaftlichem Fehlverhalten beschäftigt und die Arbeit überprüft. Dafür mussten verschiedene Gutachten eingeholt werden, das dauert leicht ein halbes Jahr", sagt Beck-Sickinger. Ob auch die beiden anderen Autoren der Arbeit - der inzwischen emeritierte Professor Wolfgang Süß und Franziska Schmidt, die als Diplomandin an der Untersuchung mitwirkte - den zu Unrecht eingeheimsten Preis zurückgeben werden, weiß die Dekanin nicht. "Beide sind nicht mehr an der Uni tätig, darauf haben wir also keinen Einfluss" sagt sie.
Ein Beweis für eine Wirksamkeit der Homöopathie, die über Placeboeffekte hinausgeht, steht damit weiter aus. Im August 2005 nahmen Wissenschaftler der Universität Bern 110 Studien zur Homöopathie unter die Lupe und fanden keinen überzeugenden Beweis für deren Wirksamkeit. Effekte der verdünnten Lösungen und Kügelchen wurden demnach vor allem in Studien entdeckt, die sehr klein waren und methodische Mängel aufwiesen, heißt es in der im Fachjournal "The Lancet" veröffentlichten Studie. Auch Geldanreize scheinen die Forschung nicht voranzubringen: 1 Mio. $ Preisgeld, die der Zauberkünstler und Esoterikkritiker James Randi für denjenigen aussetzte, der die Wirksamkeit des geschüttelten Nichts schlüssig nachweist, sind immer noch zu haben. Nieber und ihre Kollegen haben sich um den Preis nicht beworben.
  • Aus der FTD vom 07.12.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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