Ein Beispiel: Ich fahre morgens den Rechner hoch und lese die 451 neuen E-Mails, darunter ein Themenvorschlag eines Kollegen, der, sagen wir mal, die
Commerzbank in der Luft zerreißen will. Während ich antworte, kommt ein anderer Kollege rein und will wissen, ob ich seine Reportage über die Krise der holländischen Tulpenindustrie schon gelesen habe.
Die liegt natürlich seit gestern Abend in dem linealhohen Stapel vergessener Papiere im Drucker. Während der Kollege von Tulpen schwärmt, klingelt das Telefon. Ich mache ein wichtiges Augenblickzeichen und telefoniere kurz mit Mensch Nummer drei. Nachdem ich aufgelegt habe, fährt Mr Holland mit seinem Bericht fort, ich nicke eifrig und denke über das Telefonat nach.
Ich schrecke erst auf, als er fragt. "So könnte man die Reportage doch schreiben, oder?" "Ja, super Idee", sage ich dann, wobei ich verdränge, warum das Telefonat eben so wichtig war. Ich wende mich dem Computer zu, wo in einem der 34 geöffneten Fenster immer noch das Commerzbank-Verriss-Angebot auf sein Daumen-hoch wartet (und dies stundenlang tun wird). Denn es kommt bereits die nächste E-Mail. Und so weiter.
In dieser unproduktiven, gleichwohl hektischen Schleife schlage ich mich so bis 19 Uhr durch, bis ich völlig erschöpft bin. Die Kunst des Arbeitens besteht also darin, nicht viel in hoher Qualität zu tun, sondern dabei möglichst wenig unterbrochen zu werden. Warum aber werde ich trotzdem noch ab und zu gelobt? Bestimmt denkt mein Chef nicht an mich. Sondern an eine wichtige E-Mail.