Mit dem Einstieg ins Cloud-Computing sind für Unternehmen enorme Chancen verbunden. Wie das Ganze funktioniert, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten sind – und was viele Firmen dennoch zögern lässt.
Sich neu zu erfinden bedeutet für ein Unternehmen eine gewaltige Kraftanstrengung. Die Kölner Firma QSC setzt dabei voll auf die Cloud. Allerdings nicht, um die eigene IT auszulagern - die Domstädter stellen sich selbst als Anbieter von IT-Lösungen neu auf. "Die Cloud wird ein wesentlicher Treiber unseres zukünftigen Markts sein", sagt Thomas Stoek, bis vor Kurzem Vorstand und nun strategischer Berater von QSC.
Der Wechsel in der Ausrichtung scheint sinnvoll. Jahrelang hat QSC als Telefonanbieter Unternehmenskunden adressiert. Die Umsätze im ohnehin traditionell margenschwachen Telekommunikationssegment schmelzen jedoch dahin, im zweiten Quartal sanken die Erlöse in diesem Geschäftsfeld um 25 Prozent auf 42 Mio. Euro. Das Geschäft mit dem Cloud-Computing dagegen boomt.
Der Anbieter von Virtualisierungssoftware VMware geht in einer Studie davon aus, dass europäische Unternehmen in den kommenden 18 Monaten fast ein Drittel des IT-Budgets in Cloud-Computing investieren. In deutschen Firmen sollen 28 Prozent für den Ausbau von Cloud-Konzepten zur Verfügung gestellt werden.
Diesen Trend spürt auch QSC. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen die durch IT-Consulting und IT-Outsourcing erzielten Umsätze im zweiten Quartal um 29 Prozent auf 46 Mio. Euro. Als Teil eines Konsortiums entwickelt QSC etwa die Sensor-Cloud; eine Plattform für vernetzte Sensoren und Steuerungsanwendungen, über die Messdaten aus unterschiedlichsten Branchen und Anwendungsbereichen gespeichert und verarbeitet werden können.
Dennoch ist es alles andere als sicher, ob QSC der Schwenk gelingt. Der aufgekaufte Internetdienstleister Info AG immerhin ist ein Baustein der neuen Strategie. Und die fünf Rechenzentren, die das Unternehmen bereits in Deutschland betreibt, sind ein weiteres Pfund, mit dem QSC als Cloud-Anbieter wuchern kann. Die Kölner wollen vor allem Lösungen offerieren, die mit deutschen Gesetzen konform sind. Bei vielen Cloud-Diensten großer Anbieter wie Google oder Amazon ist dagegen alles andere als klar, ob diese mit allen nationalen Datenregelungen in Einklang zu bringen sind. Im Geschäft mit der Cloud wartet jedoch starke Konkurrenz. Andere Telekommunikationsfirmen wie BT Germany, Telefónica oder die Deutsche Telekom mit der Tochter T-Systems buhlen um Kunden. Ebenso etablierte Größen aus der IT-Dienstleisterszene wie Computacenter, Fujitsu Technology Solutions und globale Schwergewichte wie IBM und HP .
Vereinzelte Anwendungen im Fernzugriff zu offerieren, ist zwar wegen des technischen Fortschritts inzwischen zu sehr günstigen Konditionen auch für kleine Anbieter möglich. Doch diese Schmalspurversion des Cloud-Computing reicht in der Regel nicht aus, um die Anforderungen von Unternehmen abzudecken, die die Cloud nutzen wollen. Diese erwarten, dass sie eine Reihe von unterschiedlichen Anwendungen, Services und Infrastrukturdiensten wie Speicherplatz aus einer Hand beziehen können. Dass die unterschiedlichen Elemente aus der Cloud dabei nahtlos zusammenarbeiten, ist für die Abnehmer selbstverständlich.
Für integrierte Platform-as-a-Service-Lösungen (PaaS), die neben der nötigen Hardware eine Middleware zum Zusammenschalten von Anwendungen sowie Service-, Support- und Softwarepakete umfassen, braucht es jedoch reichlich Startgeld. "Wer im heutigen Marktumfeld eine PaaS-Plattform wettbewerbsfähig anbieten will, muss eine Vielzahl von Entwicklungswerkzeugen anbieten können, die perfekt aufeinander abgestimmt und immer aktuell sind. Sie müssen reibungslos funktionieren", sagt Carlo Velten, Berater bei der Experton Group. "Und das kostet viel Geld. Das ist ein Spiel für die Großen." Dass im Plattformgeschäft völlig neue Namen den Markt durcheinander bringen, hält der Experte deshalb für ziemlich unwahrscheinlich.
Anders sieht es wiederum bei den Anwendungen aus, die auf diesen Plattformen laufen. Einen cleveren Dienst in klugen Code zu übersetzen, ihn online zu vermarkten und damit global Kunden zu gewinnen, ist auch für kleine, innovative Anbieter möglich. "Beim Thema Software-as-a-Service (SaaS) spielt die Größe der Anbieter an sich keine Rolle", sagt Velten: "Hier kann man auch mit einem zehnköpfigen Entwicklerteam eine erfolgreiche Lösung aufbauen."
Neue Namen in der Cloud-Landschaft wie das Chemnitzer Startup Hojoki finden sich deshalb eher im SaaS-Segment des Cloud-Markts. Die Sachsen haben ein webbasiertes Produktivitätstool entwickelt, mit dem diverse Cloud-Dienste zusammen verwaltet und genutzt werden können. In einem Nachrichtenstrom, der an den Activity-Stream von Facebook erinnert, lassen sich Aktualisierungen und Neuigkeiten überblicken, mit Kollegen bearbeiten und austauschen. Egal, ob die Dokumente in Cloud-Anwendungen wie dem Online-Speicher Dropbox, der Nachrichten-Software Evernote, der webbasierten Office-Software Google Docs oder Online-Kalendern verknüpft werden. Die Summe der verknüpften Dienste soll als Infrastruktur für das Projektmanagement nutzbar sein.
Ein anderer deutscher Cloud-Aufsteiger, Zimory aus Berlin, setzt ebenfalls darauf, unterschiedliche Cloud-Dienste unter einer mit deutschen Vorschriften im Einklang stehenden Oberfläche anzubieten. "Ich schaue auf unsere Kundenbasis und sehe, dass es lauter unterschiedliche Anforderungen an Cloud-Services gibt", sagt Zimorys Chief Product Officer Maximilian Ahrens. Was bedeutet, dass es auf dem Cloud-Markt nicht nur viel Platz für spezialisierte Anbieter gibt, sondern auch für Integrationsplattformen wie Zimory.
Das Ergebnis ist derzeit ein dynamischer Anbietermarkt, in dem sowohl große als auch kleine Unternehmen ihre Chance wittern. "Die großen stellen die Infrastruktur und die Netzwerke bereit, die kleinen und schnellen Firmen übernehmen die Entwicklung der neuen Dienste", sagt Berater Velten zur Arbeitsteilung in der Cloud-Welt.