Zumindest an Ideen zum Schrumpfen mangelt es den Managern bei Thalia nicht. Sie geben ganze Ladenetagen an den Pächter zurück. Sie suchen Untermieter. Sie haben in Kassel ein Spielzeuggeschäft in ihrer Filiale eröffnet und in Linz ein Reisebüro. Sie verkaufen DVDs und Schreibwaren. Es klingt absurd, aber die größte Buchhandelskette Deutschlands tut gerade alles, um in ihren Läden endlich weniger Bücher verkaufen zu müssen. "Wir haben ein Flächenproblem", sagte eine Thalia-Sprecherin.
Ende vergangener Woche hat der Aufsichtsrat des Mutterkonzerns Douglas die Sanierungsstrategie für den kriselnden Buchhändler abgesegnet. Nach einem miserablen Weihnachtsgeschäft rechnet Thalia mit Wertberichtigungen von 150 Mio. Euro. 15 der rund 300 Filialen droht die Schließung. Schuld sei die Krise des Buchhandels. "Das ist kein hausgemachtes Thema, das ist ein Branchenthema", so die Sprecherin.
Seit Wochen überbieten sich die großen Buchhändler im schnellen Rückzug. DBH (Weltbild, Hugendubel), die Nummer zwei auf dem Markt, schließt Filialen in Kassel, Berlin und München. Der drittgrößte Buchhändler, Mayersche, verabschiedet sich von Läden in Essen und Leverkusen. Eine geplante Filiale in Düsseldorf wird nun gar nicht erst eröffnet.
Es ist die späte Reaktion auf eine gigantische Fehlkalkulation. Im Jahr 2000 hatten die Umsätze im deutschen stationären Buchhandel mit 5,48 Mrd. Euro ihren Höchststand erreicht, seitdem sinken sie. Doch die großen Händler kauften in den vergangenen zehn Jahren massiv kleine Wettbewerber auf und errichteten riesige Läden. Thalia hat seine Verkaufsfläche seit 2004 fast verdreifacht.
Nun machen Onlinehändler wie Amazon den Ketten das Leben schwer. In digital weiter entwickelten Märkten wie den USA ist aus dem Schrumpfen längst ein Buchhändlersterben geworden. Die zweitgrößte Kette Borders meldete vergangenes Jahr Insolvenz an, Marktführer Barnes & Noble investiert praktisch nur noch ins Onlinegeschäft. Städte ohne einen einzigen Buchladen sind in den USA mittlerweile normal.
"Die grundsätzliche Entwicklung auf dem US-Markt werden wir auch hier sehen", warnt Jari Sengera von der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers. Der Buchhandel werde sich aus der Fläche zurückziehen und auf die Großstädte konzentrieren. "Der Treiber der Entwicklung ist das Geschäft mit E-Readern und E-Books", sagt Sengera. Der US-Riese Borders ging auch deshalb in Konkurs, weil er den E-Book-Boom verschlafen hat. Große deutsche Händler wie Thalia bieten dagegen bereits eigene Lesegeräte an.
"Wenn man von Krise spricht, trifft das nicht den ganzen Buchhandel. Vor allem die Großen haben Probleme", meint Kyra Dreher vom Börsenverein des Buchhandels. Viele kleine Läden könnten sich dank persönlicher Beratung, einem speziellen Angebot und starker Kundenbindung gegen die Onlinekonkurrenz behaupten.
Eine Strategie, die nun auch beim Marktführer fruchten soll. Eine Befragung habe gezeigt, dass die Kunden loyal seien und wegen der Beratung zu Thalia kämen. Dies müsse nun auch mit dem neuen Sortiment gelingen - mit weniger Büchern.