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Merken   Drucken   16.12.2009, 06:00 Schriftgröße: AAA

Recht + Steuern: Lesestoff für Juristen und Nichtjuristen

Für das schnelle Geschenk auf dem Nachhauseweg von der Kanzlei: Fünf Tipps für interessante und auch amüsante Bücher von Juristen, für Juristen und über Juristen. von Andreas Kurz und Thoralf Schwanitz
Prekariatsexamen Anwaltseltern, aufgepasst: Wehe, wenn der bisher mit Pro-Bono-Arbeit liebäugelnde Sprössling nach frisch bestandenem Examen plötzlich alle Ideale über Bord wirft - und doch in eine Wirtschaftskanzlei eintritt. Das könnte einen düsteren Grund haben.
"Der Anwalt" von John Grisham   "Der Anwalt" von John Grisham
Der Junior wird möglicherweise erpresst und tritt den Dienst in der Großsozietät nur darum an. Das ist jedenfalls die einzige Chance für den Protagonisten Kyle, Enthüllungen über eine verhängnisvolle Partynacht zu verhindern. Seine Erpresser fordern, dass er im Gegenzug für ihr Stillhalten bei der Scully & Pershing genannten Kanzlei anfängt und dort nach Unterlagen zu einem Prozess sucht.
In dem geht es um ein Rüstungsprojekt, schmutzige Politik und das große Geld. John Grisham turnt die neueste Übung in seiner Paradedisziplin Anwaltsthriller routiniert vor. Die Charaktere sind nicht allzu komplex gestrickt - genau richtig für eine Hollywood-Adaption, die bestimmt bald kommt. Und darum ist "Der Anwalt" auch genau richtig für unkomplizierte, aber packende Feiertagslektüre.
Der Anwalt
John Grisham | Heyne 2009 | 448 Seiten | 21,95 Euro | ISBN 783453266155
Strafe Wer einem Nichtjuristen die Welt und das Wirken eines Strafverteidigers näher bringen will, dem sei unbedingt Ferdinand von Schirachs "Verbrechen" ans Herz gelegt. Nicht nur wegen der klaren, präzisen, schönen Sprache, mit der er seine Geschichten komponiert. Sondern auch, weil man nur selten eine literarisch so gekonnte Auseinandersetzung mit dem Schuldprinzip des deutschen Strafrechts findet: Jeder Täter darf nur für das bestraft werden, was ihm persönlich zum Vorwurf gemacht werden kann.
"Verbrechen" von Ferdinand v. Schirach   "Verbrechen" von Ferdinand v. Schirach
Wie schuldig macht sich ein Mann, der nach 48-jähriger Ehehölle seiner Frau mit einer Axt den Schädel spaltet? Wie schuldig ist ein Berufskiller, dem sein Auftragsmord nicht nachgewiesen werden kann, und der danach in Notwehr tötet? Und wie werden sie bestraft? Schirach gibt vor, Geschichten zu erzählen, die sich in seiner Praxis zugetragen haben, beendet das Buch aber mit dem Magritte-Zitat "Ceci n'est pas une pomme". Was richtig ist und was falsch, ist eine Frage der Wahrnehmung. Richtig ist auch: Schirach ist ein außergewöhnliches Buch gelungen, für Juristen und Nichtjuristen gleichermaßen.
Verbrechen
Ferdinand v. Schirach | Piper 2009 | 208 Seiten | 16,95 Euro | ISBN 9783492053624
NS-Jurist SS-Obersturmführer Kurt Schmelz, bester Jurist seines Jahrgangs, wird 1943 als Ermittlungsrichter ins KZ Buchenwald geschickt, um Beweise gegen den Lagerkommandanten Karl Koch zu sammeln. Der soll sich durch Korruption und Mord bereichert haben, auf Kosten des Reichs - und auf Kosten anderer SS-Größen, die ihn hängen sehen wollen. Schmelz wälzt Akten, während um ihn mit grausamer Präzision die Mordmaschine eines Konzentrationslagers abläuft.
"Letzte Haut" von Volker Harry Altwasser   "Letzte Haut" von Volker Harry Altwasser
Der Schriftsteller Volker Harry Altwasser erzählt aus der heiklen Perspektive des Täters Schmelz, der zerrissen wird vom Ehrgeiz, in der NS-Bürokratie Karriere zu machen, und den Idealen eines Einserjuristen, für den Politik und Recht getrennt gehören - und der einen vergeblichen Kampf gegen das Böse im Bösen führt.
Altwassers hitzig diskutierter Roman ist nicht ohne Schwächen, der Einstieg holprig, die auftretenden SS-Männer kommen teils als Knallchargen daher, einige Stilmittel (das Ausrufezeichen!) werden bis zur Wirkungslosigkeit wiederholt. Trotzdem ist "Letzte Haut" ein spannendes Buch über eine deutsche Juristenkarriere - den Richter Schmelz hat es unter dem Namen Konrad Morgen tatsächlich gegeben.
Letzte Haut
Volker Harry Altwasser | Matthes und Seitz | 476 Seiten | 22,80 Euro | ISBN 9783882217445
Iberoschinken Barcelona um die vorvorletzte Jahrhundertwende: Don Rafel Massó i Pujade ist zwar einer der einflussreichsten Männer Kataloniens. Aber leicht hat er es nicht, der arme Don: Seine verbiesterte Frau macht ihm das Leben schwer, er träumt von vergangenen und potenziellen Liebschaften - am liebsten während der Sternenbeobachtung, seiner stillen Leidenschaft.
"Senyoria" von Jaume Cabré   "Senyoria" von Jaume Cabré
Im Job widersetzt er sich gewieft allen Angriffen missgünstiger Konkurrenten und hält sich erfolgreich auf seinem Posten als Präsident des Königlichen Gerichts. Don Rafel wähnt sich seines Amts recht sicher. Der Mord an einer französischen Sängerin wird für den Juristen jedoch gefährlich: Denn beim tatverdächtigen jungen Dichter Andreu Perramon findet die Polizei einen Brief, der Don Rafel in ernste Schwierigkeiten bringen könnte. Daher lässt er den Angeklagten zügig verurteilen. Der Polizeichef unterstützt ihn dabei - und arbeitet zugleich gegen ihn.
Egozentrisch, eiskalt, machtversessen - und erbärmlich: Jaume Cabrés Roman über einen Richter auf hohem Ross, der in den Abgrund blickt, schenkt dem Leser die Erkenntnis: andere Länder, gleicher Sittenverfall. Die dialogreiche Erzählweise ist dabei so lebendig, dass man Cabré die zig Preise, die er für "Senyoria" erhalten hat, am liebsten noch einmal überreichen möchte. Ein Tipp aus der Rubrik "Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch ...": Jaume Cabrés Roman "Die Stimmen des Flusses" ist ebenfalls auf Deutsch erschienen.
Senyoria
Jaume Cabré | Suhrkamp 2009 | 443 Seiten | 24,80 Euro | ISBN 9783518421024
Therapeutisch Mit diesem Buch stellt sich der Beck-Verlag seiner sozialen Verantwortung: Wer Juristen mit Fachliteratur versorgt, muss auch einen Ausgleich bieten. Und so macht sich der Autor Wilfried Ahrens, ein Oberstaatsanwalt, mit seiner Sammlung juristischer Sprachunfälle verdient um das rare Gut Humor in der Rechtsbranche. Den produzieren die Beteiligten selbst - meist unfreiwillig.
"Der Angeklagte erschien in Bekleidung seiner Frau" von ...   "Der Angeklagte erschien in Bekleidung seiner Frau" von Wilfried Ahrens
Das Buch zeigt schon im Titel, dass sich nicht nur Polizeibeamte, Kläger und Angeklagte im Rechtsvokabular verheddern. Auch Richter, Rechts- und Staatsanwälte scheitern. Kostprobe aus einem Gutachten der Jugendgerichtshilfe: "Wir nehmen an, dass es sich bei dem Jugendlichen um eine einmalige Verfehlung handelt." Die Kollektion köstlicher Aktenfunde hätte nur eines nicht gebraucht: das Bemühen des Autors, in den Überleitungen zwischen den Sprachperlen selbst noch witziger sein zu wollen. Darum lieber noch ein kleines Juwel aus der Praxis: "Der Schuldner teilte telefonisch mit, er sei unbekannt verzogen." Das perfekte Last-Minute-Geschenk aus dem Flughafenbuchladen.
Der Angeklagte erschien in Bekleidung seiner Frau
Wilfried Ahrens | C.H. Beck 2009 |
158 Seiten | 6,00 Euro | ISBN 9783406586972
  • FTD.de, 16.12.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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