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Merken   Drucken   31.10.2012, 11:17 Schriftgröße: AAA

EZB und virtuelles Geld: Draghis neue Baustelle

Die Europäische Zentralbank hat eine Studie über virtuelle Währungen verfasst. Was viele als Spielerei für Nerds abtun, ist den Währungshütern ernst. Sie sehen in Bitcoins und Linden-Dollars gar eine reale Bedrohung für die EZB.
© Bild: 2012 AFP/DANIEL ROLAND
Die Europäische Zentralbank hat eine Studie über virtuelle Währungen verfasst. Was viele als Spielerei für Nerds abtun, ist den Währungshütern ernst. Sie sehen in Bitcoins und Linden-Dollars gar eine reale Bedrohung für die EZB.
von Frankfurt

Ein Abend in Berlin. Kreuzberg, Graefekiez. Im Room 77 bestellt ein Gast ein Bier. Doch er kramt keine Münzen aus der Hosentasche. Stattdessen geht er an einen Computer und zahlt in virtueller Währung - mit Bitcoins. In Sekundenschnelle werden sie vom Gast- aufs Kneipenkonto gebucht, später können sie in Tauschbörsen gegen harte Euro, Dollar oder Yen gewechselt werden.

Lange galt diese unkonventionelle Zahlungsart als ein Zeitvertreib von IT-Nerds. Inzwischen jedoch ist sie in der Wirklichkeit angekommen. Bei Börsianern, Kneipengästen - und der Europäischen Zentralbank. Soeben widmete die EZB den Bitcoins und Linden-Dollars (der Währung der Internetwelt Second Life) gar eine eigene Studie.

Man könnte denken, es gäbe dringendere Probleme für eine Zentralbank. Schließlich vergeht kaum ein Tag ohne negative Meldungen aus Spanien oder Griechenland, ohne Spekulationen über eine Immobilienblase in China oder Berichte über die überbordende Verschuldung in Japan und den USA - all dies sind die Baustellen der EZB.

Doch den Währungshütern ist es ernst. Die Nutzung der virtuellen Währungen hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Schon bedrohen die Parallelwährungen ihre echten Vorbilder. Dabei sind viele Fragen ungeklärt: Wer emittiert das Geld? Wie ist es gedeckt? Ist es stabil? Welcher Kontrolle unterliegt es eigentlich?

Die EZB also hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht. Und kommt zu einem beruhigenden Schluss - zumindest teilweise: Die Preisstabilität ist durch die neuen Zahlungsmittel nicht bedroht, ebenso wenig gefährden sie das Finanzsystem - jedenfalls noch nicht. Dennoch bestehen schon jetzt Gefahren: etwa diverse finanzielle und rechtliche Risiken für die Nutzer. Auch Staaten müssen sich verstärkt mit dem Thema Kriminalität auseinandersetzen - Bitcoins werden gern als Hackerwährung bezeichnet und stehen im Ruf, für unkomplizierte Waffen- und Drogendeals genutzt zu werden. Zudem soll es Sicherheitslücken geben.

Die Zentralbank jedoch treibt eine viel größere Sorge um: der Reputationsverlust. Die EZB fürchtet um ihren Ruf. Würde eine virtuelle Währung zusammenbrechen und die Medien die Schuld dafür den Zentralbanken und ihrer mangelnden Kontrolle geben, wäre das Image ruiniert. Die Währungshüter müssen sich deshalb dringend der Bitcoins und Linden-Dollars dieser Welt annehmen - Bankchef Mario Draghi hat eine weitere Baustelle.

  • Aus der FTD vom 31.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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