Der Kurznachrichtendienst steht offenbar im Visier von Google und Facebook. Twitters Maximalbewertung beträgt das 222-Fache des letzten Jahresumsatzes. Für Google könnte sich die teure Übernahme im Kampf gegen Facebook dennoch lohnen.
von Björn MaatzHamburg
Twitter wird in Gesprächen mit Kaufinteressenten mit bis zu 10 Mrd. Dollar bewertet. Unter anderem Facebook und Google hätten bei dem Internet-Kurznachrichtendienst zumindest vorgefühlt, berichtete das "Wall Street Journal" am Donnerstag. Die Gespräche seien jedoch bisher ergebnislos verlaufen. Noch im Dezember hatte Twitter bei Investoren 200 Mio. Dollar auf Basis einer Bewertung von nur 3,7 Mrd. Dollar eingesammelt.
Die Übernahme von Twitter würde nicht in die bisherige Strategie von Facebook passen. Das ebenfalls noch junge Unternehmen konzentriert sich bislang auf das eigene Produkt und entwickelt Strategien für die Verknüpfung von Facebook auf mobilen Endgeräten mit ortsbezogenen Diensten. Zudem hat das weltgrößte soziale Netzwerk erst jetzt die Gewinnschwelle erreicht. Google hingegen verfügt über Barreserven von rund 35 Mrd. Dollar. Mit Twitter hätte der Suchmaschinenbetreiber einen weltweit populären Mitteilungsdienst im Portfolio und damit ein Nutzer-Netzwerk, das Google zu einem ernsthaften Konkurrenzprodukt von Facebook ausbauen könnte. Twitter-Chef Dick Costolo und Mitgründer Evan Williams haben zuvor Start-ups an Google verkauft.
Die Bewertungen von Internet-Unternehmen schnellten zuletzt stark in die Höhe. So lockte das weltgrößte Online-Netzwerk Facebook Geld von Investoren zu einem Firmenwert von 50 Mrd. Dollar an. Der Schnäppchen-Dienst Groupon schlug ein 6 Mrd. Dollar schweres Kaufangebot von Google aus und wird inzwischen mit 15 Mrd. Dollar bewertet. Die aktuelle Twitter-Bewertung beträgt das 222-Fache des im vergangenen Jahr erzielten Umsatzes. Zum Vergleich: AOL übernimmt die Online-Zeitung "Huffington Post" für 315 Mio. Dollar - das Zehnfache des Jahresumsatzes 2010.
Zaghafter Einstieg ins Werbegeschäft
Bei Twitter können Nutzer bis zu 140 Zeichen lange Nachrichten absetzen und den Mitteilungen von anderen folgen. Das 2006 gegründete Startup hat rund 200 Millionen registrierte Mitglieder, wobei unklar ist, wie viele von ihnen den Dienst tatsächlich aktiv nutzen. Twitter tat sich bisher schwer, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden. Eine Überladung mit Werbung lehnten die Gründer von Anfang an ab - aus Angst, die Nutzer zu verschrecken. Unter dem neuen Chef Costolo wagt sich die Firma seit 2010 stärker ins Werbegeschäft vor, unter anderem mit bezahlten Tweets. Dabei zahlen Unternehmen für bestimmte Begriffe, die in den Nachrichten der Nutzer auftauchen. In welchem Umfang dies erfolgt und ob das regional beschränkt ist, weist Twitter nicht aus.
Gegründet wurde Twitter von Evan Williams (l.) und Biz Stone
Nach Informationen der Beratungsfirma Emarketer erzielte Twitter im vergangenen Jahr einen Werbeumsatz von 45 Mio. Dollar. Wegen des Ausbaus der Mitarbeiterzahl und der Technik-Infrastruktur habe es einen Verlust gegeben. Für dieses Jahr könnten die Werbeerlöse rund 150 Mio. Dollar einbringen. Zum Vergleich: Google erzielte 2010 einen Umsatz von 29 Mrd. Dollar, Facebook erlöste laut Emarketer 1,9 Mrd. Dollar.
Inzwischen kommt Twitter auf mehr als 350 Mitarbeiter. Vor einem Jahr waren es noch 100. Die Firma zählt neben Facebook, Groupon und dem Geschäftskunden-Netzwerk Linkedin zu den wahrscheinlichen Börsenkandidaten für dieses oder nächstes Jahr.
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