FTD.de » IT + Medien » Medien+Internet » Herzschrittmacher mit Mordpotenzial
Merken   Drucken   06.11.2012, 20:34 Schriftgröße: AAA

Hackerangriffe in der Medizintechnik: Herzschrittmacher mit Mordpotenzial

Ein Hacker hat Herzschrittmacher so manipuliert, dass sie ihre Träger töten können. Hersteller wiegeln ab, doch die Sicherheit IT-gestützter Medizintechnik scheint fraglich.
von Thomas Reintjes, Köln
Blick auf einen historischen Herzschrittmacher (hinten) und ein ...   Blick auf einen historischen Herzschrittmacher (hinten) und ein aktuelles Modell

Vielleicht braucht ein Massenmörder bald nicht mehr als einen Laptop, mit dem er in der Fußgängerzone sitzt und ab und an ein Funksignal sendet. An Herzschrittmacher im näheren Umkreis, die daraufhin Stromstöße mit Hunderten Volt abgeben.Tödlich für die Träger der Implantate. Vor Kurzem hat der Hacker Barnaby Jack auf der australischen Sicherheitskonferenz Breakpoint demonstriert, wie das funktionieren könnte.

Das Einfallstor sind die Programmer: Geräte, die Ärzte nutzen, um implantierte Herzschrittmacher per Funk einzustellen. Bei Jacks Angriff gab ein Programmer Serien- und Modellnummer preis. Das eröffnete dem Hacker die Möglichkeit, in ihn einzudringen und darüber die Schrittmacher zu manipulieren. Die Funkwellen reichten bis zu 15 Meter weit, Stromstöße von 830 Volt könnten sie bei Implantaten auslösen, sagte Jack - und führte dies in einem Einspielfilm auch mehrfach vor. Sogar veränderte Software lasse sich auf die Schrittmacher spielen.

Die Absicht hinter dem Horrorszenario: Der Sicherheitsexperte will Hersteller für die Gefahren ihrer Lebensspender sensibilisieren und ihnen helfen, sie zu verbessern. "Manchmal muss man die dunkle Seite zeigen", sagte Jack. Details seines Hacks bleiben unter Verschluss, er will weder Nachahmer fördern noch betroffene Unternehmen bloßstellen.

Dabei ist er nicht der Erste, der auf die möglichen Probleme von Herzschrittmachern und Defibrillatoren aufmerksam macht, Geräten, die mit Stromstößen Kammerflimmern entgegenwirken. 2008 und 2010 haben Forscher vorgeführt, dass die Implantate angreifbar sind, haben Patientendaten ausgelesen sowie Elektroschocks simuliert. Der Marktführer Medicare reagierte damals mit dem Versprechen, sich die Studien genau anzuschauen.

"Wir halten das Ganze für ziemlichen Murks", sagt ein Sprecher von Medicare Deutschland nun zu Jacks Hackattacke. Die Angriffe seien in einem "reinen Laborszenario" durchgeführt worden, auch gäben die Programmer nicht ohne Weiteres ihre Kenndaten preis. Zudem seien die per Funk übertragenen Daten "selbstverständlich verschlüsselt". In einer offiziellen Stellungnahme des Unternehmens heißt es: "Wir begrüßen die Möglichkeit, mit Sicherheitsexperten, behördlichen Regulierungsstellen und anderen Beteiligten zusammenzuarbeiten, um unsere Geräte so sicher wie möglich zu machen."

Offizielle Stellen allerdings interessieren sich bisher nicht besonders für die Sicherheit von Herzschrittmachern. Die in den USA zuständige FDA schaue nur auf medizinische Effizienz und prüfe den Programmcode der Geräte nicht, hieß es auf der Hackerkonferenz. In Deutschland delegieren Behörden die Zulassung. Herzschrittmacher sind Ländersache, deren Zentralstelle ZLG prüft die Geräte aber nicht selbst, sondern veröffentlicht eine Liste benannter Stellen, die Sicherheitssiegel für Hersteller vergeben dürfen.

Eine dieser Stellen ist der TÜV Süd. "Solche Manipulationen sind uns unter realen Bedingungen nicht bekannt", sagt ein Sprecher. Man habe sich aber auch noch nicht auf das Thema IT-Sicherheit fokussiert, wohl, weil es bislang unnötig schien. Ähnlich vage bleibt die Sprecherin des TÜV Nord und verweist auf die Verantwortung der Unternehmen: "Softwaresicherheit sollte Teil der Risikostrategie des Herstellers sein; die Risikostrategie für das Medizinprodukt wiederum wird bei uns geprüft."

Angriffsszenarien wie das von Barnaby Jack sind mit großem finanziellem und technischem Aufwand verbunden, der Hack am Herzen ist also kein einfaches Mordwerkzeug. Doch ernst sollten Hersteller und Prüfinstitute die Warnschüsse nehmen. Seit dem Skandal um mangelhafte Brustimplantate des französischen Herstellers PIP wird bei der EU und in Berlin darüber diskutiert, wie die Patientensicherheit verbessert werden kann. Und erst Mitte Oktober wurden auf einem Expertenpanel in den USA die Gefahren IT-gestützter Medizintechnik thematisiert. Viele hochkomplexe Geräte nutzten veraltete, unsichere Betriebssysteme und könnten mit Malware infiziert werden, sagte der Sicherheitsexperte Kevin Fu von der Universität Michigan. Oft verhinderten Hersteller Updates aus Angst, gegen Regeln der Behörde FDA zu verstoßen.

"Bei den Arzneimitteln hat es Contergan gebraucht, um eine präventive Prüfung auf Sicherheit und Wirksamkeit zur Regel zu machen", sagt ein Experte, der anonym bleiben will, der FTD. Er hoffe, dass den durch Brustimplantate Geschädigten nicht noch andere Opfer von Medizinprodukten folgen müssen, bis Politiker das System reformieren.

  • Aus der FTD vom 07.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler