Gerüchte gedeihen nur dann gut, wenn man sie für möglich hält. Bei der Klimakonferenz in Cancún halten die Delegierten gerade so gut wie jeden schmutzigen Trick für möglich, was viel mit der Vorgeschichte zu tun hat. Die Vorsitzende der Konferenz, Mexikos Außenministerin Patricia Espinosa weiß das. Darum hat sie die Delegierten zu Beginn der heißen Phase zur Sonderschicht geladen. "Es gibt keinen versteckten Text und keine geheimen Verhandlungen", ruft Espinosa den Delegierten zu. Sie weiß, was in den Fluren gemunkelt wurde. Keine internationale Konferenz könne ohne Vertrauen zwischen den Staaten gelingen. Dann verspricht sie, dass sie alle immer informieren will.
Die große Umsicht hat einen einfachen Grund: Der Gipfel in Kopenhagen vor einem Jahr hat viel Vertrauen zerstört. Damals mussten die Delegierten erfahren, dass es ganz egal war, was sie in monatelanger Vorbereitung erarbeitet hatten. Erst tischten die Dänen einen ganz eigenen Text auf. Und am Ende spielten die USA und China ihr eigenes Spiel: 23 wichtige Regierungschefs durften mit dabei sein, 170 andere mussten stundenlang im Plenum warten. Das Ergebnis, die Kopenhagen-Vereinbarung, hatte nichts mehr mit den vorherigen Verhandlungen zu tun. "Das ist eine Erfahrung, die man so nicht wiederholen sollte", sagt auch Umweltminister Norbert Röttgen.
Wie wenig ihre Arbeit zählte, wurde den Delegierten auch in Cancún noch einmal mit den Veröffentlichungen von Wikileaks schmerzlich bewusst, die pünktlich zur Konferenz bekannt wurden. Sie zeigen nicht nur, wie die US-Regierung Entwicklungsländer mit Geld für ihre Positionen gewann. Sie zeigen auch, wie machtlos Europa einem lange vorbereiteten Bündnis zwischen China und den USA gegenüber stand.
Psychologisch geht es in Cancún also vor allem darum, dass Minister und Unterhändler wieder daran glauben, dass ihre Arbeit einen Sinn hat. Gastgeber Mexiko hat darum strenge Regeln eingeführt: keine Parallelverhandlungen, keine Geheimpapiere, und Kleingruppen nur, wenn danach alle informiert werden. Die deutsche Delegation attestiert Mexiko "große Vorsicht". Greenpeace-Klimaexperte Martin Kaiser lobt: "Mexiko hat es geschafft, Vertrauen aufzubauen."
Sogar die USA und China geben sich nach innen wie nach außen konziliant und klimafreundlich. So friedlich ist die Stimmung, dass selbst die sonst so kritischen Nichtregierungsorganisationen am Montag auf Kritik verzichten. "Alles in Ordnung", hieß es zur Begründung. Ein erfahrener Unterhändler schwärmt: "Wenn das so weitergeht, können wir den bösen Geist von Kopenhagen begraben."