Apple-Marketingchef Phil Schiller sprach den Schlüsselsatz fast ganz zum Schluss der Apple-Pressekonferenz im Silicon Valley: "Wir hoffen, mehr Leute zu erreichen." Gemeint ist das kleinere iPad-Tablet, das Schiller und sein Boss Tim Cook am Dienstag im California Theater in San Jose enthüllten. Das iPad mini, dessen Details zum Teil bereits Wochen vor der Präsentation durchgesickert waren, soll Apple neue Kunden erschließen. Dafür nimmt Apple auch geringere Margen in Kauf. Mit einem Preis von mindestens 329 Dollar ist der Tablet-Rechner mit dem 7,9 Zoll großen Bildschirm aber immer noch etwas teurer als Konkurrenzprodukte mit ähnlichen Maßen.
Apple dominiert den Tablet-Markt mit dem iPad mit einem weltweiten Anteil von 61 Prozent. Bevor der verstorbene Apple-Mitgründer Steve Jobs vor zweieinhalb Jahren in San Francisco das erste iPad enthüllte, gab es diese Gerätekategorie nicht. Seitdem versucht jeder Computer- und Betriebssystemhersteller Apples Erfolg mit Tablets zu kopieren, die dem iPad meist sehr ähnlich sind. Vor allem der Internetkonzern Google hat es mit seinem Betriebssystem Android, eigenen Tablets und Android-Tablets von zahlreichen Herstellern wie Samsung und HTC geschafft, den Kaliforniern Marktanteile abzuringen. Das Internetkaufhaus Amazon wiederum punktet mit seinem Android-Tablet Kindle Fire.
Eine weitere Gefahr droht nun auch seitens Microsoft. Der weltgrößte Softwarekonzern, der bislang mit Windows in dem Markt keinen Boden gutmachen konnte, führt diese Woche seine für Tablets optimierte Betriebssystemversion Windows 8 ein. Er schickt zudem das Surface-Tablet ins Rennen, den ersten selbstgebauten Computer in der 37-jährigen Firmengeschichte. Die Angriffe machen sich bemerkbar. Gartner prognostiziert, dass Apples Anteil am Tablet-Markt dieses Jahr auf 53 Prozent sinken wird. Androids Anteil soll von 34 Prozent auf 41 Prozent steigen.
Apple ist es bislang gelungen sich mit immer neuen Versionen des iPads, mit neuen Funktionen und neuer Software die Verfolger vom Leib zu halten. Mit dem iPad mini erweitert Apple-Chef Cook Apples Arsenal und kann vom wachsenden Markt für günstigere Tablets profitieren. "Hier hat Apple die Chance, neue, preissensiblere Kunden zu gewinnen, ohne die Preise für das normale Tablet senken und damit seine Premiumpreispolitik ändern zu müssen", sagte Nikolaus Mohr von Accenture.
Wall-Street-Analysten sind zuversichtlich, dass der Konzern damit seinen Vorsprung vor der Konkurrenz sichert. "Wir glauben, das Gerät wird die Bedrohung von billigen Google- und Amazon-Tablets mit 7-Zoll-Bildschirmen dämpfen", sagte Brian Marshall von der ISI Group. "Es könnte auch eine leistungsfähigere Alternative zu Amazons populärer Kindle-Lesegerät-Familie sein."
Das günstigere Gerät soll nicht nur kostenbewusstere Kunden überzeugen, die möglicherweise mit einem billigeren Produkt der Konkurrenz liebäugeln. Cook nimmt mit dem iPad mini auch Kurs aufs Klassenzimmer. Das iPad und die iBooks-Software für das Herunterladen elektronischer Bücher ist bereits in zahlreichen Klassenzimmern präsent, allerdings behindern Budgetkürzungen in Schulen und Universitäten die Ausbreitung teurer Hardware. Mit einem günstigeren Gerät hat Apple nun bessere Chancen. Der Konzern kann bei dem verstärkten Vorstoß auf seine in den 80er Jahren begonnene enge Partnerschaft mit Ausbildungsstätten aufbauen.
Apples Erfolg basiert nicht nur auf der Hardware, sondern auf den eng mit den iPads integrierten Online-Diensten und dem riesigen Angebot an Zusatzanwendungen, mit denen Nutzer ihre iPads, iPhones oder iPod Touches bestücken können. Wer es sich einmal mit seinen Musik-, Film- und Bucheinkäufen in einem solchen Ökosystem gemütlich gemacht hat, verabschiedet sich selten zu einer konkurrierenden Plattform. "Mit einem billigeren Tablet holt Apple sich nicht nur neue Konsumenten in sein Ökosystem, sondern erhöht auch die Chance, ihnen mehr teurere Inhalte zu verkaufen - und erhöht die Kosten, die ein Wechsel zur Konkurrenz zur Folge hätten", schreibt UBS-Analyst Steven Milunovich in einem Bericht. Hürden, die einen Wechsel verhindern, seien wichtig für Apples langfristiges Wirtschaftsmodell, so Milunovich.
Apples Marketing-Chef Schiller ließ es sich am Dienstag nicht nehmen, die Konkurrenz herabzusetzen. "Andere haben es mit Tablets versucht, die kleiner als das iPad sind und sind kläglich gescheitert", sagte Schiller. Er verglich dabei auf einer Leinwand das 310 Gramm leichte iPad mini mit Googles Nexus 7, ohne den Rivalen beim Namen zu nennen. Der Bildschirmbereich des iPad mini sei 35 Prozent größer als der Bildschirmbereich der Konkurrenz. "Das ist eine riesige Differenz", behauptete Schiller. Apple habe zudem 275.000 für das iPad optimierte Zusatzanwendungen, während andere vorwiegend für ihre Tablets "ausgedehnte" Smartphone-Apps anbiete. Apple positioniert das iPad mini als voll ausgerüstetes, aber leichteres und kleineres iPad.
Um der Tablet-Konkurrenz das Leben möglichst schwer zu machen, hat Apple auch sein erst im März eingeführtes iPad der dritten Generation bereits überholt. Der große Bruder des iPad mini hat nun unter anderem einen schnelleren Prozessor und das hochauflösende "Retina"-Display. Apple stellte in San Jose auch neue Versionen seines Desktop-Rechners iMac, des Notebooks MacBook Pro und des Rechners Mac Mini vor.
Das iPad mini, das in einer weißen und einer schwarzen Ausführung zu haben ist, wird in der billigsten Konfiguration mit W-Lan 329 Euro kosten. Es wird ab 2. November in Deutschland erhältlich sein. Die zwei Wochen später verfügbaren LTE-Modelle kosten mindestens 459 Euro. Das iPad der vierten Generation kommt ebenfalls Anfang November in den Verkauf und kostet mit W-Lan ab 499 Euro.
Das iPad ist innerhalb von zweieinhalb Jahren zu einem wichtigen Standbein von Apple geworden: Apple hat seit dem Verkaufsstart im April 2010 über 100 Millionen iPads verkauft. Im jüngsten Quartal, das Apple im Juli vorlegte, wuchs der iPad-Absatz im Vergleich zum Vorjahresquartal um 85 Prozent auf über 17 Millionen Stück. Der iPad-Umsatz stieg um 52 Prozent auf 9,2 Mrd. Dollar. Das Gerät macht bereits mehr als ein Viertel des Konzernumsatzes aus. Apple legt am Donnerstag nach Börsenschluss die Geschäftszahlen für das vierte Quartal vor.
Die Apple-Aktie ging am Dienstag mit einem Abschlag von über drei Prozent aus dem Handel.