"Wir verkaufen keine Kopfhörer", heißt es auf der Website des Audiospezialisten Beats Electronics. "Wir bieten Dr. Dres Genie und Jimmy Iovines Weitsicht." Der Rapper und der Musikproduzent haben die Marke 2006 gemeinsam ins Leben gerufen. Innerhalb kürzester Zeit avancierten die klobigen Kopfhörer zum hippen Pflichtaccessoire. Demnächst haben die für das Image so wichtigen Gründer auch wieder das Sagen im Unternehmen: Der Smartphone-Hersteller HTC, der im August 2011 50,1 Prozent an Beats by Dr. Dre erworben hatte, gibt 25 Prozent der Anteile an sie zurück.
Dabei kann HTC den zusätzlichen Coolnessfaktor, den Dr. Dres Lautsprechertechnologie den Smartphones verpasst, gut gebrauchen. Einst als Auftragsfertiger gestartet, hatte HTC zu Beginn des Smartphone-Booms einen guten Lauf. Doch der frühere Shootingstar der Branche fällt der wachsenden Übermacht von Samsung und Apple zum Opfer. Beide bauen ihren Vorsprung stetig aus, auf Kosten kleinerer Konkurrenten wie Motorola, Sony oder eben HTC. Schätzungen des Marktforschers IDC zufolge hatte das taiwanische Unternehmen in den ersten drei Monaten diesen Jahres einen Marktanteil von 4,8 Prozent - ein Verlust von nahezu 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im letzten Quartal sank der Gewinn um 60 Prozent auf 7,4 Mrd. Taiwan-Dollar (203 Mio. Euro).
Die Branche rätselt nun, was HTC zur Abnabelung von Beats bewogen hat. "Verwirrend" finde man die Ankündigung vom Wochenende, schrieben Analysten von Morgan Stanley in einem Bericht. Strategisch und finanziell habe das kurze Zwischenspiel als Mehrheitseigner keinen Sinn. Am Verkauf verdient HTC nicht: 150 Mio. Dollar bekommt das Unternehmen für 25 Prozent der Anteile; für die Mehrheit hatte es 2011 309 Mio. Dollar gezahlt.
Die Kooperation immerhin soll fortbestehen. "HTC und Beats werden weiterhin eng miteinander arbeiten und später in diesem Jahr gemeinsam eine globale Marketingkampagne starten", heißt es in der offiziellen Mitteilung.
Die wahrscheinlichste Erklärung für die Aufgabe der Mehrheit ist, dass HTC sich stärker auf die Entwicklung der eigenen Hardware konzentrieren will. Zwar wird die aktuelle Gerätegeneration One von der Fachpresse gelobt. Kritik gibt es jedoch daran, dass ein Technologieschwerpunkt fehlt: Auf der einen Seite wirbt der Konzern mit Lautsprechertechnologie von Dr. Dre, auf der anderen Seite rückt HTC die selbst entwickelte Kameratechnologie verstärkt in den Mittelpunkt. Beides soll dem Unternehmen helfen, sich von Konkurrenten abzuheben, die ebenfalls Googles Betriebssystem Android nutzen. Doch die Strategie geht nicht auf: Während Samsungs neues Spitzenprodukt Galaxy S III, ebenfalls ein Android-Smartphone, dem Konzern Rekordgewinne beschert, sagen Analysten HTC auch für die zweite Jahreshälfte magere Umsätze voraus. Das Weihnachtsgeschäft dürfte HTC der Marktstart des nächsten iPhones vermiesen.
Vorteile haben die neuen Besitzverhältnisse für Beats. Die Sorgen von HTC belasten die Firma künftig nicht mehr. Außerdem biete HTCs Rückzug der Firma "mehr Flexibilität für eine weltweite Expansion", heißt es in der Mitteilung. Zwar bleibt HTC, nach Dr. Dre und Jimmy Iovine weiterhin der größte Einzelaktionär und ein exklusiver Partner im Handygeschäft. Beats ist weiteren Kooperationen gegenüber allerdings aufgeschlossen: Notebooks vom Computerkonzern Hewlett-Packard werben ebenso mit der Audiotechnologie des Anbieters wie der Autobauer Chrysler.
Im vergangenen Jahr - nur fünf Jahre nach Gründung des Unternehmens - verbuchte Beats Schätzungen des Marktforschers NPD Group zufolge einen Jahresumsatz von 500 Mio. Dollar. In den USA ist das Unternehmen Marktführer.
Für HTC wäre das ein netter Bonus gewesen. Zwar schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen, die Gewinnmarge liegt mit rund neun Prozent jedoch unter jener von Apple und Samsung. Die Barreserven sind geschrumpft - von 86,7 Mrd. Taiwan-Dollar zu Ende März 2011 auf 71,2 Mrd. Taiwan-Dollar zum gleichen Zeitpunkt diesen Jahres. Den Umsatz mit günstigeren Modellen zu steigern kommt für HTC-Chef Peter Chou jedoch nicht infrage: "Wir wollen das Image unserer Marke nicht zerstören", sagte er im Juni dem "Wall Street Journal". Vielleicht hatte Beats Electronics ja ähnliche Bedenken.