Er sieht aus wie ein Student, der vor einer großen Versammlung die Abschlussrede halten soll. Es sitzt alles nicht so recht. Nicht das Lächeln, nicht der gezwungen wirkende Small Talk mit den Sitznachbarn, nicht die gelbe, leicht gemusterte Krawatte auf dem blau-weiß gestreiften Hemd.
Risto Siilasmaa hat Grund, nervös zu sein. Der in Finnland bekannte Unternehmer und Investor hat am Donnerstag in Helsinki wohl den meistbeachteten Auftritt seiner Karriere hingelegt. Der 1966 geborene Finne ist am Donnerstagabend von Aktionären des kriselnden Handykonzerns Nokia zum neuen Aufsichtsratschef gewählt worden, teilte der Konzern mit.
Er folgt auf Nokia-Legende Jorma Ollila, der den Konzern geprägt hat wie niemand zuvor - er führte den Konzern in ungeahnte Höhen, leitete aber auch den Abstieg des einst weltgrößten Handyherstellers mit ein.
Der Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats vollzieht sich in einer der stürmischsten Phasen der Konzerngeschichte. Die vor rund einem Jahr gestartete Kooperation mit Microsoft zeigt nur wenig Wirkung im Kampf um lukrative Smartphone-Marktanteile, in Ländern wie Indien und China nehmen Billigkonkurrenten den Finnen Umsätze ab, der Konzern verbraucht viel Geld. So viel, dass zwei Ratingagenturen Nokias Anleihen auf Ramschstatus herabgestuft haben.
Dass seine Nationalität wohl einer der wichtigsten Gründe für seine Ernennung war, weiß Siilasmaa. Und so spielt er bereits vor der Hauptversammlung in Helsinki die nationale Karte. "Damit Nokia erfolgreich sein kann, wird unsere Unternehmenskultur bis in den Kern finnisch bleiben, mit Betonung auf Integrität, Entschlossenheit und harter Arbeit."
Balsam für die geschundene finnische Seele. Nicht nur Mitarbeiter bangen um Nokia. Das ganze Land schaut auf den Primus aus Espoo. Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, sollte die Wende scheitern. Zudem hat Nokia das kleine, hoch im Norden gelegene Land zu einem bekannten Hightechstandort gemacht.
Das ist ein Stichwort für den neuen Chefaufseher. Siilasmaa hat mit 22 Jahren das Antivirenunternehmen F-Secure gegründet und ist durch dessen Börsengang 1999 zwischenzeitlich zu einem der reichsten Finnen aufgestiegen. 2006 gibt er den Posten als F-Secure-Vorstandschef ab. Seitdem kümmert er sich verstärkt um seine Investments bei jungen Firmen aus der Technologie- und Medizintechnikszene wie Valimo Wireless, Mendor, Ekahau oder Frosmo.
Eine ähnliche Einstellung wie bei den meist jungen Gründern ist Siilasmaas Ziel bei dem Handykonzern. Er wolle einen "unternehmerischen Geist" bei Nokia fördern, erklärt der Investor, bevor er in den Sitzungsraum des Messe- und Kongresszentrums verschwindet. Es ist das fünfte Mal, dass er bei der Veranstaltung dabei ist. Seit 2008 ist er im Aufsichtsrat, unter anderem als Mitglied im Nominierungsausschuss, der mit dem Ex-Microsoft-Manager Stephen Elop im September 2010 den ersten Ausländer zum Vorstandschef machte.
Als Elop im Frühjahr 2011 die Kooperation mit Microsoft verkündete, verdoppelte er sein Nokia-Aktienpaket. Eine symbolische Geste der Unterstützung sei dies gewesen, erklärt Siilasmaa. "Ich bin zuversichtlich, das Nokia die richtige Mannschaft, die richtige Strategie und zunehmend die richtigen Produkte auf dem Markt hat, um uns durch den Übergang zu führen", legt er am Donnerstag nach.
Der Start des Kanadiers Elop ist wohl ein Grund, warum Siilasmaa ab Freitag das Aufsichtsgremium führt. "Seine Wahl bedeutet Kontinuität in einer Phase, in der Nokia mitten im Umbruch steckt", sagt Ben Wood, Analyst bei dem Marktforschungsunternehmen CCS Insight.
Obwohl im Ausland kaum bekannt, gehört der Investor in seiner Heimat zu den Lautsprechern. Regelmäßig äußert er sich zu politischen Themen, wie etwa Maßnahmen, um das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen, oder zur besseren Vernetzung von Informationen innerhalb von Behörden. 2009 leitete er gar eine Arbeitsgruppe, die die sozialen Auswirkungen des Militärdienstes untersuchen sollte.
Etwa ein Jahr ist nun Zeit bis zur ersten Hauptversammlung, die Siilasmaa leiten wird. Zeit für ihn, auch international an Statur zu gewinnen. Zeit für Nokia, die Wende zu schaffen. Denn spätestens bis zum kommenden Mai muss alles sitzen.