Wäre das hier ein NDR-Fernsehfilm, hätte Doris Heinze sicher eine nettere Schlussszene schreiben lassen, optimistischer und fröhlicher. Aber das ist das reale Leben, und darin trottet Heinze, die frühere Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks (NDR), eine der mächtigsten Figuren der deutschen Film- und TV-Branche, gealtert und etwas verloren durch einen übergroßen, fast leeren Sitzungssaal zur Anklagebank. Sie trägt einen Mantel und eine Lederfransentasche. Auch ihr Gesicht wirkt gegerbt.
Vor drei Jahren war aufgeflogen, dass sie unter dem falschen Namen "Marie Funder" Drehbücher schrieb, die sie dann unter ihrem echten Namen Doris Heinze für den NDR kaufte und produzieren ließ. So soll sie sich Honorare von Zehntausenden Euro erschlichen haben. Um ihre Spuren zu verwischen, bekam Marie Funder sogar eine fiktive Biografie: Jahrgang 1981, schrieb sie Kurzgeschichten und lebte mit ihrem Mann David an der irischen Ostküste - hieß es in einem ARD-Presseheft.
In der am Donnerstag verlesenen Anklageschrift steht: Doris Heinze, Jahrgang 1949, lebt mit ihrem Mann Claus Strobel auf der deutschen Insel Nordstrand. Heinze steht noch bis zum 10. August mit ihrem Mann und einer Filmproduzentin vor Gericht. Die Anklage lautet Bestechlichkeit, schwere Untreue und Betrug. Ein möglicher Vergleich zwischen den Parteien scheiterte nach einem fast einstündigen Gespräch im Richterzimmer.
So kommt es zu einem für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten peinlichen Prozess, der aufrollt, wie es Heinze gelingen konnte, an allen ARD-Kontrollinstanzen vorbei bei ihrem Mann - er schrieb unter dem Pseudonym "Niklas Becker" - und sich selbst Drehbücher für Summen von meist über 20.000 Euro in Auftrag zu geben. Und wie sie es schaffte, viele teure Produktionen genau an jene externe Firma zu vergeben, die anschließend die Honorare von Marie Funder bezahlte - selbst für Drehbücher, aus denen nie ein Film wurde.
Doris Heinze war nicht irgendeine ARD-Managerin: Sie verantwortete die "Tatort"-Krimis in Hamburg, Hannover und Kiel und hatte eine gewichtige Stimme bei der Entscheidung, welche Filme es in das deutschlandweite ARD-Programm schafften. Wichtige NDR-Führungskräfte, die von Heinzes illegalen Nebengeschäften hätten wissen können, sind bereits tot oder im Ruhestand. Nur die heutige WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff, zeitweise beim NDR Heinzes Vorgesetzte, wird von den Angeklagten belastet.
Dass Heinzes Mann unter dem Namen Niklas Becker für einen NDR-Film als Drehbuchautor arbeitete, sei mit Kulenkampff abgesprochen gewesen, sagte die Mitangeklagte Heike R. in einer vor Gericht verlesenen Aussage bei der Staatsanwaltschaft. Sie selbst habe mit Heinze keine privaten Kontakte gehabt, sagte R. "Frau Heinze galt als schwierig, hatte aber sehr viel Macht." Zahlreiche Drehbuchautoren und Regisseure hatten sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe über Heinzes übermäßigen Einfluss in der Produktionsbranche beklagt. Die wahre Identität von Marie Funder und Niklas Becker sei in der Szene bekannt gewesen, hieß es. Der NDR reagierte nach Medienrecherchen und entließ Heinze 2009.
Die Ex-Fernsehspielchefin bedauerte vor wenigen Monaten in einem online veröffentlichten Video-Interview die Drehbuch-Affäre. Sie wisse, dass das "absoluter Schwachsinn war, so etwas zu machen", sagte Heinze. "Man kann nicht mehr tun, als sich dafür zu entschuldigen."
Vor wenigen Tagen hat Heinze ein Buch veröffentlicht, einen Krimi über einen Ermittler, der nach dem Ende seiner Karriere auf der Insel Nordstrand lebt - genau wie Heinze. Nur der Titel des Romans klingt nicht, als würde jemand Verantwortung für seine Taten übernehmen. Das Buch heißt schlicht: "Höhere Gewalt".