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Merken   Drucken   30.07.2012, 10:15 Schriftgröße: AAA

Öko-Projekt der Bundeswehr: Bakterien verputzen Sprengstoff-Reste

Sprengstoff-Rückstände können in der Nähe von Truppenübungsplätzen Tiersterben auslösen - aber nicht im bayerischen Wildflecken. In einem einzigartigen Projekt beseitigen dort Bakterien nach Sprengübungen giftige Überreste.

Schulterhohes Schilfgras wiegt sich leicht im Wind. Am Ufer eines Teiches quakt ein Frosch, während ein paar Meter weiter Wasser aus einem Rohr in einen Bach plätschert. Was aussieht wie ein Biotop, ist Teil einer biologischen Kläranlage auf einem Truppenübungsplatz im Landkreis Bad Kissingen. Im unterfränkischen Wildflecken in der bayerischen Rhön gibt es deutschlandweit den einzigen Öko-Sprengplatz der Bundeswehr. Wo sonst Überreste der explodierten Waffen langsam im Boden versickern, werden die Sprengstoffrückstände hier fast vollständig von Bakterien abgebaut. Den ökologischen Platz gibt es seit 2002.

Stabsfeldwebel Bernhard Rieger steht vor dem Teich des ...   Stabsfeldwebel Bernhard Rieger steht vor dem Teich des deutschlandweit einzigen ökologischen Sprengplatzes

Er besteht aus dem eigentlichen Sprengplatz auf einer ebenen Anhöhe und einer Kläranlage, die am Fuß einer kleinen Böschung liegt. Soldaten üben dort den Umgang mit Sprengstoff en in Kriegs- und Krisensituationen. "Auf den ersten Blick ist das Areal von anderen Sprengplätzen nicht zu unterscheiden", sagt Stabsfeldwebel Bernhard Rieger. 2011 sind in Wildflecken nach seinen Angeben 1900 Kilogramm Sprengstoff detoniert - vor allem TNT und Nitropenta. Wenn neue Munition getestet werde, blieben meist geringe Mengen übrig - und die könnten über Niederschläge in den Boden und in Gewässer gelangen und so die Umwelt belasten.

Die Besonderheit des rund 1250 Quadratmeter großen Platzes versteckt sich auf einer Böschung hinter dem Platz unter der Erdoberfläche: Regenwasser sickert nicht ungehindert ins Erdreich, sondern wird durch eine Dämmschicht aus Matten in drei Metern Tiefe zurückgehalten. Von dort fließt es über einen Schacht in ein Funktionsgebäude, wird in ein Becken und schließlich in einen Teich geleitet, wo spezielle Bakterien leben.

Zunächst wird dem abfließenden Wasser Melasse zugegeben. "Der Zuckersirup dient ihnen als Hauptnahrung", sagt Anja Hebner, Projektmanagerin bei dem Unternehmen Bioplanta in Leipzig. Der Sprengstoff sei nur Beifutter. Bioplanta entwickelte das Verfahren im Auftrag der Bundeswehr. Dem Verteidigungsministerium zufolge gibt es in Deutschland 24 Truppenübungsplätze. An rund 12 Standorten können Einheiten Sprengungen üben.

In dem Becken und dem Teich geschieht der eigentliche Abbau der Sprengstoffe - dort zersetzen die Organismen die Sprengstoff-Rückstände. Die Abbauprozesse laufen Hebner zufolge in der Natur auch von selbst ab, jedoch so langsam und in so geringem Umfang, dass dabei kaum Sprengstoff abgebaut wird. Das Verfahren könne Belastungen an Sprengstoff-Produktionsstätten minimieren. "Der Öko-Sprengplatz ist jedoch bisher das einzige Großprojekt dieser Art in Deutschland", sagt die Ingenieurin.

Grund dafür sind auch die hohen Kosten: Rund 640.000 Euro hat die Umrüstung des Sprengplatzes gekostet. Doch das hat sich wohl bislang ausgezahlt: Nach Auskunft von Werner Nöth, Sachbearbeiter für Altlasten im Landratsamt Bad Kissingen, sind die Messwerte zufriedenstellend. "Es gibt keine Auffälligkeiten, alles im grünen Bereich." Zweimal im Jahr würden Proben genommen. Zum Teil könnten überhaupt keine Rückstände mehr im Wasser nachgewiesen werden.

Anlass für den Umbau des alten Sprengplatzes in Wildflecken sei der Fund toter Fische Ende der 90er Jahre in einem nahe gelegenen Bach gewesen, sagt Hauptmann Manfred Heß, der als Presseoffizier für den 7282 Hektar großen Truppenübungsplatz zuständig ist. Der Sprengplatz sei zwar nie als Ursache für das Tiersterben ermittelt worden, aber die Bundeswehr sei für die Problematik des versickernden Wassers sensibilisiert worden. Sprengstoff im Wasser hätte sonst immer wieder für Unmut in der Bevölkerung gesorgt, sagt er. Einige Stoffe stünden im Verdacht, Krankheiten zu verursachen.

  • dpa, 30.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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