Der gefürchtete Umschwung der Witterung hatte sich schon mit steigenden Temperaturen im Pazifik angekündigt, nun haben es neue Daten des japanischen Wetterdienstes bestätigt: El Nino ist bereits im Anmarsch. Schon am Donnerstag hatte der US-Wetterdienst gewarnt, dass das gefürchtete Wetterphänomen in diesem Jahr so gut wie sicher sei. Durch die ungewöhnlich starke Erwärmung des Wassers vor der lateinamerikanischen Pazifikküste geraten die dort üblichen Meeresströmungen durcheinander, die wiederum weltweit das Klima beeinflussen. El Nino tritt in der Regel alle vier bis zwölf Jahre auf. Im Jahr 1998 starben rund 2000 Menschen an seinen Folgen. Die Schäden durch Ernteausfälle gingen damals in die Milliarden. Vor drei Jahren verzögerte El Nino den Beginn des Monsuns in Indien und trieb dadurch den Zuckerpreis auf den höchsten Stand seit 30 Jahren.
Die große Frage nun ist, wie stark das Phänomen diesmal ausfällt und wie lange es anhält. Denn schon jetzt treibt die Dürre in den USA die Maispreise, auch Soja und Weizen, werden immer teurer: Mais (816 US-Cent je Scheffel) und Soja (1714 US-Cent je Scheffel) kletterten zum Wochenausklang auf ein neues Fünf-Jahres-Rekordhoch, der Weizenpreis ist binnen eines Jahres um mehr als 25 Prozent auf zuletzt 895 US-Cent je Scheffel gestiegen. Die Angst vor einer Eskalation der weltweiten Nahrungskrise ist zurück.
Und Experten rechnen auch langfristig mit weiterem Preisauftrieb - nicht zuletzt da ein starker El Nino zu großen Dürren in Australien, Teilen Afrikas, in Südostasien und Indien führen kann. Während durch die Erwärmung der Wassertemperatur im Pazifik verbesserte Ernten von Mais und Soja in Südamerika zu erwarten sind, dürfte die Getreideernte in Australien schwer getroffen werden, ebenso die Kaffee-, Kakao-, Reis- und Zuckerproduktion in Südostasien. Japan und Teilen Nordamerikas könnte El Nino wärmeres und feuchteres Wetter bringen, wohl aber zu spät für die von der schlimmsten Dürre seit 56 Jahren betroffene US-Maisernte. Indien droht dagegen ab September ein deutlicher Rückgang der Regenmengen, und das nach einer bereits unberechenbaren Monsunzeit in diesem Jahr.
Die Auswirkungen El Ninos könnten auch zu einem weiteren Preisschub bei Lebensmitteln führen - im Juli ist der von der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ermittelte Lebensmittelpreisindex um sechs Prozent auf 213 Punkte gestiegen. Allein der Preis für Mais kletterte vor allem wegen der US-Dürre in den vergangenen zwei Monaten um 60 Prozent. Am Donnerstag warnten die Vereinten Nationen vor dem Ausbruch einer ähnlich verhängnisvollen Krise wie vor vier Jahren, als steigende Preise in vielen Ländern zu gewaltsamen Protesten führten. Damals trug ein Mix aus einer ganzen Reihe von Faktoren wie hohen Ölpreisen, schlechtem Wetter, Exportbeschränkungen zu gewaltsamen Protesten in armen Ländern wie Ägypten, Kamerun und Haiti bei, weil sich die Menschen immer weniger zu Essen leisten konnten. Auch Spekulationsgeschäfte auf Ernte-Ausfälle und die zunehmende Produktion von Biokraftstoffen sollen die Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben haben.
Die steigenden Lebensmittelpreise lockten im Juli auch wieder mehr Investoren in Fonds auf Agrarrohstoffe. Die Zuflüsse in börsennotierte Indexfonds und andere Anlageformen, die sich auf Terminkontrakte und Indizes für Agrarprodukte beziehen, erreichten mit knapp 110 Millionen Dollar den höchsten Wert seit März 2011, wie eine Statistik des Analysehaus Lipper zeigt. Das Gesamtvolumen von Agrarfonds liegt mit rund 2,76 Mrd. Dollar allerdings deutlich unter dem Wert vom März des vergangenen Jahres, als Anleger 6,4 Mrd. Dollar in solche Produkte investiert hatten.
Nach Ansicht von Lipper-Analyst Matthew Lemieux werden die Investoren auch im August weiter Geld in Agrarfonds stecken. "Wir werden wohl noch mehr Zuflüsse sehen, wenn die Preise für Nahrungsmittel weiter steigen. Das dürfte so lange anhalten, bis sich an der Dürre in den USA und anderen Gegebenheiten etwas ändert, die die Preise weltweit in die Höhe treiben."