Für Nokia wird es im November ernst. Gemeinsam mit Microsoft wagt der angeschlagene Handykonzern einen Neustart im Smartphonegeschäft. Kurz nach der Veröffentlichung der neuen Handysoftware Windows Phone 8 am Montagabend in den USA werden die Finnen im November zwei neue Smartphones auf den Markt bringen - Lumia 920 und Lumia 820.
Mit ihnen muss der Konzern einen Verkaufshit landen - oder zumindest einen Achtungserfolg. Denn Konzernchef Stephen Elop steht unter Druck, einen Beweis zu liefern, dass Nokia mittelfristig den Anschluss an die Spitzengruppe um Samsung, Google und Apple schaffen kann. "Das muss man langfristiger betrachten, aber die neuen Smartphones tragen einen großen Teil dazu bei", sagte Nokia-Deutschland-Chef Sebastian Ulrich der FTD über die Erfolgschancen. Es werde ein langer Weg zurück.
Dementsprechend betreibt der Konzern einen Aufwand wie selten zuvor. Das Marketingbudget von Nokia , Microsoft und weiteren Partnern ist laut Elop höher als bei den ersten Lumia-Handys, die 2011 vorgestellt wurden. Externe Vertriebsmitarbeiter werden geschult, Tausende Telefone für Shops der Partner vorbereitet und spezielle Events geplant, bei denen Interessenten in Einkaufsstraßen die neuen Telefone für ein paar Stunden ausleihen können. Besonders eng ist der Werberummel mit Microsoft abgestimmt. Läuft zum Beispiel im Fernsehen ein Windows-Phone-8-Spot von Microsoft, folgt wenige Clips später ein Lumia-Trailer. "Für uns ist wichtig, dass wir gemeinsam mit den Partnern den richtigen Schwung bei der Vermarktung bringen", so Ulrich.
In Deutschland werde das Lumia 920 für 649 Euro auf den Markt kommen, das Modell 820 werde knapp 500 Euro kosten, kündigte der Manager an. Zu den größten Mobilfunkpartnern in Deutschland gehören Vodafone , Deutsche Telekom und Freenet mit der Marke Mobilcom-Debitel.
Anfang 2011 hatten Elop und Microsoft-Chef Steve Ballmer ihre Schicksalsgemeinschaft geschmiedet, die ihnen Erfolg bei Smartphones und Tablet-Rechnern sichern soll. Nokia setzt bei Smartphones auf Microsoft und entwickelt Kartendienste für das Handybetriebssystem. Der Softwarekonzern überweist dafür mehrere Hundert Millionen Euro nach Finnland. Die ersten Windows-Telefone von Nokia verkauften sich mäßig.
Die zwei Konzerne haben vor allem ein Imageproblem. Jahrelang hinkten sie der Konkurrenz bei Soft- und Hardware hinterher. Kunden trauen daher den beiden nur noch wenig zu und nehmen Nokia-Windows-Handys in den Läden oft nicht mehr in die Hand. Auch Entwickler von Zusatzprogrammen sind zögerlich. "Jeder liebt ein Comeback" heißt daher die Botschaft, die Nokia derzeit auf hauswandhohen Plakaten verbreitet.
Es könnte das letzte Aufbäumen des einstigen Weltmarktführers sein. Floppt die Attacke, dürfte der Abstand zu Google , Samsung und Apple zu groß werden, um auf absehbare Zeit an der Spitze mit dabei zu sein.
Design, Kameraqualität sowie ortsbasierte Anwendungen wie Navigation seien die drei Themen, mit denen Nokia gegen Samsung und Apple punkten wolle, so Ulrich. "Das Thema Fotografie ist unheimlich wichtig", sagte der 35-jährige Manager, der seit Anfang dieses Jahres die Geschäfte der Finnen in Deutschland verantwortet.
Die Kamerafunktion der neuen Lumias ist laut ersten Tests gut. Doch bei der Vorstellung der neuen Telefone im September leistete sich der Konzern einen Marketing-GAU. So tauchte in einem Werbefilm, der die Qualität der Pureview-Technik sowie des Verwackelungsschutzes zeigen sollte, für einen Augenblick ein Kamermann mit Profiequipment auf - anstatt eines Mannes mit Lumia-Telefon, der die Szene angeblich komplett filmt.
Bei ortsbezogenen Diensten liefert Nokia derzeit einige der besten Lösungen. Grund ist unter anderem, dass der Konzern 2007 den Kartendienst Navteq gekauft hat und im Gegensatz zu Apple über eigene Kartendaten verfügt. Die Konkurrenz im eigenen Windows-Lager zu übertrumpfen wird jedoch nicht einfach. Denn Grundfunktionen sind in Nokias sogenannter Navigationsplattform Teil des neuen Microsoft-Handybetriebssystems. Und dies steht allen Handyherstellern zur Verfügung, die Windows Phone 8 einsetzen.