Viele Leute wollen ein iPhone, aber nicht unbedingt eines der aktuellen Modelle. Sie warten auf die nächste Version des Apple-Smartphones, das im Herbst erscheinen dürfte. Die Aufschieberei stört Tim Cook kaum, sagt er. "Ich freue mich, dass die Leute das nächste Ding wollen - das macht mich superhappy", sagte der Apple-Chef bei der Vorlage der Geschäftszahlen gegenüber Analysten. Es werde viel spekuliert über neue Apple-Produkte, und basierend auf dem Echo sei er "ziemlich überzeugt, dass die künftigen Produkte mit unglaublicher Vorfreude erwartet" würden.
Die freudige Erwartung hat ihre Schattenseiten. Sobald Gerüchte über ein neues iPhone auftauchen, schieben die Kunden ihre Käufe um Monate hinaus. Das macht sich bei Apples Geschäftszahlen bemerkbar. Um so mehr, weil das vor fünf Jahren eingeführte Handy fast die Hälfte des Konzernumsatzes ausmacht und damit Apples größter Umsatzbringer ist.
So beginnt sich ein Muster abzuzeichnen: Apple legt zwei Quartale mit sagenhaften Gewinn- und Umsatzsprüngen hin, gefolgt von zwei nicht ganz so berauschenden Quartalen, in denen die Kundschaft auf das nächste iPhone aus Cupertino wartet. "Wir bezeichnen das als die '180 Tage Erleuchtung' und die '180 Tage Dunkelheit'", sagte Brian Marshall, Analyst bei der ISI Group.
Apple kann laut Cook nicht viel mehr dagegen tun, als mit aller Macht zu versuchen, die Produktpläne geheim zu halten: "Aber das hält die Leute nicht vom Spekulieren ab, und ich werde deshalb keine Energie darauf verwenden, das zu ändern."
Im jüngsten Quartal trugen die verzögerten iPhone-Käufe maßgeblich dazu bei, dass Apples Wachstumstempo gegenüber dem vergleichbaren Vorjahresquartal drastisch einbrach und der Konzern die Erwartungen der Analysten verfehlte. Der Umsatz kletterte um 23 Prozent auf 35 Mrd. Dollar, ein Wachstum, von dem andere Technologiekonzerne selbst in besseren Wirtschaftslagen nur träumen können. Im Vergleich zum zweiten Quartal, in dem der Umsatz ein Plus von 59 Prozent hinlegte, ist die Leistung aber eher schwach.
Der Gewinn stieg im dritten Quartal um 21 Prozent auf 8,8 Mrd. Dollar - kein Vergleich mit dem Wachstum von 94 Prozent im vorangegangenen Quartal. Der Gewinn pro Aktie lag bei 9,32 Dollar. Analysten hatten im Durchschnitt mit 37,2 Mrd. Dollar Umsatz und einen Gewinn von 10,37 Dollar je Anteilsschein gerechnet.
Es war eine große Enttäuschung für den Konzern, der seit 2003 nur ein Mal hinter den Erwartungen zurück blieb und zwar in dem im September 2011 beendeten Quartal. Apple-Kunden warteten auf das im Oktober eingeführte iPhone 4S, das dem Konzern wiederum zu einem Rekordquartal verhalf.
Die Enttäuschung im dritten Quartal kam nicht völlig überraschend. Einige Analysten hatten bereits gemutmaßt, dass Apples Geschäftszahlen unter den Erwartungen liegen könnten. Zwar wurden 26 Millionen iPhones verkauft, ein Plus von 28 Prozent gegenüber dem dritten Quartal des Vorjahres. Die von Apples riesigen Wachstumssprüngen verwöhnten Analysten hatten aber mit über 28 Millionen Stück gerechnet.
Am Dienstag reagierte die Apple-Aktie mit Abschlägen auf den Quartalsbericht, den Apple-Chef Cook nach Börsenschluss präsentierte: Der Kurs brach im nachbörslichen Handel an der Nasdaq um mehr als fünf Prozent auf rund 570 Dollar ein.
Hinweis auf das Muster der zwei Rekord- und der zwei mauen Quartale ist auch Apples Ausblick auf den laufenden Dreimonatszeitraum. Zwar ist der Konzern für konservative Prognosen bekannt, die er fast ausnahmslos überbietet. Aber die am Dienstag abgegebene Prognose, die deutlich unter den Erwartungen der Analysten lag, ist selbst für Apple bemerkenswert niedrig: Finanzchef Peter Oppenheimer stellte einen Gewinn je Aktie von 7,65 Dollar bei einen Umsatz von 34 Mrd. Dollar in Aussicht.
Analysten rechnen mit einem Gewinn von 10,23 Dollar und einem Umsatz von 38 Mrd. Dollar. Sie sind optimistisch, dass nach den zwei - für Apples Verhältnisse - dürren Quartale, die "180 Tage Erleuchtung" folgen werden. "Der nächste große Produktzyklus mit dem iPhone 5 wird größere Auswirkungen auf das Dezember-Quartal haben", schrieb Ben Reitzes von Barclays Capital in einem Bericht.
Apple litt laut Oppenheimer im Berichtsquartal auch unter der Konjunkturschwäche in Europa und Ländern wie Australien, Brasilien und Kanada. Hinzu kam der starke Dollar und die Tatsache, dass das neueste iPad-Tablet und die rundum erneuerte MacBook-Familie noch nicht im wichtigen chinesischen Markt erhältlich war.
Apple verkaufte im jüngsten Quartal 17 Millionen iPads, die 9,17 Mrd. Dollar Umsatz einbrachten - ein Rekord. Das waren deutlich mehr als die 15,4 Millionen Stück, mit denen Analysten gerechnet hatten. Die Zahlen konnten aber den iPhone-Dämpfer nicht wettmachen. Und da viele Kunden zu den billigeren iPads griffen, war der Durchschnittspreis geringer. Apple führte das neue iPad im März ein und senkte die Preise der älteren Modelle.
Cook sagte in der Telefonkonferenz mit Analysten wie immer wenig zu künftigen Produkten, sprach aber mehrmals vom "Herbstübergang" und versprach "tolle Produkte". Beobachter rechnen neben einem neuen iPhone auch mit einem kleineren iPad, das direkter als die aktuellen iPads mit dem Kindle Fire von Amazon und dem neuen Google -Tablet Nexus 7 konkurrieren würde. Fans hoffen auch auf neue Mac-Rechner und neue iPods.
Apple verwies auch beim erwarteten Rückgang der Bruttogewinnmarge von 42,8 Prozent im dritten Quartal auf 38,5 Prozent im vierten Quartal auf die Produktveränderung im Herbst. Das könnte ein Hinweis auf ein kleineres iPad sein, dass günstiger wäre als das neue iPad mit zehn Zoll Bildschirmdiagonale. Als weiteren Grund gab Apple den stärkeren Dollar an.
Um noch mehr Schwung in seine Traditionssparte Computer zu bringen, beginnt Apple am Mittwoch mit dem Verkauf seiner neuesten Betriebssystemversion Mountain Lion. Der Konzern - mit einer Marktkapitalisierung von 562 Mrd. Dollar das wertvollste Unternehmen der Welt - verzeichnet im Gegensatz zur Konkurrenz steigende Computerverkäufe.
Apple erhöhte den Mac-Absatz um zwei Prozent auf vier Millionen Geräte, während die PC-Branche laut IDC zwischen April und Juni einen Rückgang von einem Prozent verzeichnete. Mit Mountain Lion treibt Apple die Integration von Software und Diensten über seine Computer sowie iPads und iPhones hinweg voran. Microsoft hat mit der nächsten Version seines Betriebssystems das gleiche vor. Windows 8 für PC und Tablet kommt allerdings erst Ende Oktober.