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Merken   Drucken   09.12.2010, 16:16 Schriftgröße: AAA

Klimakonferenz: Die Verhandlungsklimaretter

In Cancún ringt die Welt mal wieder um den Schutz der Atmosphäre. Vor allem aber geht es um das Klima im Konferenzgebäude.
© Bild: 2010 reuters
In Cancún ringt die Welt mal wieder um den Schutz der Atmosphäre. Vor allem aber geht es um das Klima im Konferenzgebäude. von Nikolai Fichtner  Cancún
Gerüchte gedeihen nur dann gut, wenn man sie für möglich hält. Bei der Klimakonferenz in Cancún halten die Delegierten gerade so gut wie jeden schmutzigen Trick für möglich, was viel mit der Vorgeschichte zu tun hat. Die Vorsitzende der Konferenz, Mexikos Außenministerin Patricia Espinosa weiß das. Darum hat sie die Delegierten zu Beginn der heißen Phase zur Sonderschicht geladen. "Es gibt keinen versteckten Text und keine geheimen Verhandlungen", ruft Espinosa den Delegierten zu. Sie weiß, was in den Fluren gemunkelt wurde. Keine internationale Konferenz könne ohne Vertrauen zwischen den Staaten gelingen. Dann verspricht sie, dass sie alle immer informieren will.
Die große Umsicht hat einen einfachen Grund: Der Gipfel in Kopenhagen vor einem Jahr hat viel Vertrauen zerstört. Damals mussten die Delegierten erfahren, dass es ganz egal war, was sie in monatelanger Vorbereitung erarbeitet hatten. Erst tischten die Dänen einen ganz eigenen Text auf. Und am Ende spielten die USA und China ihr eigenes Spiel: 23 wichtige Regierungschefs durften mit dabei sein, 170 andere mussten stundenlang im Plenum warten. Das Ergebnis, die Kopenhagen-Vereinbarung, hatte nichts mehr mit den vorherigen Verhandlungen zu tun. "Das ist eine Erfahrung, die man so nicht wiederholen sollte", sagt auch Umweltminister Norbert Röttgen.
Wie wenig ihre Arbeit zählte, wurde den Delegierten auch in Cancún noch einmal mit den Veröffentlichungen von Wikileaks schmerzlich bewusst, die pünktlich zur Konferenz bekannt wurden. Sie zeigen nicht nur, wie die US-Regierung Entwicklungsländer mit Geld für ihre Positionen gewann. Sie zeigen auch, wie machtlos Europa einem lange vorbereiteten Bündnis zwischen China und den USA gegenüber stand.
Psychologisch geht es in Cancún also vor allem darum, dass Minister und Unterhändler wieder daran glauben, dass ihre Arbeit einen Sinn hat. Gastgeber Mexiko hat darum strenge Regeln eingeführt: keine Parallelverhandlungen, keine Geheimpapiere, und Kleingruppen nur, wenn danach alle informiert werden. Die deutsche Delegation attestiert Mexiko "große Vorsicht". Greenpeace-Klimaexperte Martin Kaiser lobt: "Mexiko hat es geschafft, Vertrauen aufzubauen."
Sogar die USA und China geben sich nach innen wie nach außen konziliant und klimafreundlich. So friedlich ist die Stimmung, dass selbst die sonst so kritischen Nichtregierungsorganisationen am Montag auf Kritik verzichten. "Alles in Ordnung", hieß es zur Begründung. Ein erfahrener Unterhändler schwärmt: "Wenn das so weitergeht, können wir den bösen Geist von Kopenhagen begraben."
Die Frage ist nur, ob das reicht. Denn die Aufgaben der globalen Klimapolitik sind geblieben: das Zwei-Grad-Ziel, Anreize gegen Abholzung, einen milliardenschweren Klimafonds für Entwicklungsländer und Regeln, die dafür sorgen, dass die armen Länder das Geld wirklich für den Klimaschutz ausgeben. Wenn es gut läuft, gibt es in Cancún Beschlüsse. Die könnte man in den nächsten Jahren zu einem Abkommen ausbauen.
Aber wenn es schlecht läuft, dann ist der ganze Prozess in Gefahr, auch darum arbeiten sie gerade so diszipliniert. "Nach einer zweiten Erfahrung des Scheiterns würde man das Ende des UN-Prozesses diskutieren", sagt Röttgen. "Daran hat keiner ein Interesse." Nur in den Vereinten Nationen sind alle Staaten am Tisch. Bieten sie keine Aussicht auf Erfolg mehr, würden sich die Staaten entweder ganz vom Klimaschutz abwenden, oder kleinere Foren suchen.
Doch in der Uno ist es wie immer im Leben: Je mehr Beteiligte mitreden, desto mühsamer ist die Einigung. Und es ist längst nicht bewiesen, dass das transparente Verfahren zum Erfolg führt. Darum ist auch in Cancún noch nicht ausgemacht, ob die guten Vorsätze halten, wenn die Zeit am Ende knapp wird. "Transparenz ist ja wichtig", sagt ein europäischer Delegierter. "Aber ohne Hinterzimmer ist noch nie was rausgekommen." Die Frage wird dann bloß wieder sein, wer drin sitzen darf.
  • FTD.de, 09.12.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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