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Merken   Drucken   13.10.2010, 16:44 Schriftgröße: AAA

Biotechnologie: Erster Einsatz von embryonalen Stammzellen am Menschen

Ärzte in den USA haben einem querschnittsgelähmten Patienten erstmals embryonale Stammzellen injiziert. Die ethisch umstrittenen Zellen haben ein großes Potenzial in der Therapie verschiedenster Krankheiten. von Michelle Röttger
Forscher sind auf dem Weg zu therapeutischen Transplantationen mit embryonalen Stammzellen einen großen Schritt weiter gekommen. Nach Erfolgen im Tierversuch, testet jetzt das US-Bioetch-Unternehmen Geron erstmals sein Produkt am Menschen. Am Shepherd Center, einem Forschungskrankenhaus für Rückenmarks- und Gehirnverletzungen in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, haben Mediziner einem Querschnittsgelähmter ein Präparat aus embryonalen Stammzellen injiziert.
Embryonale Stammzellen werden aus ethischen Gründen von Lebensrechtlern jeder Art abgelehnt. Die Zellen werden unter Vernichtung von Embryonen gewonnen, was lebensbejahende Organisationen wie etwa Kirchen ablehen. Doch Forscher sehen großes Potenzial in den Alleskönnern. Im Gegensatz zu schon ausgereiften Formen können sie sich noch in alle Zelltypen wandeln - von der Herzmuskel- bis zur Leberzelle. Mit ihnen wollen Mediziner in Zukunft kranke oder fehlerhafte Gewebe im menschlichen Körper ersetzen oder reparieren.
Embryonale Stammzellen in einer mikroskopischen Aufnahme   Embryonale Stammzellen in einer mikroskopischen Aufnahme
Alleskönner-Zellen für die Therapie
Wissenschaftler forschen seit mehr als einem Jahrzehnt an Stammzelltherapien. Während bei Knochenmarkstransplantationen schon seit mehr als 40 Jahren erfolgreich blutbildende Stammzellen von einem Menschen auf den anderen übertragen werden, gibt es bislang kaum klinische Versuche mit anderen Typen an Menschen. Zudem werden meist ausgereifte Stammzellen verwendet. Diese können sich nicht mehr zu jedem anderen Gewebe entwickeln, sind aber ethisch weniger bedenklich, weil sie ohne die Vernichtung von Embryonen gewonnen werden können.
Für das Präparat von Geron werden die Zellen aus Embryonen gewonnen, die bei der künstlichen Befruchtung übrig bleiben und ansonsten entsorgt würden. Forscher manipulieren sie so, dass sie sich zu Myelin aufbauenden Vorläuferzellen entwickeln. Myelin ist eine Hülle um die Nerven. Ist sie - wie bei einer Querschnittslähmung - beschädigt, können keine Signale mehr über den Nerv wandern. Langfristig soll das Mittel eine normale Signalübertragung über die Nerven im Rückenmark wiederhestellen, so dass die Lähmung nachlässt.
Erst Sicherheitstests, dann Heilversuche
Ziel der ersten Phase der klinischen Studie ist jedoch nicht, Heilungserfolge nachzuweisen, sondern erst einmal die Sicherheit des Mittels nachzuweisen. Dazu will das Biotech-Unternehmen sein Mittel in den folgenden zwei Jahren an acht bis zehn weiteren Querschnittsgelähmten testen. In Frage kommen nur Patienten, die sich freiwillig melden und deren Verletzung des Rückenmarks nicht länger als vierzehn Tage zurückliegt. Jeder Patient soll nach der Behandlung ein Jahr lang regelmäßig untersucht werden.
Von der Beschränkung der staatlichen Forschungsförderung an embryonalen Stammzellen, die seit August für Aufsehen sorgt, ist Geron nicht betroffen. Das US-Unternehmen finanziert seine Forschung privat.
In den USA gibt es weitere Unternehmen, die in ähnlichen Bereichen forschen. Advanced Cell Technology steht mit einer embryonalen Stammzelltherapie etwa ebenfalls kurz vor der Zulassung für erste klinische Studien durch die US-Behörde für Arznei- und Lebensmittelsicherheit. Ihr Mittel soll langfristig Patienten mit einer Form der Makula Degeneration, einer genetisch bedingten Augenkrankheit, helfen.
  • FTD.de, 13.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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