Seit Dienstag müssen sich die Betreiber von FTP, in der Szene als Stars verehrt, auch noch wegen Unterschlagung und Betrugs verantworten: Mehr als 440 Mio. Dollar sollen sie auf private Konten in der Schweiz umgeleitet haben - und zwar aus dem Guthaben vieler Tausend Kunden.
Das Vertrauen der Spieler, darunter viele Deutsche, ist erschüttert, ihr Geld wohl verloren. Der gefürchtete New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara, der bereits Bernard Madoff und Raj Rajaratnam vor Gericht gebracht hatte, reichte am Dienstag Klage ein.
Seit 2006 agierten die Pokerseiten bereits in vielen Ländern juristisch im Graufeld, bislang aber ließen sich die Spieler davon nicht abschrecken. Mit dem Skandal um FTP dürfte das Milliardengeschäft im Internet nun aber weltweit an Reputation verlieren. Profitieren könnten von dieser Entwicklung reale und legale Kasinos.
Bis zum schwarzen Freitag der Branche, dem 15. April 2011, lief das Geschäft noch blendend. Branchenführer Pokerstars ist in Deutschland vor allem über den früheren Tennisprofi Boris Becker bekannt, der seit Jahren als Werbeträger agiert. Rund 4 Mrd. Dollar haben allein die führenden Anbieter 2010 umgesetzt. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn weder Pokerstars noch FTP lassen sich in die Bilanzen gucken. Die meisten Spieler im internationalen Pokergeschäft kommen aus den USA, gefolgt von Deutschland. 117.000 Deutsche haben laut Verbandsangaben im vergangenen Jahr auf den großen Pokerseiten gespielt und dort insgesamt rund 18 Mio. Dollar verloren. Fast eine halbe Million Amerikaner verspielten 69 Mio. Dollar, 80.000 Russen verloren mehr als 50 Mio. Dollar.
Dieses Geld, das über Gebühren und Gewinnbeteiligungen zumindest halbwegs legal in die Kassen der Betreiber und ihrer Finanzdienstleister floss, war den Herren von FTP offenbar nicht mehr genug. Die vier prominenten Pokerprofis Ray Bitar, Howard Lederer, Chris Ferguson und Rafe Furst sollen, so der Vorwurf der US-Ermittler, ein globales Schneeballsystem aufgebaut und zwischen April 2007 und April 2011 insgesamt 443.860.529,89 Dollar auf private Schweizer Konten umgeleitet haben.
Schon seit Jahresbeginn war FTP nicht mehr imstande, die teils erheblichen Guthaben der Spieler vollständig zurückzuzahlen. Wegen der guten Reputation kamen aber ständig ausreichend neue Kunden hinzu, um mit deren Einzahlungen andere Spieler auszahlen zu können. Dann kam der schwarze Freitag. Seitdem sind die virtuellen Pokerräume gesperrt.
Ungebremst gewachsen war das Onlinepokern in den USA von 2003 bis 2006. Dann untersagte die Regierung Banken und Kreditkartenfirmen, Überweisungen an die Pokeranbieter durchzuführen. Aktiengesellschaften verlegten eilig ihren Sitz nach Lateinamerika. Spieler fanden dennoch Wege, ihre Einsätze über Auslandskonten zu überweisen - und zockten weiter. Bis zum 15. April. "Unser System ist derzeit leider geschlossen", heißt es nun auf der Internetseite von Full Tilt Poker. "Bitte kommen Sie später wieder."