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Merken   Drucken   05.12.2011, 20:45 Schriftgröße: AAA

Sicherheitsrisiko Carrier IQ: Spähsoftware auch auf deutschen Handys entdeckt

Das Programm Carrier IQ steht im Verdacht, seine Nutzer heimlich zu bespitzeln. Nachdem der Skandal in den USA seinen Anfang nahm, sind Spuren der Software auch hierzulande aufgetaucht. Datenschützer sind alarmiert.
© Bild: 2011 FTD.de/None
Das Programm Carrier IQ steht im Verdacht, seine Nutzer heimlich zu bespitzeln. Nachdem der Skandal in den USA seinen Anfang nahm, sind Spuren der Software auch hierzulande aufgetaucht. Datenschützer sind alarmiert. von Nora Schlüter und Teresa Goebbels, Hamburg
Spuren der umstrittenen Analyse-Software Carrier IQ sind nun auch in Deutschland auf Tablets und Handys aufgetaucht. Das Programm, das auf mehr als 141 Millionen Geräten weltweit läuft, sorgt in den USA bereits für Aufregung. Es überwacht unerkannt Tastatureingaben - etwa beim Eintippen von SMS oder URLs - und sammelt Standortdaten. Auch Batteriestatus und laufende Anwendungen werden protokolliert. Der Nutzer wird nicht gefragt. Zumindest auf Android-Handys lässt sich die Software bislang nicht ohne Weiteres abschalten.
Der Hersteller Carrier IQ bietet das Programm für Gerätehersteller und Mobilfunkanbieter an. Letztere können etwa Informationen über abgerissene Telefonverbindungen, nicht gesendete SMS oder Systemabstürze sammeln, um die Netzqualität zu verbessern. Carrier IQ bestreitet, dass das Programm alle verfügbaren Informationen an das Unternehmen und dessen jeweiligen Auftraggeber weiterleitet. US-Senator Al Franken forderte Carrier IQ auf, bis zum 14. Dezember zu erklären, wozu welche Daten gesammelt werden - und was mit ihnen passiert. Auch Datenschutzbehörden in EU-Ländern wie Großbritannien haben Untersuchungen gestartet.
Die Gerätehersteller dementieren, Carrier IQ auf deutschen Handys ...   Die Gerätehersteller dementieren, Carrier IQ auf deutschen Handys vorinstalliert zu haben
Die Gerätehersteller dementieren, Carrier IQ auf deutschen Handys vorinstalliert zu haben. Inzwischen gibt es jedoch für Geräte mit Googles Betriebssystem Android Anwendungen, die nach Spuren der Schnüffelsoftware suchen. Damit fanden Redakteure der IT-Internetportale Golem.de, Heise.de und Chip.de auf etlichen Geräten Dateien, die wohl zu Carrier IQ gehören. Ob das Programm aktiv war, ließ sich nicht feststellen.
Die betroffenen Geräte stammten von Samsung und Huawei. Samsung prüft nach eigenen Angaben derzeit, woher die Dateien stammen. Huawei dementierte gegenüber Heise.de, Carrier IQ installiert zu haben. Auch die deutschen Mobilfunkanbieter streiten ab, das Programm einzusetzen. Vodafone , die Deutsche Telekom und O2 sammeln nach eigenen Angaben keine Daten von den Telefonen ihrer Kunden. Die Deutsche Telekom  habe von allen Smartphone-Herstellern, mit denen der Konzern zusammenarbeitet, eine schriftliche Stellungnahme zum Einsatz von Carrier IQ gefordert, sagte eine Sprecherin.
Sicher ist: Das Programm ist so eng mit dem Betriebssystem verknüpft, dass es entweder vom Hersteller oder vom Mobilfunkanbieter installiert werden muss. Seine beinahe unbeschränkten Befugnisse machen es zum Sicherheitsrisiko. "Falls das Programm eine Schwachstelle hat, kann man über diese auf alle Daten zugreifen, die es sammelt - das gilt für alle Smartphone-Anwendungen", sagt Stefan Ortloff vom IT-Sicherheitsspezialisten Kaspersky.
Auch aus rechtlicher Sicht ist Carrier IQ problematisch. Bayerns Datenschutzbeauftragter Thomas Kranig hat eine entsprechende Anfrage bei Apple gestellt. Der US-Konzern hatte eingeräumt, Carrier IQ auf iPhones eingesetzt zu haben - ab der neuesten Version des Betriebssystems, iOS 5, soll damit Schluss sein. Kranig sagte der FTD: "Ich muss wissen, was jemand über mich erhebt und zu welchem Zweck - dann ist im Wesentlichen dem Datenschutz Rechnung getragen."
Tatsächlich ist die Heimlichkeit der Datensammlung ein großes Problem. Google  und Apple  mussten sich im Frühjahr bereits rechtfertigen, weil ihre Handys in regelmäßigen Abständen ungefragt den Aufenthaltsort des Nutzers protokollierten. Dem sozialen Netzwerk Facebook wurde mehrfach vorgeworfen, Nutzer nicht gründlich genug über das Erheben von Daten zu informieren.
IT-Fachanwalt Jens Nebel von der Kanzlei Kümmerlein Rechtsanwälte und Notare erklärt: "Im Datenschutzrecht gilt das Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung - ich bin Herr meiner Daten und kann bestimmen, was mit ihnen geschieht." Wenn der Nutzer einverstanden ist, dürfe Carrier IQ Daten mitschneiden. Aber: "Es reicht nicht zu fragen: Bist du einverstanden, dass diese Software aktiviert wird und Daten über dich sammelt? Es müsste im Einzelnen beschrieben werden: Über welche Daten reden wir - Tastatureingaben, Telefonnummern? An wen gehen die Daten, zu welchem Zweck werden sie genutzt?" Die Gerätehersteller haben Nebel zufolge kein Anrecht auf derlei Nutzerdaten. Mit ihnen bestehe eine "einmalige Austauschbeziehung". Die ist mit Kauf des Geräts abgeschlossen.
  • Aus der FTD vom 06.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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